III / 2018 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 13 Oct 2019 13:11:05 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png III / 2018 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 2018-03 https://ansch.4lima.de/inhalt/2018-03/ Thu, 10 Oct 2019 12:22:09 +0000 https://anschlaege.at/?post_type=inhaltsverzeichnis&p=13206 ]]> ]]> Roboter mit Brüsten, Männer mit Visionen https://ansch.4lima.de/roboter-mit-bruesten-maenner-mit-visionen/ https://ansch.4lima.de/roboter-mit-bruesten-maenner-mit-visionen/#respond Thu, 22 Nov 2018 23:28:20 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10093 Prix Ars Electronic: ALTER dark at Miraikan © Justine EmardKünstliche Intelligenz und Robotik sollten wir nicht weißen Männern überlassen. Von BRIGITTE THEIßL]]> Prix Ars Electronic: ALTER dark at Miraikan © Justine Emard

Künstliche Intelligenz und Robotik sind dabei, unsere Arbeitswelt und unseren Alltag radikal zu verändern. Wie das passiert, sollten wir nicht allein weißen Männern überlassen. Von BRIGITTE THEIßL

 

„Könnten Sie sich in diesen Roboter verlieben?“, fragt ein Artikel auf cnbc.com. Das dazugehörige Bild zeigt Sophia, die wohl berühmteste Produktentwicklung von Hanson Robotics. Mit dem humanoiden Roboter machte das Hongkonger Unternehmen 2016 international Schlagzeilen. Sophia besitzt künstliche Intelligenz (KI), sie ist dazu in der Lage, Gesichter zu erkennen, imitiert menschliche Mimik und Gestik – und wird im Netz als „hot robot“ gefeiert. Eine täuschend echte Haut aus patentiertem Silikon und 62 verschiedene Gesichtsausdrücke verleihen der Roboter-Frau den menschlichen Anstrich. Bei ihrem Design ließ sich Firmengründer David Hanson von Audrey Hepburn und seiner Ehefrau inspirieren. Selbst Hollywood-Stars standen Schlange, um Sophia zu treffen: Late-Night-Host Jimmy Fallon zeigte sich „nervös wie beim ersten Date“, Will Smith versuchte, den Roboter zu küssen – und wurde prompt abgewiesen: „Da gibt es wohl noch einige Entwicklungsfehler“, so das Fazit des Schauspielers.

Digitale Vorurteile. Sophias Geschichte macht deutlich, wie Geschlechterstereotype und patriarchale Normen sich entgegen einstiger cyberfeministischer Träume auch in der Welt der Maschinen fortschreiben. „Technik ist niemals neutral. Es werden immer Stereotype im- oder explizit durch Technik reproduziert“, formuliert es Janina Loh, die an der Universität Wien zu künstlicher Intelligenz und Roboterethik forscht. Ingenieur*innen und Programmierer*innen geben ihre Wertvorstellungen nicht an der Bürotür ab. Es gibt mittlerweile unzählige Beispiele dafür, wie auch künstliche Intelligenz und Algorithmen diskriminieren. 2016 entdeckte eine Studentin, dass die Google-Suche nach „unprofessional hairstyles for work” ihr Bilder von Schwarzen Frauen mit offenen Haaren lieferte, während „professionelle“ Bilder weiße Frauen mit blonden Flechtfrisuren zeigten. Und auch die Spracherkennungssoftware von Google hat einen Gender Bias: Frauen versteht sie deutlich schlechter als Männer, wie die Linguistin Rachael Tatman in einer Studie belegte. Dass diese programmierten Vorurteile Menschen auch in ihren elementaren Rechten beschränken können, beweist „PredPol“, ein Algorithmus, der von der Polizei in Los Angeles gemeinsam mit lokalen Universitäten entwickelt wurde und als „Predictive Policing“-Werkzeug dient: Der Algorithmus durchsucht gesammelte Daten der Polizeistellen und liefert den Beamt*innen Vorhersagen, in welchen Gebieten voraussichtlich Straftaten begangen werden oder welche Menschen als besonders gefährlich einzustufen sind. Wie eine Gruppe von Forscher*innen der Human Rights Data Analysis Group am Beispiel Oakland herausfand, schickte das Programm Polizist*innen in jene Stadtviertel, wo besonders viele Schwarze Menschen leben.

