IV / 2018 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 13 Oct 2019 12:46:41 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png IV / 2018 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 2018-04 https://ansch.4lima.de/inhalt/2018-04/ Thu, 10 Oct 2019 12:21:10 +0000 https://anschlaege.at/?post_type=inhaltsverzeichnis&p=13205 ]]> ]]> heimspiel: Queer-Mutti* auf Schiene https://ansch.4lima.de/heimspiel-queer-mutti-auf-schiene/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-queer-mutti-auf-schiene/#respond Tue, 29 May 2018 06:39:19 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9811 Illustration: Sabrina WegererMich trennen neun Zugstunden von meinem Kind. Von THEO HOFFNUNGSTHAL]]> Illustration: Sabrina Wegerer

leben mit kindern

 

Ich lebe nicht mit meinem Kind zusammen. Uns trennen circa neun Zugstunden.
Einmal im Monat fahre ich zu meiner zehnjährigen Tochter T. ins Nachbarland und verbringe ein paar Tage mit ihr in einem kleinen WG-Zimmer in ihrer Stadt. Sie wohnt ein paar Straßen weiter mit ihrer biologischen Mutter. In den Ferien besucht T. mich länger in Wien.
Gerade rollt der Zug durch die Landschaft der ehemaligen DDR. Die Frau* mir gegenüber im Abteil pendelt beruflich, sagt sie. Die Kinder sind schon aus dem Haus. Sie ist bereits am frühen Morgen in Gesprächslaune und fragt neugierig.
Meine Part-Time-Mutter*-Realitäten öffnen bei meiner Sitznachbar*in spontan eine Gedankenschleuse über Mutter*bilder, -gefühle und -funktionen. Mir fließen Kindheitserinnerungen und ihre Reflektionen über instabile familiäre Beziehungen entgegen.
Sie erzählt mir, dass ihre Mutter* sie kurz nach der Geburt in eine Wochenkrippe gegeben hatte, eine staatliche Institution der DDR, die der werktätigen (oft schichtarbeitenden) Frau eine kinderlose Arbeitswoche ermöglichte – bzw. sie erzwang, je nach Perspektive. Erst heute finden vorsichtige Gespräche mit ihrer Mutter* über dieses Getrenntsein statt. Ein gemeinsames Herantasten an vergangene Enttäuschungen, Verluste, Sehnsüchte, gesellschaftliche, ökonomische, ideologische Zwänge, Entscheidungen, an das (Nicht-)Verbundensein und Verzeihen scheint für beide erst fünfzig Jahre später möglich und nötig.
Nach einem hundert Kilometer langen, offenen, weitestgehend wertfreien Gespräch verabschiedet sich meine Sitznachbar*in mit den Worten: „Sie machen das schon ganz richtig so.“
Was? Hatte ich etwa den Eindruck vermittelt, dass ich Gutheißung, Trost, Absolution benötigte? Oder bin ich nur die Spiegelfläche ihres Mutterbildes*, mit dem sie in Verhandlung ist?
Ob der Rhythmus meiner eigenen Mutterpräsenz und -abwesenheit richtig oder falsch ist, weiß ich nicht. Er ist. Es fühlt sich auch nicht gut an. Es fühlt sich eben an.

 

Theo Hoffnungsthal, aufgewachsen in den Siebzigern der ehemaligen BRD, mit Mutter*, die selbstverständlich Hausfrau zu sein hatte und physisch immer da war, führt manchmal mit diesem erlebten Mutter*bild einen heimlichen inneren Dialog, während außen das laute Gekreische der Mutter*konstruktionswahnsinne tobt.

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an.sehen: Poesie statt Politik https://ansch.4lima.de/an-sehen-poesie-statt-politik/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-poesie-statt-politik/#respond Sun, 27 May 2018 21:19:22 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9739 Auf der Suche nach Oum Kulthum © FilmladenSHIRIN NESHATS neuer Film über einen arabischen Superstar. Von MAXI BRAUN]]> Auf der Suche nach Oum Kulthum © Filmladen

„Auf der Suche nach Oum Kulthum“ ist ästhetisch formvollendet und narrativ komplex, bleibt inhaltlich aber saftlos. Von MAXI BRAUN

 

Eine Frau im grünen Kleid schreitet durch endlos verschachtelte Räume. Eine jüngere Frau folgt ihr, sie ist ganz in Schwarz gekleidet, trägt einen modernen Kurzhaarschnitt. Die ersten sechs Minuten des Films, der immerhin von einer der berühmtesten Sängerinnen der arabischen Welt handelt, kommen gänzlich ohne Ton aus. Jede Einstellung ist durch Türen und Flure abermals gerahmt, horizontal wie vertikal wiederholt sich die Quadrierung und schafft so ein Bild im Bild. Diese Exposition nimmt visuell schon die verschachtelte Narration vorweg, die kunstvoll das Leben Oum Kulthums mit den Figuren im Film, aber auch mit dem Leben der Regisseurin Shirin Neshat verwebt.

Arabischer Superstar. „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ ist kein Biopic über die „Maria Callas des Orients“, die in der gesamten arabischen Welt eine Ikone, in Europa aber kaum bekannt ist. Oum Kulthums Leben (um 1904-1975) überdauerte verschiedene Systemwechsel des Landes, von der britischen Besatzung über die Zeit als Königreich bis hin zur Republik. In den 1940ern/50ern erlangte sie Weltruhm und begeisterte mit ihrer außergewöhnlichen Stimme alle Gesellschaftsschichten. Bei ihrer Beerdigung säumten Millionen Menschen die Straßen Kairos. Im Mittelpunkt des Films steht aber nicht Oum Kulthum, sondern die Regisseurin Mitra (Neda Rahmanian), die den Film im Film „Voice of Egypt“ über das Leben der Ikone drehen will. In der Titelrolle besetzt sie die junge, ägyptische Laiendarstellerin Ghada (Yasmin Raeis) ihrer starken Stimme wegen und zunächst läuft alles perfekt. Doch nach anfänglicher Euphorie kippt die Stimmung am Set: Mitra erhält beunruhigende Nachrichten von ihrem Sohn, den sie in Iran für ihre Karriere zurückgelassen hat. Sie drangsaliert ihre Hauptdarstellerin und streitet mit Schauspieler Ahmed, der sie wegen ihres Geschlechts und ihrer Herkunft ablehnt. Mitra droht zusammenzubrechen.

Glücksversprechen. Shirin Neshat hat ihre Karriere als Fotografin und Videokünstlerin begonnen. Sie stammt aus Iran und studierte in den USA, wo sie seit 1996 dauerhaft lebt. Mit der Fotoserie „Women of Allah“ (1993-1996) begann sie, die Rolle und die Rechte von Frauen in der arabischen Gesellschaft zu thematisieren. In ihrem ersten Spielfilm „Women without Men“ (2009) sind Frauen außerhalb eines magischen Gartens Opfer und Objekte patriarchaler Macht, die bedroht, vergewaltigt oder lebendig begraben werden. Ihre Körper sind der Ort, an dem Macht verhandelt wird. In „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ ist die Situation anders. Mitra hat sich emanzipiert und Iran den Rücken gekehrt, um sich künstlerisch zu entfalten. Sie hat auf ein traditionelles Leben verzichtet, ihren Mann und ihren Sohn zurückgelassen. Als Regisseurin behauptet sie sich in einer Männerdomäne. Das ungleiche Maß, mit dem Frauen und Männer nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch im Westen beurteilt werden, schwingt hier viel subtiler in Form des neoliberalen Glücksversprechens mit, das verheißt: Eine Frau kann alles sein und haben, solange sie bereit ist, dafür alles zu opfern. Auch Oum Kulthum widersetzte sich Traditionen, hielt ihre Beziehungen geheim und blieb unverheiratet und kinderlos.
Müssen Frauen auf dem Weg an die Spitze zu Männern werden, bzw. stereotyp männlich konnotierte Verhaltensweisen adaptieren? Durch diese Fragestellung hätte „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ das Potenzial für einen politischen Film gehabt. Shirin Neshat hat sich aber für die Poesie entschieden und so verliert sich diese Frage in den von Kameramann Martin Gschlacht kunstvoll inszenierten Räumen.
Als sich Mitras Sicht auf Oum Kulthum ändert und sie das Ende des Biopics umschreiben will, lehnen die Produzenten ab. Mitra akzeptiert dies ohne Widerstand und verlässt das Set. Auf einer persönlichen Ebene trifft sie damit eine legitime, individuelle Entscheidung. Als Aussage, die am Ende des Films steht, ist das aber nicht besonders empowernd. Was bleibt, ist ein in seiner Ästhetik formvollendeter, sehr persönlicher Film, der aber keine Position bezieht und dessen lose Enden unverknüpft bleiben.