Ruf nach mehr Diversität. Solche Beispiele müssen vor allem deshalb zu denken geben, da künstliche Intelligenz und Robotik nicht nur als wesentliche Zukunftstechnologien gelten, sondern bereits gegenwärtig unseren Alltag durchdringen. Sogenannte Chatbots nehmen Pizzabestellungen entgegen, machen Kaufvorschläge bei Amazon oder empfehlen neue Songs passend zum eigenen Musikgeschmack. In Krankenhäusern wird künstliche Intelligenz etwa bei der bildgebenden Diagnostik von Herzklappenfehlern herangezogen. Selbst darüber, ob wir bei einer Bank einen Kredit bekommen, entscheiden mittlerweile komplexe Computerprogramme – wie sie im Detail funktionieren, bleibt intransparent. Und auch Roboter sind als Dienstleister*innen im Haushalt und in Pflegeheimen oder als Kampfsysteme beim Militär im Einsatz.
Auch wenn künstliche Intelligenz immer noch meilenweit davon entfernt ist, ihr menschliches Pendant zu ersetzen oder gar zu übertrumpfen, konnten Entwickler*innen in den vergangenen Jahren bedeutende Fortschritte erzielen. Als ein solcher Meilenstein gilt eine KI der Firma DeepMind, der es 2016 und damit wesentlich früher als angenommen gelang, einen der weltweit besten „Go“-Spieler – ein äußerst komplexes, ostasiatisches Brettspiel – zu besiegen. Auf der Führungsebene des KI-Unternehmens, das 2014 von Google übernommen wurde, finden sich wenig überraschend ausschließlich Männer. Im Silicon Valley hat das System. Dort, wo die meisten relevanten Tech-Riesen sitzen, gibt immer noch ein Boys Club den Ton an. Das lässt sich auch mit Zahlen untermauern. Nur 18 Prozent Frauen finden sich beispielsweise unter den Programmierer*innen, Datenanalyst*innen und Ingenieur*innen von Microsoft, bei Google sind es 19 Prozent, die aktuellen Proteste machen deutlich, wie das Arbeitsklima dort für Frauen aussieht. Auch an den technischen Universitäten sieht das Geschlechterverhältnis in Fächern wie Elektrotechnik, Informatik oder Maschinenbau – trotz der Bemühungen unzähliger Initiativen – nach wie vor äußerst trist aus. „Wir müssen eine möglichst bunte und heterogene Menschengruppe für die Technikwissenschaften begeistern“, sagt dazu Technik-Philosophin Loh. Aber auch Ethikschulungen wünscht sich Loh für jene Menschen, die gegenwärtig im Bereich der Robotik arbeiten. „Es ist notwendig, dass die jetzigen Robotiker*innen ein Bewusstsein für die moralischen Herausforderungen, die mit der Konstruktion von Robotern einhergehen, erlangen“, so Loh. So könne auch ein Bewusstsein für die Normen und Werte entstehen, die Menschen in ihre Technologien einfließen lassen.

Größenwahn. Ob Elon Musk sich über solche Fragen den Kopf zerbricht, ist fraglich. Wie kein anderer steht er aktuell für jene Riege exzentrischer Tech-Millionäre bzw. Milliardäre, die mit ihren technologischen Entwicklungen die Welt und die Aktienkurse ihrer Unternehmen verbessern möchten. Musk wurde als Mitbegründer des Online-Bezahldienstes Paypal reich, stieg später beim Fahrzeughersteller Tesla ein, investiert in Solarenergie und private Raumfahrt. Seine Pläne für die Hochgeschwindigkeits-Variante des städtischen Individualverkehrs rechtfertigte Musk auf einer Pressekonferenz mit der simplen Feststellung, dass öffentliche Verkehrsmittel wie Busse schlicht ein „pain in the ass“ seien. Mit Fremden in einem Zugabteil? Da könnte auch ein Serienkiller an Bord sein.
Dass sich im Umfeld solcher Tech-Stars nahezu toxische Arbeitskulturen entwickeln, ist wenig verwunderlich: Wiederholt berichten Mitarbeiter*innen der Silicon-Valley-Riesen von sexistischen Sprüchen und Übergriffen, Mittagessen in der Tabledance-Bar und völlig entgrenzten Arbeitszeiten. Eine Kultur, in der Technologien entstehen, die nicht nur zukunftsweisend, sondern geschlechterpolitisch auch rückwärtsgewandt ausfallen können: „Die Zukunft der künstlichen Intelligenz mag weiblich sein, aber sie ist nicht feministisch“, schreibt Katrin Zimmermann im US-amerikanischen Tech-Magazin „Venture Beat“. Von Dienstleistungsrobotern bis hin zu intelligenten Assistentinnen wie Siri oder Alexa sei künstliche Intelligenz immer dann feminisiert, wenn sie fürsorglich daherkomme. Digitale Frauen als perfektionierte Care-Arbeiterinnen: „Immer hübsch, immer lächelnd, niemals ein böses Wort“.