 

Maxi Braun arbeitet als freiberufliche Journalistin mit den Schwerpunkten Film und Feminismus im Ruhrgebiet.

 

Auf der Suche nach Oum Kulthum
Regie: Shirin Neshat (in Zusammenarbeit mit Shoja Azari)
Deutschland, Österreich, Italien 2018
ab 15. Juni im Kino

 

 

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positionswechsel: Switch, please! https://ansch.4lima.de/positionswechsel-switch-please/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-switch-please/#respond Sat, 26 May 2018 14:06:42 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9752 Illustration: Sabrina WegererDurch die Gedankenspirale in die nicht-queere Parallelwelt. Von LILY KASTRO]]> Illustration: Sabrina Wegerer

eine lady genießt und schreibt

 

Ich verliere mich nicht selten in Gedankenspiralen – und denke dann z. B. darüber nach, wie ich wohl von außen wahrgenommen werde. Mit „außen“ meine ich all jene, die sich mit mir im queeren Wien tummeln – wie die Heterowelt mich sieht, ist mir inzwischen klar. Nämlich als 16-jährigen Jungen, der unbedingt Zigaretten und Alkohol kaufen will, um mit seinen viel älteren Freundinnen mitzuhalten. Aber zurück in die queere Parallelwelt: Es häufen sich die Beweise, dass viele meiner Mitqueers mich tendenziell als Butch lesen würden. Doch aus Gründen, die mir selbst nicht immer klar sind, sträube ich mich gegen dieses Label. Aufgrund meines äußeren Erscheinungsbildes kann ich diese Einordnung zwar irgendwie nachvollziehen, aber ich fühle mich einfach nicht butch-y. Viel wohler fühle ich mich bei dem Gedanken an einen androgynen Raum, den ich als Person bewohnen darf, die sich dennoch als Frau definiert. Was das alles mit meinem Sexleben zu tun hat? Als Mitbegründerin der „Femme Appreciation Society“ lag für mich leider der Gedanke nah, dass von mir als vermeintliche Butch auch im Bett (oder woanders) eine gewisse Rolle erwartet wird. Eine Rolle, die ich zwar erfüllen kann, aber nicht immer will. In meinen Augen war ich eine Disappointment Butch. Enttäuschend für jene Partnerinnen, die, wie ich, Butch mit Top in Verbindung brachten, und enttäuschend für mich selbst, weil ich mich die längste Zeit nicht getraut habe, aus der (falschen) Rolle zu fallen und den Sex zu leben, den ich eigentlich gerne gehabt hätte. Eine Lose-lose-Situation, dachte ich. Falsch gedacht. In einem Moment der Offenheit durfte ich nämlich doch die Erfahrung machen, dass es Femmes gibt, die es genießen zu toppen – auch ich selbst war also letztlich nur unnötigen und unwahren Klischees auf den Leim gegangen.

 

Lily Kastro ist und bleibt letztlich Switch mit Leib und Seele. Dennoch überlegte, sie sich auf das Label der Disappointment Butch einzulassen. Die passende Failure Femme wäre bestimmt trotzdem nicht enttäuscht.

 

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leib & leben: Schamlos https://ansch.4lima.de/leib-leben-schamlos/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-schamlos/#respond Sat, 26 May 2018 13:57:09 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9750 Illustration: Sabrina WegererDicke_fette Personen gelten oft als Provokation. Von JULISCHKA STENGELE]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Die bloße Existenz meines fetten Körpers gilt vielen bereits als Provokation. Der Tabubruch schlechthin ist jedoch nicht mein Körper allein, sondern die Tatsache, dass ich mich weigere, mich für ihn zu schämen.
Dass eine dicke_fette Person sich zum Beispiel herausnimmt, schwimmen zu gehen, also den eigenen Körper den Augen anderer zumutet, anstatt ihn zu verstecken, ist schon echt frech. Das dann auch noch in einem Bikini zu tun und nicht in einem Gewand, das wenigstens die Wampe bedeckt, oder schlimmer noch – nackt baden zu gehen, ist wirklich die Höhe. Oder Freude daran zu haben, etwas anderes als ein Salatblatt zu essen, und das auch noch in aller Öffentlichkeit. Enge, bunte, kurze, gemusterte Kleidung zu tragen. Stolz sexy Selfies zu posten. Tanzen zu gehen.
Dass ich diese Dinge mit größter Selbstverständlichkeit tue, ruft bei anderen nicht nur regelmäßig Schnappatmung hervor, sondern immer wieder auch einen Hass, der so massiv ist, dass sie mir schon mal das Brötchen aus der Hand schlagen oder immer wieder auch den Tod wünschen.
Wer fett ist, hat sich dafür zu schämen, muss sich schuldig fühlen, muss sich ändern wollen, Schluss, aus, Ende! Wer das nicht tut, verstößt gegen die gesellschaftliche Hackordnung, in der Dicke als Sündenböcke gebraucht werden. Dicke_fette Personen, die sich der ihnen zugedachten Rolle als systembelastende Minderwertige verweigern, werden als echte Bedrohung wahrgenommen. Sich nicht dafür zu entschuldigen, wie man aussieht, sondern mit dem eigenen Körper okay zu sein – das rüttelt an den Grundfesten eines Glaubenssystems, das nach wie vor die Existenzberechtigung eines Menschen mit dessen vermeintlichen ökonomischen Wert für eine (ebenfalls vermeintliche) Gemeinschaft verknüpft. Da Dicksein mit Krankheit, Faulheit und Leistungsschwäche in Verbindung gebracht wird, darf es Dicke nicht geben. Zufriedene, gar schamlose Dicke schon gar nicht.
Prost Mahlzeit. So viel fressen, wie ich kotzen möchte, kann ich gar nicht.

 

Julischka Stengeles unbezahlte Vollzeitbeschäftigung ist es, unverfroren fett, queer und femme zu sein. Sie stärkt sich gern mit Kartoffelbrei, Lachs und Nusseis in der Butterwaffel.

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feminist killjoy: Werdende Großmütter https://ansch.4lima.de/feminist-killjoy-werdende-grossmuetter/ https://ansch.4lima.de/feminist-killjoy-werdende-grossmuetter/#respond Sat, 26 May 2018 13:51:07 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9748 Illustration: Sabrina WegererAuf dem neuesten Stand in der Schwangerschaftsberatung. Von MICHÈLE THOMA]]> Illustration: Sabrina Wegerer

satire für feminist*innen

 

Ganz schön lang, so eine werdende Großmütterschaft, zehn Monate, oder? Die Berechnungen von Schwangerschaftsdauer bleiben weiterhin rätselhaft. Und lange dauert auch so eine Schwangerschaftsberatung, viele Monate mal viele Stunden am Telefon, denn zwei meiner Töchter werden zum ersten Mal Mütter – laut Prognose im Abstand von zwei Tagen – und eine der Töchter lebt im Ausland.
Ist das normal? Und das? Ist es normal, nicht zu kotzen? Gibt es im Bauch hyperaktive Kinder, und gibt es hyperpassive? Was, du warst eine Woche vor einer Geburt in einer Disco? Was, du hast Milch getrunken, einfach so, von der Kuh? Kaffee auch noch?
Ist die werdende Großmutter in der Schwangerschaftsberatung überhaupt noch auf dem neuesten Stand? All die Abmessungen, Ablichtungen, all die Proben und Tests, Urin, Blut, Nackenfalten, die X, das Kind, bestehen muss, bevor das, uff , OK gegeben wird, unverdächtig, Bleiberecht. Wobei, nichts muss, die Mutter ist ein freier Mensch und ihre Entscheidung natürlich eine vollkommen freie. Und zum Weiterausschließen ein weiterer Test, etwas kostspielig, aber er schließt alles aus. Beinahe.
Ist die werdende Großmutter Expertin, eine Koryphäe, oder hängt sie hoffnungslos nostalgischer Ur-Muh-tterschaft nach? Goldgerahmte Erinnerungen wiederkäuend? Sich selber als heilige Schwangerschaftskuh darstellend, umgeben von glücklichen, seufz, Säugetieren? Damals, als Muttermilch in Strömen floss, Kaffee auch. Nadeln, ach ja, wurden auch mal in den Bauch gebohrt, so brutal waren damalige Ausschließungstests, und ach ja, einmal landete Urmutter unter dem Messer und bedankte sich beim Lebensretter Schulmediziner – nachher.
Von Töchtern streng Kommentiertes von sich geben, Töchter- und Mutter- und Schwesterthemen, weit, tief und allzu nahegehend. Fluchtreflex der Alten … endlich Kasachstan durchwandern, auf einer schwimmenden Senior_inneninsel beschaulich Richtung Schwarzes Meer schaukeln?
Babys ahoi, in ein paar Tagen wird werdende Großmütter gewordene Großmütter sein.
Jubeljuchzhuchfreu, wie geht das?