Feministische Zukunftsfragen. „Es liegt in unserer menschlichen Hand zu entscheiden, welche Technik wir in welchen Bereichen und in welchem Ausmaß wollen“, sagt Janina Loh. Technologische Entwicklung sei schließlich keine Naturgewalt, sondern von Menschen gemacht. Euphorischen Ideen von technischen Systemen, die menschliche Schwächen gänzlich überwinden, steht die Philosophin ebenso skeptisch gegenüber wie jenen Kritiker*innen, die die Gefahr einer völligen Entmenschlichung wittern. „Wir können jedenfalls nicht fatalistisch die Hände in den Schoß legen mit dem müden Seufzer, dass ‚die Wirtschaft‘ sowieso den Gang der Geschichte bedingt“, sagt Loh.
Dass solche Zukunftsfragen auch am Arbeitsmarkt wichtige feministische Fragen sind, zeigt eine Untersuchung des World Economic Forums. Während in der Diskussion um Maschinen, die zunehmend menschliche Arbeitskraft ersetzen, immer noch das Bild des männlichen Fabrikarbeiters dominiert, sind es überwiegend Frauen, deren Arbeitsplätze künftig durch Automatisierung wegfallen könnten. So arbeiten an den bald automatisierten Supermarktkassen hauptsächlich Frauen, dort, wo neue Jobs geschaffen werden, fehlen sie hingegen: nämlich in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. „Wir müssen Frauen dazu ermutigen, sowohl an der Forschung und Entwicklung von KI teilzuhaben als auch an der Diskussion über ihre Folgen. Ansonsten wird die Zukunft wieder einmal von einer Gruppe Männer hinter verschlossenen Türen bestimmt werden“, schreibt Zimmermann.

 

 

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leib & leben: Die Schöne ist ein Biest https://ansch.4lima.de/leib-leben-die-schoene-ist-ein-biest/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-die-schoene-ist-ein-biest/#respond Wed, 25 Apr 2018 10:54:53 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9658 Illustration: Sabrina WegererBauch, Beine, Pommes. Von FRANZISKA KABISCH]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Unlängst fragt mich eine Freundin: Sag mal, warst du eigentlich immer schon so hair-positive? Ich gucke sie verblüfft an und sage: Hell, no! Meine Haare und ich, das ist eine wilde On-off-Beziehung und dabei eher off als on. Wobei ich sagen muss, dass wir uns mittlerweile mehr Freiraum lassen und uns ganz neu ineinander verliebt haben, auch weil wir viel Kontakt mit anderen hatten. Wir können halt nicht ohne einander. Also, hier unsere Liebesgeschichte:
Die Haare zwischen meinen Augenbrauen hab ich zuerst gezupft, das kannte ich so von meiner Mutter. Immer wenn ich als kleine Elfjährige darauf angesprochen wurde, zischte ich zurück: Es heißt Augenbrauen – und nicht Nasenbrauen!
Die Haare unter den Achseln habe ich sehr lange Zeit nicht mehr gesehen, nachdem mir in der sechsten Klasse klar wurde: wegmachen oder nie wieder Schwimmunterricht.
Die Haare über und unter meinen Lippen hab ich zuerst gebleicht (Stichwort Asterix!) und dann mit Wachsstreifen ausgerissen, wobei manchmal ein bisschen Haut von der Lippe mit auf dem Streifen landete. In meiner Klasse glaubten alle, ich hätte Herpes.
Die Haare an meinen Beinen – Klassiker: rasiert, rasiert, rasiert. Auch als ich älter war, fuhr mir beim Knutschen auf der Party oft dieser Gedanke durch den Kopf: Scheiße, ich kann ihn nicht mit nach Hause nehmen, Stoppelalarm.
Die Haare um meine Brustwarzen wurden einzeln ausgezupft und ehrlich gesagt war da auch ein bisschen Befriedigung dabei. Aber noch ehrlicher gesagt, hing der Enthaarungseifer meist davon ab, mit wem ich ins Bett ging. Bei cis-Männern riss ich sie raus, bei Frauen* ließ ich sie stehen.
Die Haare um meine Vulva waren immer zu viele und immer zu hart und hatten von allen das größte Widerstandspotenzial. Sie sträubten sich gegen den Namen „Schamhaare“ und forderten meine radikale Anerkennung. I am so proud!
Nicht zuletzt: Die Haare auf meinem Kopf trage ich seit Neuestem kurz geschoren, wobei ich meine Locken und das Durch-die-Haare-Wuscheln sehr vermisse. Aber das findet ja weiter unten noch statt.