 

Michèle Thoma hat sich eigentlich immer Enkelkinder gewünscht.

 

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Darf’s ein bisschen mehr sein? https://ansch.4lima.de/darfs-ein-bisschen-mehr-sein/ https://ansch.4lima.de/darfs-ein-bisschen-mehr-sein/#respond Sat, 26 May 2018 13:25:48 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9736 © FredeMulti-, Allo- und Co-Parenting statt klassischer Kernfamilie. Von CORNELIA GROBNER]]> © Frede

Die klassische Kernfamilie bürdet Eltern enorm viel Arbeit und Verantwortung auf – vor allem den Müttern. Welche Gegenmodelle gemeinschaftlicher Kindererziehung gibt es? CORNELIA GROBNER über Multi-, Allo- und Co-Parenting.

 

Für Bea war immer klar: Sie will keine Kinder. Nicht als Mutter und auch nicht als Co-Mutter. Dieser Einstellung zum Trotz lebt die Fünfzigjährige seit mittlerweile zehn Jahren mit Kindern zusammen. Sie ist Teil einer kleinen Kommune im Norden Deutschlands. „Als ich nach der Trennung von meiner Partnerin eingezogen bin, habe ich eigentlich nur einen Unterschlupf gebraucht“, erinnert sich Bea. Die Kommune durchlebte damals eine Zeit der Veränderung. Bis auf ein Paar, das ein Baby erwartete, waren alle ausgezogen. Kleinfamilie statt Kommunenleben? Das wollten die zwei keinesfalls, am wenigsten die werdende Mutter.

„Not-so-nuclear Families“. Nach wie vor tragen in Hetero-Beziehungen mit Kindern Frauen die Hauptlast der Haushalts- und Familienarbeit. Um Vereinbarkeitskonflikte ausbalancieren zu können, braucht es ein ausgeklügeltes Care-Netzwerk. Die Soziologin Karen V. Hansen hat in ihrem Buch „Not-so-nuclear Families“ (1) gezeigt, wie komplex diese informellen Strukturen sind, die von der Politik geflissentlich ignoriert werden. Der Mythos vom Ideal der Kleinfamilie wird dadurch weiter am Leben erhalten: Dieser wertet nicht nur andere Familienmodelle ab, sondern verstellt auch den Blick darauf, dass Reproduktionsarbeit – und die immer höheren Gestaltungserwartungen daran – selbst zwei Elternteile schnell an ihre Grenzen bringen kann.

Ähnlich hat das Bea erlebt. „Ich bin schnell in die Familie reingewachsen, weil ich gesehen habe: Das Baby weint viel und die Eltern brauchen mich“, berichtet sie. Die Kommune wurde wieder größer und damit stieg auch die Anzahl der Bezugspersonen für das damals noch einzige Kind. „Wir verstehen uns als Familie, aber die Elternrollen haben sich nicht aufgelöst. Ich bin der Patenonkel und kein zweiter Papa“, betont etwa Malte, der kurz nach Bea auf den Hof der Kommune gezogen ist. Er übernimmt an festgelegten Tagen die Hauptverantwortung für das Kind – inklusive Gespräche mit Ärzt_innen oder in der Kita.
Juristisch gesehen haben es Multi-Eltern-Familien schwer, da das Gesetz nicht mehr als zwei Elternteile anerkennt. Das trifft klassische Patchworkfamilien ebenso wie Eltern von Kindern aus polyamoren Beziehungen: Dabei geht es zum einen um schulische oder gesundheitliche Auskünfte und Entscheidungen, für die jedoch Vollmachten erteilt werden können, zum anderen aber auch um Ansprüche wie Kinderbetreuungsgeld oder Pensionszeiten für die geleistete Arbeit.

Unsichtbare Elternteile. „Kinderlos“ hat Yasmina im Personalbogen für ihren neuen Job angekreuzt – und das, obwohl sie sich mit ihrer Partnerin, der trans Frau Maya, und deren Ex-Partnerin Anja die Verantwortung für ein sieben Monate altes Baby teilt. Die drei Mütter wohnen in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen in zwei Haushalten und wechseln sich mit der Kinderbetreuung ab. Vor dem Gesetz ist Yasminas Anteil unsichtbar.
Die Entscheidung für das Kind ist unabhängig von einer monogamen Zweierbeziehung gefallen, die es in dieser Konstellation nie gegeben hat: Die Frauen leben polyamor. „Als mich meine Eltern gefragt haben, ob wir uns das als sinnvoll fürs Kind vorstellen, habe ich gemerkt, dass das auch für mich ein wichtiger Punkt war. Ich habe mich also hingesetzt und Gründe dafür gesucht“ Maya hält kurz inne, um dann mit einem Lächeln in der Stimme fortzufahren: „Ich habe viele gefunden. Wir kennen und mögen uns schon lange, und weil Anja bereits ein Kind hatte, wusste ich aus früheren Gesprächen und Beobachtungen, dass wir in Sachen Elternschaft und Werte auf einer Wellenlänge sind.“

Biografische und politische Gründe. Wie viele Menschen in Familien-Arrangements leben, die sich von der sogenannten traditionellen Kernfamilie abgrenzen, ist nicht bekannt. Zum einen erfassen Mikrozensus-Erhebungen viele alternative Modelle erst gar nicht, zum anderen kursieren für Mehreltern-Familien verschiedene selbstgewählte Bezeichnungen wie „Multi-Parenting“, „Co-Elternschaft“ und „Allo-Parenting“. Die Gründe für solche Konstellationen sind verschieden: Neben biografisch-subjektiven Motiven wie im Fall von Patchwork- und Stieffamilien entstehen viele Mehreltern-Familien aus politisch-reflexiven Gründen, wie die Erziehungswissenschaftlerin Désirée Bender und die Soziologin Sandra Eck, die über Aushandlungsprozesse unkonventioneller Care-Arrangements forschen, herausgefunden haben. „Gerade bei Personen, die sich eher aus politischen Motiven in Mehrelternschaftsmodelle begeben, wird Co-Elternschaft bewusst als Schutz vor einem automatisierten Rückgriff auf tradierte Geschlechternormen und traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung gesehen“, so Bender.
Auch Maya ist von ihrem Modell überzeugt – besonders wenn sie mitbekommt, dass andere Mütter im ersten Babyjahr oft keine Minute für sich haben: „Bei uns hat jede festgelegte kinderfreie Zeiten, in denen das Baby oft nicht einmal im eigenen Haushalt ist. Davon profitieren wir, weil uns das ein selbstbestimmteres und glücklicheres Leben ermöglicht.“

Die Ambivalenz der Großfamilie. Diese Freiheiten sind das, was Ida in ihrem Leben vermisst. Die 35-Jährige wohnt mit Mann und Kind in Wien und kämpft, besonders jetzt da die Geburt eines zweiten Kindes bevorsteht, mit dem Familienmodell: „Wir leben als relativ isolierte Kernfamilie ohne familiäre Netzwerke und gerade in der Babyzeit des ersten Kindes lastete viel Arbeit und Verantwortung auf mir.“ Mit Sehnsucht denkt sie an ihre eigene Kindheit zurück: Ida ist als jüngstes von fünf Kindern in einer bäuerlichen Großfamilie aufgewachsen. Neben ihrer älteren Schwester hat sich vor allem eine Großtante um ihre Erziehung und Pflege gekümmert.
Solche Mehrgenerationen-Haushalte sind für die Philosophin Anca Gheaus genauso wie Kommunen eine Möglichkeit, verlässliche nicht-elterliche Care-Netzwerke zu etablieren. Ihrer Meinung nach sei das sogar eine moralische Verpflichtung jeder Gesellschaft, um Kinder vor ungesunden Abhängigkeiten zu schützen.
Ida hat erst als Erwachsene erfahren, dass in ihrer Herkunftsfamilie nicht alles so harmonisch abgelaufen ist, wie sie es empfunden hat: „Vor meiner Geburt lebten auch noch zwei Onkel am Hof. Deren zum Teil gewalttätige Einmischung in die Erziehung hat meine Mutter sehr belastet.“ Darüber hinaus empfand ihre ältere Schwester die ungewollt auferlegte Verantwortung für die um zehn Jahre jüngere Ida als überfordernd: „Das hat unserer Beziehung bis ins Erwachsenenalter nicht gutgetan.“ Nichtsdestotrotz hält Ida daran fest, dass das Leben im Großfamilienverband für alle Beteiligten mehr Vorteile als Nachteile bringt. Mit einer Einschränkung: „Ich bin schon froh, dass ich mein Leben ohne Einmischung von außen gestalten kann. Aber diese Unabhängigkeit hat einen sehr hohen Preis.“

Re-Traditionalisierung. Eine Lösung für die Belastung, die durch alleinige Kinderverantwortung entsteht, stellt in Mehreltern-Familien nicht nur die Anzahl der Erwachsenen und Haushalte dar, sondern in vielen Fällen auch der Rückgriff auf abgestufte statt allumfassende Elternrollen. Diese bieten mehr Rückzugsmöglichkeiten und dezidierte Pausen vom Papa- oder Mama-Sein als die idealtypischen Elternrollen der klassischen Kernfamilie.
Gleichzeitig bemerken die Forscherinnen Bender und Eck Tendenzen zur Re-Traditionalisierung. Diese seien etwa bei lesbischen Paaren zu erkennen, die Wert auf eine präsente Vaterfigur im Leben ihrer Kinder legen: Das Vater-Mutter-Kind-Modell wird in abgewandelter Form wiederholt und die Bedeutung verschiedener Geschlechterrollen zementiert. Die heteronormativen Standards von Familie sitzen scheinbar, ganz unabhängig vom eigenen Begehren, nach wie vor tief.

 

Cornelia Grobner ist Journalistin und lebt in Wien.

 

(1) Die englische Bezeichnung für Kernfamilie lautet nuclear family.

 

 

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Kimchi, Kartoffeln und Königsberger Klopse https://ansch.4lima.de/kimchi-kartoffeln-und-koenigsberger-klopse/ https://ansch.4lima.de/kimchi-kartoffeln-und-koenigsberger-klopse/#respond Sat, 26 May 2018 13:06:10 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9734 © Paula Winkler Kurzkommentare zur persönlichen Politik des Essens]]> © Paula Winkler

WILDSCHWEIN AUS DEM BEFEUERTEN ERDLOCH

Halbe-halbe in Heterohaushalten? Is‘ nicht, sagen Soziolog*innen. Selbst progressive Paare lügen sich gerne in die Tasche, wenn es um die gerechte Verteilung von Hausarbeit geht. Weil sie eben höhere Ansprüche in Sachen Sauberkeit hat oder er Bügeln ganz grundsätzlich für verschwendete Lebenszeit hält. Einen Bereich aber haben (zumindest bürgerliche) Heteromänner längst erobert: den Herd. Denn im Gegensatz zum gänzlich unglamourösen und repetitiven Scheuern, Waschen und Kehren kann man(n) als Küchenchef so richtig glänzen. Gemeint sind hier nicht die schnellen Nudeln zu Mittag für den quengelnden Nachwuchs, sondern wohl durchdachte Gerichte, die technisches Know-how ebenso erfordern wie kreative Improvisationskunst. Essen mit Applaus-Garantie eben. Der moderne Mann* besitzt deshalb einen Sous-Vide-Garer und lässt sein eigenes Kimchi fermentieren, vergräbt ein halbes Wildschwein in einem befeuerten Erdloch im Garten (das zarteste Fleisch, das Sie jemals probiert haben!) und tauscht sich bei einem kühlen Sour Ale gerne mit Gleichgesinnten über selbst geräucherte Nüsse und Wildkräuter aus. Aufmerksame Marketing-Menschen haben diesen Trend längst entdeckt und kapitalisiert. Da sind etwa Kochmagazine für Männer (z. B. „Beef!“, das riesige Fleischstücke am Cover fast schon erotisch in Szene setzt) und Küchengeräte, die – in Schwarz und Chrom-Optik gehalten – ganz auf Leistung getrimmt beworben werden (so und so viele Umdrehungen!). Über ihre (Groß-)Väter, die schriftliche Gebrauchsanweisungen für Fischstäbchen und Packerlsuppe benötigten, wenn die Gattin mal übers Wochenende verreiste, können die Helden am Herd von heute nur noch lachen. Emanzipation? Geht doch! BRIGITTE THEISSL

 

KIMCHI

Kimchi, Bibimbap & Bulgogi: Auch hierzulande ist in den letzten Jahren ein regelrechter Hype um die koreanische Küche entstanden. Wer könnte auch Kimchi, dem knackigen Salat aus fermentiertem, mit Chili, Ingwer und anderen Gewürzen eingelegtem Chinakohl, einer süchtig machenden Kombination aus scharf, süß, salzig und sauer widerstehen? Als ich in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Wien aufwuchs, war das noch völlig anders. Damals war „exotisches Essen“ weder Teil eines schicken Lifestyles noch galt es als gesund, ganz im Gegenteil: Etwas, das so seltsam aussah und noch merkwürdiger roch, war ebenso minderwertig wie verdächtig. Die Angst der Österreicher_innen vor aromatisch und kreativ gewürzten Speisen und unbekannten Zutaten mag im Rückblick lächerlich und provinziell erscheinen. Doch für Kinder aus migrantischen Familien, wie ich es war, stellte das Essen, das wir von zu Hause kannten und liebten, eine Quelle der Scham dar. Was unsere Eltern und uns zu „Ausländern“ machte, war vor allem unser angeblicher Gestank. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Angst, selbst „aufzufliegen“, wenn meine türkischen Mitschüler_innen als „Knoblauchfresser“ beschimpft wurden. Unter keinen Umständen hätte ich es gewagt, den Schulfreundinnen, die ich zu mir nach Hause einlud, koreanische Gerichte vorzusetzen – dies wäre einem Anschlag auf deren Leib und Leben gleichgekommen (stattdessen gab es den Fertigmix Pasta Asciutta aus dem Packerl und Rote-Rüben-Salat aus dem Glas – viel gesünder!). Und ich ließ mir nichts anmerken, wenn ich am Mittagstisch meiner österreichischen Freundinnen den süßen Reisauflauf hinunterwürgte, der mir wohlwollend präsentiert wurde. Niemals hätten sie verstanden, wie viel Geborgenheit und Zugehörigkeit, Erinnerung und Stärkung uns das fremde, stinkige Essen gab, das sie die längste Zeit so sehr verachteten. VINA YUN

 

ERDBEEREN IM MAI

„Every act is a political act“, soll Susan Sontag mal gesagt haben und es ist eine Maxime, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigt. So auch bei der Entscheidung, was denn nun auf meinem Teller landen soll. Manche Dinge gehen dabei gar nicht. Palmöl zum Beispiel. Kokosöl. Gojibeeren. Chiasamen. Oder andere Lebensmittel, die zum Superfood stilisiert werden, um Konzerngewinne zu maximieren. Was all diese Dinge miteinander verbindet, ist der lange Weg, den sie bis zu meinem Teller zurücklegen müssen, sowie fragwürdige Anbaumethoden, die Tier, Mensch, Vegetation und Klima schädigen. Deswegen: regional und saisonal bitte. Mit Dingen, die potenziell vor meiner Haustüre wachsen können, und dies der jeweiligen Jahreszeit entsprechend. Von Menschen, die ich potenziell vor meiner Haustüre treffen kann. Denen ich Fragen stellen kann. Und deren Produkte zu Artenvielfalt beitragen. Ein elitärer Zugang? Ja. Ich lebe privilegiert, habe weitaus mehr Möglichkeiten als andere. Aber wir alle stehen regelmäßig vor den Supermarktregalen und wir alle treffen dabei eine Entscheidung. Eine Entscheidung kann sein, die Erdbeeren erst im Mai zu kaufen. Eine andere, einer Foodcoop beizutreten. Wieder eine andere, den nächstgelegenen Markt aufzusuchen. Oder einfach die Grundsatzentscheidung, einige Marken erst gar nicht in den eigenen Haushalt einziehen zu lassen. Nachzufragen, woher die Dinge kommen, die ich täglich zu mir nehme. Wer dieses Produkt produzieren muss und unter welchen Bedingungen. Inhaltsangaben kritisch zu lesen. Alternativen zu suchen und sie zu finden. Denn es gibt sie. ULLI KOCH

 