 

Franziska Damenbart Kabisch hat zusammen mit Sophie Utikal die YouTube-Serie „Bauch, Beine, Pommes“ konzipiert. Sie liebt Haare und hat eine Schwäche für Friseur*innen, die eigentlich immer schon einen Gedichtband veröffentlichen wollten: Haarmonie, GmbHaar, Hairgott, Chaarisma, Haireinspaziert, Vorhair Nachhair, Haarnachie, Love is in the Hair …

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Fad und falsch https://ansch.4lima.de/fad-und-falsch/ https://ansch.4lima.de/fad-und-falsch/#respond Wed, 25 Apr 2018 10:43:03 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9652 Birgit Stöger und Katharina Klar - Foto: © Ulli KochInterview: BIRGIT STÖGER und KATHARINA KLAR brechen mit patriarchalen Traditionen am Theater. Von KATHARINA FISCHER und ULLI KOCH]]> Birgit Stöger und Katharina Klar - Foto: © Ulli Koch

Weibliche Figuren im Bühnenkanon sind sexualisiert, sprechen wenig und müssen meist die Opferrolle bedienen. Doch #MeToo hat auch in der Theaterszene etwas verändert, sind die Schauspielerinnen BIRGIT STÖGER und KATHARINA KLAR überzeugt. KATHARINA FISCHER und ULLI KOCH haben mit ihnen über ihr neues Stück „Gutmenschen“ und die gesellschaftspolitische Dimension von Theater gesprochen.

 

Bereits 2015 hat sich die Regisseurin Yael Ronen in engagierter Ensemblearbeit in ihrer Inszenierung „Lost and Found“ mit dem Thema Flucht aus der Sicht von in Österreich lebenden und helfenden Menschen auseinandergesetzt. Zwei Jahre später kommt dieses Ensemble erneut zusammen. Der Anlass: Einer der Protagonisten des ersten Stücks, dessen Cousine Schauspielerin am Wiener Volkstheater ist, hat im realen Leben einen negativen Asylbescheid erhalten.

an.schläge: Warum ist ein Stück wie „Gutmenschen“ gerade jetzt so wichtig?

Katharina Klar: Weil es wichtig ist, auch als Theater Haltung zu zeigen. Wir haben das neulich beim Publikumsgespräch besprochen, dass es interessant ist, dass dieses Stück wie ein relativ radikales Statement daherkommt, wo es doch im Grunde nur ein Statement für die Umsetzung von Menschenrechten ist.
Birgit Stöger: Konkreter gesagt war es für uns notwendig, Stellung zu beziehen und einfach irgendwie mit der Situation umzugehen, dass das Asylgesuch von Yusuf abgelehnt wurde.

Ist es der Original-Asylbescheid, den ihr im Stück vorlest?