ERBSEN UND KARTOFFELN

Oma hat gekocht. Es duftet nach saftigen Erbsen in Einmach mit viel Petersilie. Sie kocht mein Lieblingsessen und ich kann es kaum erwarten. Opa schlurft mit einem Sack Erdäpfel in die Küche. Besonders im Winter bekommt er oft Lust darauf: eine Schüssel dampfende Erdäpfel in der Mitte des Tisches, Butter und Salz für alle. Diese zwei Szenen sind meine dominanten Kindheitserinnerungen an Essen. Dabei sind das nicht nur zwei Gerichte, die ich damals wie heute gerne esse. Sie erzählen beide Geschichten, die weit in die Vergangenheit reichen – und in die Zukunft genauso. Opa und die Erdäpfel. Warum er dieses Essen so liebte, hat er uns unzählige Male geschildert: Als Kind, im Krieg und die Jahre danach, gab es nicht viel Auswahl. Was immer reichlich da war, aus dem eigenen Garten, waren Erdäpfel. Und an Tagen, an denen es auch Butter gab und obendrauf etwas Salz, schmeckte es besonders gut. Die Kinder waren so mit den wichtigsten Nährstoffen versorgt. Oma und die Erbsen. Ich habe sie als Kind eigenhändig im Garten geerntet. Am besten schmeckten sie ganz frisch. Als Mittagessen aber am allerbesten, wenn Oma sie gekocht hat. Ich habe mich oft an ihnen versucht, die Erbsen-Einmach aber nie so hinbekommen wie sie. Essen, was der eigene Garten hergibt. Essen, was da ist. Womit meine Großeltern in ihrer Kindheit des Mangels aufgewachsen sind, setzt sich als tief verwurzeltes Überlebensprogramm in mir fort. Wenn ich den Garten der Wohnung plane, in die ich bald mit meiner Tochter ziehe, dann ist für mich ganz klar: Ich muss Erbsen anbauen. Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass sie mich ernähren. Und zwar in jeder Hinsicht: Meine verstorbene Oma ist mir dann ganz nah. Dieses Gericht ist so viel mehr als einfach Essen. Und wenn die Vorräte in meiner Küche sonst nichts mehr hergeben: Erdäpfel sind immer da. Es gab auch Jahrzehnte nach dem Krieg in meiner Familiengeschichte Phasen des Mangels, als Erdäpfel zum Hauptlieferanten von Nährstoffen wurden. Solange Butter und Salz mit am Tisch stehen, ist es trotzdem ein Festmahl – jedenfalls in unserer Familie. GABI HORAK

 

© Paula Winkler
© Paula Winkler

 

 

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Dem Widerstand Nahrung geben https://ansch.4lima.de/dem-widerstand-nahrung-geben/ https://ansch.4lima.de/dem-widerstand-nahrung-geben/#respond Sat, 26 May 2018 12:57:45 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9732 © Paula WinklerRevolutionen können am Esstisch beginnen. Von LEA SUSEMICHEL]]> © Paula Winkler

Gemeinsames Essen kann die Welt besser machen. Nicht nur deshalb, weil Revolutionen mitunter in der Küche oder am Esstisch beginnen. Von LEA SUSEMICHEL

 

Kochen ist ein Sinnbild dafür, dass wir mit unseren eigenen Händen etwas schaffen können. „Dass aus Eiern, Zucker, Milch und Mehl tatsächlich ein Kuchen wird, zeigt uns, dass Veränderung möglich ist und wir sie herbeiführen können“, schreibt die populäre US-Kochbuchautorin Julia Turshen in ihrem neuen Buch „Feed the Resistance: Recipes + Ideas for Getting Involved“. Manchmal brauche es in politisch hoffnungslosen Zeiten dringend zumindest solch kleine Erfolgserlebnisse und Glücksmomente.

Persistence-Biscuits. Die Idee zu der schönen Rezeptsammlung, die nicht nur die Zutatenliste für griechischen Kichererbsensalat und „Persistence“-Biscuits enthält, sondern auch Widerstandstipps wie „10 Dinge, die Du in weniger als 10 Minuten tun kannst“, kam ihr während der Formierung der Protestbewegungen unmittelbar nach der Wahl Donald Trumps. Denn Turshen hat während dieser Zeit buchstäblich getan, was ihr Buchtitel verheißt: Sie hat den Widerstand genährt. Sie hat gekocht, wenn AktivistInnen sich trafen. Und sie hat damit nicht nur die Bekochten glücklich und zufrieden gemacht, auch für sie selbst war diese Aufgabe befriedigend und beglückend. Denn sie habe ihr bewusst gemacht, wie viel Macht Essen hat. Nicht nur liefert es der Bewegung im wahrsten Sinne neue Energie. Das Thema Essen rühre auch an die existenziellen Fragen nach Versorgung, nach einem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und gerechter Verteilung. Das Bedürfnis zu essen verbinde zudem ausnahmslos alle Menschen miteinander, es sei „die demokratischste Sache der Welt“, so Turshen.

Gemeinsam das Brot brechen. Eine ähnliche Liebesbeziehung zum Essen hat auch Alicia Garza, die Mitbegründerin der Black-Lives-Matter-Bewegung, die nach dem Freispruch im Fall des von einem Wachmann getöteten Trayvon Martin 2013 den inzwischen berühmten Facebook-Eintrag schrieb: „Black people. I love you. I love us. We matter. Our lives matter, Black lives matter.“
Neben der politischen Arbeit war das Kochen immer eine ihrer großen Leidenschaften. Und wenn Garza am Herd steht, sind ihre Türen für FreundInnen und MitstreiterInnen weit offen. In der Küche sprechen sie dann beim Zubereiten von „Creamed Corn“, einem Familienrezept von Garza, über ihre politischen Ideen und Ziele – oder eben danach, beim gemeinsamen Essen. „Genährt zu werden scheint etwas an unserer Biochemie zu ändern“, wird sie von der „Washington Post“ zitiert. „Wenn ich ein schweres Thema mit jemandem besprechen muss, tue ich das lieber beim Essen.“ Bevor sie im Team eine neue Aufgabe angehen, gebe es deshalb immer eine gemeinsame Mahlzeit: „Wir brechen das Brot gemeinsam.“

Breakfast & Busboykott. Garza reiht sich damit in eine Black-Liberation-Tradition ein. So unterstützte auch schon die Aktivistin Georgia Gilmore den durch Rosa Parks initiierten Busboykott in Montgomery, indem sie bei den großen Versammlungen erfolgreich den Verkauf von selbst gekochtem Essen organisierte, um so Mittel für die Widerstandsbewegung zu lukrieren. Damit inspirierte sie wiederum andere.
Die Black Panther Party versorgte mit ihrem „Free Breakfast for School Children Program“ jeden Morgen an die 10.000 Kinder in vielen Städten mit einem Frühstück, die sonst hungrig in die Schule gegangen wären. Das kollektive Mahl war nicht nur eine konkrete Hilfsmaßnahme gegen die rassistische Ungleichheit in den USA und das konkrete Elend, das sie für viele AfroamerikanerInnen mit sich brachte. Das Breakfast Program wurde zugleich zu einer ungeheuer erfolgreichen Aktion, um in der Black Community für die eigenen politischen Überzeugungen zu werben.

Revolution am Kochtopf. Es sind auch heute noch vor allem Frauen, die in vielen verarmten Barrios lateinamerikanischer Megacities solche kollektiven Versorgungsstrukturen organisieren. Was zunächst eine unausweichliche Überlebensstrategie war, entwickelt sich oft zu gut funktionierenden Formen von Gemeinschaft, die wegweisend für eine solidarische Gesellschaft insgesamt sein können, wie der Journalist Raúl Zibechi an vielen Beispielen zeigt. Auch Silvia Federici, Professorin für politische Philosophie, widmet sich solchen solidarischen Strukturen, bei denen Frauen eines Stadtteils bspw. gemeinsam einkaufen gehen und in großen Gruppen gemeinsam kochen. Aus feministischer Perspektive ist dabei entscheidend, dass es sich nicht einfach um die ungebrochene Fortführung weiblicher Reproduktionsarbeit handelt. Die „Isolation als Kennzeichen der Hausarbeit wurde durchbrochen und eine Kultur des Widerstands entstand“, so Federici.
Wie viel Revolution und Kochtopf miteinander zu tun haben können, zeigt auch das Buch „Die Rote Köchin“, das Geschichte und Rezepte von Hannah enthält, die in den 1920ern in Weimar ein Gasthaus betrieb, in dem sie ihre Gäste regelrecht „einkochen“ wollte für die sozialistische Sache. Oder die Aufzeichnungen von „Durrutis Köchin“, das Tagebuch einer jungen Kämpferin im spanischen Bürgerkrieg, deren alltäglicher politischer Kampf auch das Organisieren von Lebensmitteln und das Kochen für die Kolonne umfasste.

Volxküche. Auch die in der linken Szene bis heute fest etablierte „Volxküche“ verbindet Versorgung mit Politisierung. Als Gegenstück zur christlichen „Armenspeisung“, wo es zur Suppe den kirchlichen Segen dazugab, will sie für alle erschwingliche Mahlzeiten bieten, bei deren gemeinsamem Verzehr nicht nur über Politik gesprochen werden darf, sondern auch gleich Politik gemacht werden kann.
Esstische, resümiert entsprechend auch die Kochbuchautorin Turshen, dienen nicht nur der Nahrungsaufnahme. „Sie sind auch sichere und vertraute Orte, um sich zu versammeln, zu verbinden, zu organisieren, zu planen und sich zu erholen. Essen ändert nicht nur das Gefühl in einem Raum, es ändert auch das Verhalten. Denn wenn wir uns sicher und wohlfühlen, sind wir frei, um unangenehme, aber dringend notwendige Gespräche miteinander zu führen.“

 

 

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„Menschenrechte sind kein Konsumgut“ https://ansch.4lima.de/menschenrechte-sind-kein-konsumgut/ https://ansch.4lima.de/menschenrechte-sind-kein-konsumgut/#respond Sat, 26 May 2018 12:45:46 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9730 © Paula WinklerOxfam-Interview: Über Marktmacht, Mangos und Menschenrechtsverletzungen. Von BRIGITTE THEIßL]]> © Paula Winkler

Beim Anbau von Südfrüchten wie Mangos und Bananen passieren massive Menschenrechtsverletzungen. BRIGITTE THEIßL hat mit BARBARA SENNHOLZ-WEINHARDT von der NGO Oxfam über die Marktmacht von Handelsketten, sogenannte Ankerprodukte und notwendige Gesetzesänderungen gesprochen.

 

an.schläge: In Österreich wirbt der Verein Fairtrade aktuell mit dem Slogan: „Fairer Handel – es liegt in deiner Hand“. Liegt es tatsächlich in der Hand der Konsument*innen, unter welchen Bedingungen Bananen oder Kakao produziert werden?

Barbara Sennholz-Weinhardt: Grundsätzlich haben Konsument*innen nur einen sehr begrenzten Einfluss auf die Arbeitsbedingungen der Menschen. Sie können mit ihrer Kaufentscheidung den Supermärkten natürlich ein Signal senden: Es ist mir wichtig, dass es Produkte gibt, die unter menschenwürdigen Bedingungen entstehen. Fair Trade bietet hier einen deutlich effektivieren Ansatz als Unternehmens-Zertifizierungen wie „Rainforest Alliance“, bei denen unseren Untersuchungen nach auch auf zertifizierten Plantagen massive Arbeitsrechtsverletzungen geschehen. Fair-Trade-Produkte machen aber nur einen sehr kleinen Teil des Umsatzes der Supermärkte aus. In Deutschland haben praktisch alle Supermärkte auch Fair Trade im Angebot, aber als Zusatz zu den konventionellen Produkten. Das ist eine perfide Strategie: Die Verantwortung wird auf den Konsumenten abgewälzt. Hier ist die faire Banane und hier die unfaire – so werden Menschenrechte zur Konsumware.

Bei Billa, einem österreichischen Supermarkt, kostete ein Kilo „San Lucar“-Bananen im April 1,89 Euro, ein Kilo Gala-Äpfel aus Österreich 2,79 Euro. Wie entsteht dieser Preis – warum sind die Bananen so viel billiger als heimische Äpfel?

Bei Bananen sind Supermärkte der Meinung, dass diese ganz besonders billig sein müssen, weil es sogenannte Ankerprodukte sind. Man geht davon aus, dass potenzielle Kund*innen sich aufgrund der Preise solcher Ankerprodukte dafür entscheiden, in den bestimmten Supermarkt zu gehen oder nicht. Deshalb nutzen sie hier ihre Einkaufsmacht, um den Preis ganz besonders gering zu halten. Der Rekord, den wir gesehen haben, war 77 Cent das Kilo, das war bei Edeka in Deutschland. Handelsketten sind hochzentriert, wenige Unternehmen haben das Sagen. Die Schwarzgruppe, zu der der deutsche Diskonter Lidl gehört, ist z. B. der größte europäische Einzelhändler und die Nummer vier weltweit. Solche Unternehmen haben durch ihre Einkaufsmacht einen großen Einfluss auf die Arbeitsbedingungen der Menschen vor Ort. Sie diktieren durchaus hohe Qualitätsstandards bei den Produkten, bei sozialen Standards und Umweltstandards nutzen sie diese Macht aber kaum, sondern achten primär auf einen möglichst billigen Einkaufspreis. Zu den Preisen, zu denen die Unternehmen einkaufen wollen, ist eine sozial gerechte und eine biologisch nachhaltige Produktion gar nicht möglich. Diese niedrigen Preise sind nur aufgrund der Ausbeutung der Menschen in den Produktionsländern möglich.

Oxfam betreibt die Kampagne „Make Fruit Fair“. Was liegt beim Anbau von Südfrüchten besonders im Argen?

Wir haben uns vier Früchte jeweils mit eigenen Studien angesehen. Bananen, Trauben, Mangos und Ananas. Landarbeiter*innen im Traubenanbau in Südafrika verdienen etwa Löhne unter dem Existenzminimum, nur drei Prozent aller Landarbeiter*innen auf dem Westkap sind gewerkschaftlich organisiert. Auch auf den Ananas-Plantagen in Costa Rica finden wir Löhne unterhalb des Existenzminimums, Arbeitsverträge werden nicht ausgehändigt, Sozialversicherungskosten nicht bezahlt. Besonders drastisch sind aber auch gesundheitliche Schäden durch den Einsatz von Pestiziden. Beim Obstanbau werden hochgiftige Pestizide eingesetzt, die in Europa zum Teil gar nicht zugelassen wären. Schutzkleidung wird gar nicht erst ausgegeben oder kaputte nicht erneuert, zum Teil wird gesprüht, während Arbeiter*innen auf den Plantagen sind. Oder aber Wartezeiten nach dem Einsatz von Pestiziden werden nicht eingehalten. Die Folge sind erhebliche Gesundheitsschäden. Das heißt wir sehen bestimmte Menschrechtsverletzungen immer wieder, egal, welches Produkt wir anschauen.

Sind Frauen von diesen Menschenrechtsverletzungen besonders betroffen?

Ja, in vielerlei Hinsicht. Löhne unterhalb des Existenzminimums sind vor allem dort zu finden, wo viele Frauen arbeiten. Bestimmte Missstände betreffen Frauen außerdem stärker, z. B. ein Mangel an sanitären Anlagen. Wenn es keine Toiletten gibt und die Arbeiter*innen gezwungen sind, sich in der Natur zu erleichtern, steigt die Gefahr von sexuellen Übergriffen. In Südafrika haben wir mit einer Partnerorganisation zusammengearbeitet und Frauen außerhalb der Plantagen befragt. „Man kann nichts dagegen tun, wenn man sich beschwert, schicken sie einen für eine Woche nach Hause – ohne Bezahlung“, so das Zitat einer Betroffenen.

Wo setzt Oxfam also an, um Verbesserungen für die Arbeiter*innen durchzusetzen?

Mit unseren Kampagnen möchten wir Missstände aufzeigen und Druck auf Handelsketten ausüben. Wir haben dabei auch schon Teilerfolge erzielt, z. B. Verbesserungen des Gesundheitsschutzes auf einzelnen Plantagen. Wir sehen aber auch, dass solche Verbesserungen begrenzt sind, solange kein systematischer Wandel in der Geschäftspolitik der Unternehmen passiert. Wir gehen politisch also zweigleisig vor. Auf der einen Seite führen wir unsere Kampagnen fort, aber wir fordern auch gesetzliche Regelungen – gemeinsam mit vielen anderen NGOs. Denn letztendlich handelt es sich um Gesetzeslücken. Warum ist es überhaupt erlaubt, in europäischen Supermärkten Produkte zu verkaufen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt wurden? Deshalb fordern wir ein Gesetz unter dem Stichwort menschenrechtliche Sorgfaltspflicht, das tatsächlich Unternehmen verpflichtet, im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass innerhalb der Lieferketten Menschenrechtsverletzungen gestoppt werden. Außerdem muss die enorme Marktkonzentration im Lebensmitteleinzelhandel aufgebrochen werden. Wir fordern eine Änderung des Wettbewerbs- und Kartellrechts, damit die enorme Marktmacht einzelner Akteur*innen begrenzt wird. Zum Missbrauch der Marktmacht gibt es einen Vorschlag der europäischen
Kommission zu sogenannten unfairen Handelspraktiken – gemeinsam mit anderen NGOs arbeiten wir daran, dass dieser weiter verbessert wird.

Bei Oxfam wurden kürzlich sexuelle Übergriffe/sexuelle Ausbeutung durch Mitarbeiter u. a. in Haiti bekannt. Welche Konsequenzen zieht Oxfam daraus?