Stöger: Wir haben nur ein bisschen von der Absurdität verändert. Der ist eigentlich noch widersprüchlicher, das haben wir vereinfacht.
Klar: Wir haben auch die persönliche Geschichte weggelassen und nur das vorgelesen, was auch in jedem anderen Ablehnungsbescheid stehen könnte. Die Formulierungen sind sehr zynisch, es werden Normen gesetzt, wie eine Geschichte rübergebracht werden soll. Und was dann als glaubwürdig gilt.

Ihr erarbeitet mit Yael Ronen die Stücke selbst und es steckt auch viel Persönliches darin.

Stöger: Als wir das Stück geplant haben, hatten wir ein ganz anderes Thema vorgesehen – und dann war der Asylbescheid da.
Klar: Ronen verteilt immer kleine Aufgaben ans Team. Es ergeben sich auch Themen, die einer Figur zugewiesen werden.
Stöger: Und wir recherchieren dann.
Klar: Eine Aufgabe von Ronen war es zum Beispiel, die Klischees über „Gutmenschen“ zu sammeln. Oder zu überlegen, was rechte Leute in Österreich klischeemäßig sagen. Das haben wir zusammengetragen und es wurde relativ offenkundig, was gerade alles so im Raum schwebt.
Zum Beispiel gibt es bei den Figuren verschiedene Positionen, wie mit Menschen umzugehen sei, die eine rechte Haltung haben.
Stöger: Es gab zum einen die Probenarbeit und zum anderen gab es fast gleichwertig diese Überlegung, was wir konkret tun können.

Wie wird im Theater mit dem Thema Flucht umgegangen? Wie werden Personen mit Fluchterfahrungen repräsentiert?

Klar: Ich denke bei Yael Ronen ist die Gefahr eines elitären Zugangs zum Thema nicht allzu groß, da sie eine andere Perspektive hat und selbst nach Deutschland migriert ist. Yusuf ist ja kein Schauspieler, und das war für Yael auch klar. Es ist absurd, was für ein Akt es ist, eine Person ohne Asylstatus irgendwo arbeiten zu lassen, es war also gar nicht möglich, dass er sich selbst in größerem Ausmaß spielt. Außerdem wollte sie ihn nicht in die Lage bringen, das tun zu müssen. Wir haben aber drüber diskutiert, dass wir in dem Stück ständig über ihn reden und er selbst nicht zu Wort kommt. Doch die Figuren des Stücks haben eine konkrete Beziehung zu ihm, er ist im ganzen Stück spürbar. Und es geht ja auch darum, exemplarisch einen Fall zu zeigen, der für viele stehen kann.

Worin besteht für euch generell die gesellschaftspolitische Dimension von Theater?

Stöger: Die Geschichten, die erzählt werden, müssen sich verändern. „Gutmenschen“ ist da so ein einzelner, leuchtender Stern, aber sonst erzählen wir immer wieder die gleichen Geschichten. Wir hatten (im Rahmen des RRRiot Festival, Anm.) einen Abend namens „Die Spielplan“ in der Roten Bar, den die Regisseurin Berenice Hebenstreit mit uns gemacht hat.
Klar: Es ging dabei um die Quote von Regisseur_innen und Autor_innen an österreichischen Theatern. Es gibt auf der großen Bühne in einer Spielzeit Stücke von höchstens einer oder manchmal sogar gar keiner Autorin und eine oder zwei Regisseurinnen. Davon ausgehend haben wir mit verschiedenen Texten einen größeren Bogen gespannt, über die Situation von Frauen am Theater. Dadurch, dass an den Stadttheatern ewig dieser Klassikerkanon gespielt wird, ist es fad, was über Frauen erzählt wird.
Stöger: Fad und falsch. Wir haben den Bechdel-Test gemacht und sind damit einige Stücke durchgegangen. Viele bestehen ihn nicht. Wird etwas von Schnitzler vorgelesen, das den Test an sich besteht, reden Frauen aber über Kleidung oder lästern über eine dritte, nicht anwesende Frau.
Klar: Natürlich enthält ein hundert Jahre altes Stück ein hundert Jahre altes Frauenbild. Selbst wenn du versuchst, dagegen anzugehen oder es nicht zu reproduzieren. Ich kann das Gretchen total widerständig spielen, aber die Handlung ist ja trotzdem so, wie sie ist, und selbst wenn ich tausend Signale aussende, dass da eine starke, selbstbestimmte Frau steht, macht sie sich dann halt selbstbestimmt zum Opfer.
Stöger: Wir hatten noch einen anderen Abend mit Yael Ronen namens „Community“, bei dem ich aufgezählt habe, wie oft ich schon auf der Bühne vergewaltigt worden bin. Oder zumindest zu Boden geschmissen oder an den Haaren gezogen. Katha hat dann gesagt, ihre Rollen seien auf der Bühne ständig dabei, „Ja, ich liebe dich“ zu sagen und zuzuhören.
Klar: Das liegt auch daran, dass es immer wieder die gleichen Stoffe sind. Es ändert sich ja, aber langsam. Jede Stückentwicklung ist eine Chance, etwas erzählen zu können, was eine wirklich umtreibt. Das Theater kann politischer sein, wenn es sich aus der Gegenwart bedient, dann hat es auch automatisch mehr zur Gegenwart zu sagen und ist zwangsläufig politischer. Theater ist extrem politisch – einfach dadurch, wie Geschichten erzählt werden und was erzählt wird.

Warum wird das von den großen Bühnen nicht beherzigt?

Klar: Das hat damit zu tun, dass sich das Theater wie ein Wirtschaftsunternehmen verhält, das einen Markt bedienen muss. Es gibt halt eine starke Nachfrage nach den immer gleichen Sachen.
Stöger: Andererseits, wenn du diese immer bedienst, dann kommt das Publikum ja auch nicht auf den Gedanken, dass es anders interessanter sein könnte.

Lasst uns noch über #MeToo und den Burgtheater-Brief reden, in dem Ensemblemitglieder des Burgtheaters Machtmissbrauch, sexuelle Belästigung und Grenzüberschreitungen während der Intendanz von Matthias Hartmann angeprangert haben.

Stöger: Ich habe mich über den Brief sehr gefreut. Und ich kann den Vorwurf, dass er zu spät gekommen ist, nicht nachvollziehen. Ich kenne es selbst, dass eine auch erst später realisiert, was eigentlich passiert ist. Und die Sachen, die darin stehen, gehören einfach benannt.
Klar: Ich habe auch das Gefühl, dass #MeToo einiges geändert hat. Ich fühle mich dadurch auch bestärkt.
Stöger: Zu meiner Anfangszeit hat ein Regisseur mal zu mir gesagt, dass ich als verliebte Figur auf der Bühne „wie eine reife, feuchte Mango“ spielen soll. Solche Sachen würde sich heute niemand mehr trauen.

 

 

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feminist killjoy: Fuck You, Potatoes https://ansch.4lima.de/feminist-killjoy-fuck-you-potatoes/ https://ansch.4lima.de/feminist-killjoy-fuck-you-potatoes/#respond Wed, 25 Apr 2018 10:28:46 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9656 Illustration: Sabrina WegererI have to channel my fury, which I do through food buffets. Von DENICE]]> Illustration: Sabrina Wegerer

satire für feminist*innen

 

There are so many fucked up things happening these days that I don’t know what to do. Where to begin? What can I smash? Who can I scream at? It’s impossible to just pick one issue. And if you do settle for this one thing to be so furious about, a hundred more fall down on your head as soon as you touch the subject. Like when you have the brilliant idea of picking that one tasty looking apple in the super market… you know what I mean. So my new strategy to keep my inner peace and sanity is to only get mad about completely unimportant things, because you have to let that anger out somewhere. But if you start yelling around about the complete absurdity of us Europeans being entitled, spoiled little shitheads and that is why fascist-flirting populism is the new thing, then you end up with ridiculously long sentences like this and probably 5 popped veins in your brains. So I have to channel my fury, which I do through food buffets. I am not talking about these awesome “all you can eat”-darlings, no, no, I mean the ones where you pay the weight of your plate. I am now a proud (and smug) vegan, and it’s not easy to find food for us here in Austria. So when we do fall over a vegan buffet with more than three dishes, we have hit jackpot. We can take a lil’ of this, and a lil’ of that, and we don’t have to settle for rice with frozen vegetables brought to you directly from the discount jumbo bag. And since you pay per weight, you gotta think smart, so that you get the most out of your taste fest. So when I see these people slopping fucking potato gulash on their plates like there’s no tomorrow, I go absolutely crazy! What is wrong with you? Do you not understand how heavy potatoes are? Don’t you remember that potato-something-stew is basically the ONLY thing you are ever offered as a vegan beside rice & co? Where is your sense of adventure? Where is your urge to LIVE a little?? So I sit there, fuming, at my table with my very diverse plate and watch one self-satisfied face after the other passing by with their gulash mountains and I just wanna scream, “No wonder we are stuck with this government from hell, you ignorant cowards!”