Nachdem die Vorfälle 2011 gemeldet worden sind, hat Oxfam Großbritannien sein Safeguarding-System weiterentwickelt und gestärkt: Es wurden ein spezielles Safeguarding-Team und eine anonyme Whistleblowing-Hotline eingerichtet sowie regionale und lokale Ansprechpersonen, die in der Behandlung von Fällen sexueller Gewalt speziell geschult sind, eingestellt. Nachdem die Vorfälle von 2011 jüngst wieder ausführlich in den Medien thematisiert wurden, ist Oxfam einen weiteren Schritt gegangen und hat einen umfassenden Aktionsplan vorgestellt, mit dem es noch energischer gegen Belästigung und sexuelle Ausbeutung in der Organisation vorgehen, die Safeguarding-Maßnahmen weiter verbessern und vereinheitlichen will. Darüber hinaus unterstützt Oxfam sektorweite Diskussionen und Initiativen, wie z. B. die Einführung eines Humanitarian Passports und die Einrichtung eines Global Center for Safeguarding.

 

Barbara Sennholz-Weinhardt ist Referentin für Wirtschaft und Globalisierung bei Oxfam Deutschland. Sie arbeitet dort u. a. zu Unternehmensverantwortung und einer sozial-ökologischen Transformation der Wirtschaft.

 

 

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neuland: „Humpelkumpel“ https://ansch.4lima.de/neuland-humpelkumpel/ https://ansch.4lima.de/neuland-humpelkumpel/#respond Sat, 26 May 2018 12:32:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9742 Illustration: Sabrina WegererIch bin quasi eine Unfallexpertin geworden. Von DJAMILA GRANDITS]]> Illustration: Sabrina Wegerer

alltägliche grenzerfahrungen

 

Im Café, in dem ich diesen Text gerade verfasse, begrüßt mich der Kellner eben mit „Hey – geht’s besser? Wo ist deine Gymnastikfreundin?“ Er ist einer von vielen, die in den letzten Wochen die Grenzen des Humors enthusiastisch etwas überstrapaziert haben.
Meine „Gymnastikfreundin“ ist Bee, die Leute fragen uns gerne, ob wir uns auf Reha kennengelernt haben oder ob mit Krücken auszugehen nun der neue Style wäre. Bee und ich kennen uns seit bald 17 Jahren. Sie ist seit Langem aus verschiedenen Gründen auf Krücken angewiesen und ich eben temporär – nach meinem Eislaufunfall, der hier schon Thema war.
Stück für Stück erkämpfe ich mir in den letzten zehn Wochen meinen Alltag zurück – Aufzüge, Taxis, achtsame, empathische, flexible Freund*innen und Kolleg*innen sind dabei eine große Hilfe. Irgendwann will ich auch die Zerstreuung und die Nacht zurück. Bee und ich sind gut darin, uns Nächte um die Ohren zu schlagen. Mein Unfall hat meine Wahrnehmung verändert und geschärft, gegenüber dem gesellschaftlichen Umgang mit Verletzung, Krankheit und Behinderung, gegenüber meiner eigenen langjährigen Ignoranz. Die Frage „Was ist dir passiert?“, meist gefolgt von einer ausführlichen Erzählung der letzten eigenen Verletzungserfahrung, hat erstmals in meinem Leben die immerwährende Frage nach meiner Herkunft abgelöst. So bin ich nun quasi zur Unfallexpertin geworden.
Zurück zu meinen nächtlichen Ausflügen mit Bee: zwei junge Menschen auf Krücken, die Leute bekommen Lachkrämpfe, reißen Witze, wissen nicht, wann sie aufhören sollten, fühlen sich unentwegt zu Kommentaren bemüßigt – macht man sie darauf aufmerksam, wird’s noch lustiger. Die Ursache ist wohl eine Mischung aus Ignoranz und Unbehagen.
Woher rührt dieses Unbehagen, das aufkommt, wenn die Exklusivität von Räumen durch Vielfalt gebrochen wird? Es sind paradoxerweise genau jene Menschen, die gegen exklusive Schutzräume wettern, die sich von Diversität in ihrem Alltag so unheimlich bedroht fühlen.

 

Djamila Grandits ist Kuratorin und lebt in Wien, zehn Wochen nach ihrem Eislaufunfall tanzt sie nun wieder durch die Nacht – zum Gehen trägt sie manchmal noch Krücken mit sich herum.

 

 

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an.sage: It’s racism, stupid! https://ansch.4lima.de/an-sage-its-racism-stupid/ https://ansch.4lima.de/an-sage-its-racism-stupid/#respond Sat, 26 May 2018 12:25:42 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9728 Ein Kopftuchverbot schützt nicht, sondern schadet. Von VERENA KETTNER]]>

Ein Kommentar von VERENA KETTNER

 

Antimuslimischer Rassismus nimmt in Österreich zu, wie zuletzt zwei Berichte belegten.
Eigentlich sollte das nicht verwundern. Denn die Einführung eines Gesichtsverhüllungsverbots, Debatten um Deutschklassen, Kürzungen bei Integrationstöpfen und neuerdings nun auch der Diskurs um ein Kopftuchverbot in Kindergärten und Schulen wirken sich selbstverständlich auf die Stimmung in der Gesellschaft aus und befeuern Hate Speech und rassistische Übergriffe. Eigentlich ist mir das klar. Aber das ändert nichts daran, dass es schwer zu begreifen, weil schwer auszuhalten ist.
Denn der gesunde Menschenverstand reicht, um zu begreifen, dass ein Kopftuchverbot an Schulen und in Kindergärten nicht, wie von Türkis-Blau propagiert, „Kinderschutz“ bewirkt, wenn gleichzeitig die Mittel für Sozialarbeit in Schulen und fürs Teamteaching gekürzt werden. Wenn stattdessen spezielle Deutschklassen vorgeschlagen werden, die Kinder erst nach einem bestandenen Test und am Ende des Semesters wieder verlassen können. Dieses vermeintliche Vorhaben des „Kinderschutzes“ , betrieben von weißen, rechtspopulistischen Männern, die den Islam dämonisieren und sowohl Frauen als auch Kinder vor diesem bösen, fremdartigen Patriarchat retten wollen, wird definitiv zur Farce, wenn den Kindern auf der realpolitischen Ebene ganz offensichtlich das Leben viel schwerer gemacht wird als bisher.

 

Und dennoch: Die Rhetorik funktioniert. Die Erschaffung eines Feindbilds und einer schützenswerten Bevölkerung ist eine rechtspopulistische Strategie, der es immer wieder gelingt, zu verschleiern, was bestimmten Debatten tatsächlich zugrunde liegt. In diesem Fall ist das Rassismus. Wenn jungen Mädchen, die für gewöhnlich bis zur Pubertät nicht mit Erwartungen konfrontiert sind, ein Kopftuch zu tragen, dies dennoch plötzlich verboten werden soll, dann geht es nicht um das Kopftuch. Es geht vor allem auch nicht um die Mädchen. Es geht darum, ein Feindbild aufrechtzuerhalten und rassistische Diskurse zu befeuern. Es geht nicht um die Freiheit oder Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen. Sie lassen sich nur eben besonders leicht dafür instrumentalisieren, antimuslimischen Rassismus weiter in die Gesellschaft zu tragen.
Rassismus ist ein hervorragendes populistisches Instrument, denn er spaltet die Gesellschaft und nimmt ihr Solidarität und Stärke. Anstatt sich gegen neoliberale Regierungen und globale Ungerechtigkeiten zu verbünden, wird gegen die als fremd und bedrohlich entworfenen „Anderen“ gekämpft.
Es steckt eine Strategie dahinter, wenn ein Wirbel um das Islamgesetz gemacht wird und beinahe unbemerkt eine Einschränkung des generellen Vereinsrechts damit einhergeht. Oder wenn eben ein Diskurs um das Kopftuchverbot angestoßen wird, anstatt die Kürzungspläne bei der Unfallversicherung zur öffentlichen Debatte zu stellen.
Es ist Rassismus, der die Debatte um das Kopftuchverbot bestimmt, nichts anderes. Kein „Kinderschutz“, keine „Frauenbefreiung“. Umso mehr würde ich mir von den sowieso sehr marginalisierten linken Kräften in Österreich wünschen, bei solchen Diskursen nicht die Spaltungslogik der Regierung aufzugreifen oder sie mit dem Argument der Religionskritik mitzutragen, sondern sich eindeutig und solidarisch zu positionieren.
Wenn ich sehe, dass eine Frau verbal oder tätlich oder eben auch durch rassistische Diskurse attackiert wird, dann stehe ich ihr bei. Dann frage ich sie nicht zuerst nach ihrer Meinung zum Kopftuch. Ich muss kein dauerhaftes politisches Bündnis mit ihr eingehen, darum geht es gar nicht. Aber zumindest so viel Sisterhood sollte doch möglich sein.

 

 

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queerverweis: Ich bin ich https://ansch.4lima.de/queerverweis-ich-bin-ich/ https://ansch.4lima.de/queerverweis-ich-bin-ich/#respond Sat, 26 May 2018 11:51:40 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9746 Illustration: Sabrina WegererIch bin keineswegs „nicht normal“. Von ANONYMOUS]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Jedes Jahr zum Töchtertag kommen einige Mädchen zu uns in die Redaktion, um für einen Tag in das Berufsfeld Journalismus und Medienarbeit reinzuschnuppern. Meist versuchen sie sich dabei auch an ersten eigenen Texten. Hier die Kolumne einer Töchtertag-Teilnehmerin.

 

In der Volksschule war ich immer bei den Mädchen. Ich fand sie schön und toll und irgendwann fragte ich mich: Was, wenn ich mich in eine meiner Freundinnen verliebe?
Da ich ihnen allen sehr nah war, hab ich ihnen in einer ernsten Runde davon erzählt. Damals war „anders“ sein für mich nichts Ungewöhnliches, mein Bruder ist schwul und meine Familie ist mit mir immer sehr offen umgegangen. Jedenfalls habe ich zu Anfang die ungeteilte Aufmerksamkeit der Gruppe bekommen, doch als ich ihnen von meinen Gefühlen erzählte, lachten sie mich aus, einige fanden es eklig und sahen mich angewidert an. Und im selben Augenblick hatten sie meine gesamte Welt komplett auf den Kopf gestellt. War ich nicht normal? War ich ekelhaft? Danach haben sie sich von mir entfernt.
Später im Gymnasium wollte ich meine Gefühle für mich behalten. Ich habe nur meiner besten Freundin davon erzählt. In der dritten Klasse erfuhr ich dann, dass sie es nicht für sich behalten hatte und die ganze Klasse davon wusste. Ich fühlte mich nackt, verraten, aber vor allem fühlte ich mich allein. Eigentlich hatte ich nicht wenige Freund_innen, aber auch die schienen nicht mich selbst zu mögen, sondern meine Sexualität.
Es hat sich viel verändert. Meine Freund_innen, die Denkweise der Kinder, die um mich herum gelaufen sind und mir vorwurfsvoll „bi!“ hinterhergerufen haben, und auch meine Denkweise.
Ich bin keineswegs „ekelhaft“ oder „nicht normal“. Ich bin ich, und zwar auch, wenn ich lesbisch, schwul, bisexuell, pansexuell, asexuell, transsexuell oder sonst was bin.

 

 

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an.blick: Mimik der Macht https://ansch.4lima.de/an-blick-mimik-der-macht/ https://ansch.4lima.de/an-blick-mimik-der-macht/#respond Sat, 26 May 2018 11:48:34 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9738 Florentina Pakosta: Knotenpunkt I, 1989. Öl auf Leinwand. Albertina, Wien. Sammlung Essl © Bildrecht, Wien, 2018 (Ausschnitt)FLORENTINA PAKOSTA malt Männermacht. Von SU-RAN SICHLING]]> Florentina Pakosta: Knotenpunkt I, 1989. Öl auf Leinwand. Albertina, Wien. Sammlung Essl © Bildrecht, Wien, 2018 (Ausschnitt)

Die Malerin und Grafikerin FLORENTINA PAKOSTA analysiert Männermacht in der Kunstwelt. SU-RAN SICHLING über Satire, Serie und Abstraktion im Werk der feministischen Künstlerin.

 

Ihre riesigen Zeichnungen erscheinen wie eine Vorwegnahme computergenerierter Bilder: Bereits in den 1970er-Jahren untersuchte die 1933 geborene Florentina Pakosta mit der Zeichenserie „Gesichtsbildungen“ anhand ihres Spiegelbildes unterschiedliche Gemütszustände, als Vorbild dienten ihr Franz Xaver Messerschmidts Charakterköpfe aus dem 18. Jahrhundert. Die Zeichenserie zeigt sie selbst formatfüllend, kahlköpfig und androgyn und ist in starken Schwarz-Weiß-Kontrasten gehalten.
„Ich habe mir das Gestische regelrecht abgewöhnt“, sagt sie über ihren Stil, der dem Expressiv-Gestischen entsagt und so ihrer analytischen Perspektive entspricht.

Männerköpfe. Schon in den 1950er-Jahren interessiert Florentina Pakosta der Ausdruck und die Körpersprache von Menschen und damit die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Zustände, die auf das Individuum einwirken und sich in Verhaltensweisen, Gestik und Mimik abzeichnen. Machtverhältnisse werden zu ihrem künstlerischen Thema. Vermehrt geraten die Rolle der Frau und die Ungleichheit der Geschlechter in den Fokus ihrer Arbeit. Schon während ihrer Studienzeit an der Akademie der bildenden Künste Wien beginnt sie sich als einzige Frau in einer Malereiklasse zu sensibilisieren: „Die Kunst, die wir kennen, entstand aus einer Männergesellschaft, in der Frauen nur selten, und das erst seit Kurzem, beitreten durften. Sie ist einseitig geprägt, geistig inzestuös und befangen“, sagt Pakosta im an.schläge-Gespräch. Diese strukturell männlich geprägte Welt, die für die Künstlerin allgegenwärtig ist, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk. Es entstehen satirisch überzeichnete männliche Köpfe, die mit Objekten verwachsen sind. Wie mittelalterliche Heilige tragen die Männer ihr Attribut auf dem Kopf mit sich herum: Ein Mann trägt sein Auto wie einen Hut, einem anderen wächst ein Revolver aus der Stirn und das Werk „WC-Muschel mit Leisespüler“ zeigt einen Hybrid aus Kloschüssel und Kopf.

 

 Florentina Pakosta: Knotenpunkt I, 1989. Öl auf Leinwand. Albertina, Wien. Sammlung Essl © Bildrecht, Wien, 2018
Florentina Pakosta: Knotenpunkt I, 1989. Öl auf Leinwand.
Albertina, Wien. Sammlung Essl © Bildrecht, Wien, 2018

 

Masken & Posen. Die patriarchal geprägte Kunstwelt nimmt Pakosta mit der monumentalen Zeichenserie „Zeitgenossen“ in den Blick. Sie porträtiert Künstlerkollegen wie Alfred Hrdlicka und Mäzenaten, um sich ein Bild von den Gesichtern der Macht zu machen. Feministinnen kritisierten sie dafür, dem „Feindbild“ Mann auch noch ein zeichnerisches Ehrenmal zu setzen, war es doch die damalige feministische Praxis, stattdessen den eigenen Körper als Medium zu verwenden. Den Mann aus weiblicher Sicht einer Analyse zu unterziehen, war ungewöhnlich. Wichtig war Pakosta, die Porträts als Serie zu konzipieren, um eine Vergleichbarkeit herzustellen: „Da sieht man erst diese Ähnlichkeit – wie sie alle gleich dreinschauen.“ Zuerst hatte Pakosta vor, die Serie nur für sich selbst in kleinem Format zu zeichnen, „um etwas loszuwerden“, und auch das große Format war zuerst nicht vorgesehen. Doch, so Pakosta: „Wenn man etwas sagt, dann muss man schreien – und wie schreit man in der bildenden Kunst? Man schreit mit der Größe oder mit den Farben.“ In der letzten Zeichnung der Serie gesellt sich die Künstlerin selbst zu der Männergruppe – sie lacht als Einzige.

Netzwerke. Der Analyse des Einzelnen folgen in den 1980er-Jahren Untersuchungen von Massenphänomenen und Netzwerken der Macht – auch hier sind es vorwiegend serielle Zeichnungen von Männergruppen, wie etwa „Die Blinden“ oder „Sich formierende Männergesellschaft“. 1989 folgt dann der gesellschaftliche, politisch tiefgreifende Umbruch in Europa, auf den die Künstlerin mit Farben und Formen reagiert, die sich mit ihrem neuen Daseinsgefühl decken. Es ist die Reaktion einer politischen Künstlerin, die ihr Schaffen als unmittelbare Auseinandersetzung mit der sie umgebenden Welt begreift.
Pakosta beginnt geometrisch-abstrakte Balkenbilder in jeweils drei Farben zu malen. „Die abstrakten Bilder lassen mehr Emotionalität zu“, sagt die Künstlerin. „Jedoch ist es entgegen der allgemeinen Auffassung nicht so, dass mir diese Bilder mehr Freiheit als meine Zeichnungen geben. In meinen Zeichnungen kann ich mich wesentlich präziser ausdrücken. Deshalb schreibe ich, seitdem ich mit meinen trikoloren Bildern begonnen habe, denn etwas fehlt mir. Und ich zeichne immer noch jeden Tag. Das kann man mir nicht nehmen.“

 

Florentina Pakosta
Retrospektive 30.5.–26.8. in der Wiener Albertina
www.albertina.at

 

 

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