 

Denice didn’t leave you for good, she just moved a couple of pages. And she will still write about queer stuff . Sometimes.

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Die Stimmen der Unsichtbaren https://ansch.4lima.de/die-stimmen-der-unsichtbaren/ https://ansch.4lima.de/die-stimmen-der-unsichtbaren/#respond Wed, 25 Apr 2018 10:22:24 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9650 Geflüchtete Familie aus Afrin in einer UNHCR-Unterkunft © UNHCR/Hameed MaaroufSyrische Aktivistinnen riskieren ihr Leben, um über Kriegsverbrechen zu berichten. Von JULIA RAINER]]> Geflüchtete Familie aus Afrin in einer UNHCR-Unterkunft © UNHCR/Hameed Maarouf

Syrische Aktivistinnen riskieren ihr Leben, um das Kriegsgeschehen in Ost-Ghouta zu dokumentieren. Ein Bericht von JULIA RAINER von der UNO-Frauenrechtskonferenz in New York.

 

„Seit drei Wochen werden wir belagert und leben in Räumen, die deutlich unter den Luxusstandards Ihrer Sicherheitsrat-Räumlichkeiten liegen. Ich bin genau wie alle anderen Familien in Ghouta gezwungen, in diesen Kellern zu bleiben, die keine Schutzräume sind. Es sind modrige Kerker aus Schmutz, ohne Wasserversorgung oder Sanitäranlagen, nicht dazu gemacht, menschliches Leben zu beherbergen. Ich bin gezwungen, hier zu bleiben, weil das Assad-Regime und die russischen Streitkräfte uns täglich mit Fassbomben, Streubomben, Napalm und allen anderen Bombentypen bewerfen.“ Das sind die Worte, die Nivin Al Hotary, eine Syrerin, die mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in Ost-Ghouta lebt, am 12. März dieses Jahres an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen richtete. Seit Wochen berichteten die Medien schon über die Kämpfe in diesem Gebiet, aber bisher war es kaum möglich gewesen, an AugenzeugInnenberichte aus der Enklave zu kommen. Deshalb wurde Al Hotary per Skype zu einer Sitzung des wichtigsten internationalen Gremiums zugeschaltet, um Zeugnis über die grauenhaften Lebensbedingungen der Menschen in Ost-Ghouta abzugeben.

Risiko. Für diese Aussage, wie auch für die Tagebucheinträge aus ihrem Untergrundverlies, die sie auf ihrem persönlichen Facebook-Account veröffentlicht, geht Al Hotary ein lebensgefährliches Risiko ein. Dass sie ihre Identität preisgibt und mit kritischer Stimme die Kriegsverbrechen im Rahmen der Belagerung dokumentiert, kann sie jederzeit persönlich zum Ziel einer Attacke werden lassen. Davon lässt sich Al Hotary jedoch nicht einschüchtern: In den drei Stunden, in denen täglich Waffenruhe und eine kurze Atempause zwischen schrecklichen Phasen dröhnenden Bombenhagels herrscht, macht sie sich an die Arbeit, verfasst Texte und sucht nach raren Internetverbindungen. Beim Schreiben nimmt sie kein Blatt vor den Mund: Sie beschreibt die katastrophalen Zustände unterhalb der Erde, die Krankheiten, an denen die Kinder durch die Mangelernährung sowie die Kälte und Feuchtigkeit der Kellerabteile leiden, und die Angst, mit der die eingesperrten Menschen ständig leben müssen.
„Ich war selbst dem Beschuss mit Streumunition, Chlorgas, Mörserbomben und ‚Elefantenraketen‘, wie wir sie nennen, ausgesetzt. Und ich habe die Momente des Terrors erlebt, die das Einschlagen der Bomben begleiten. Die Explosion, die uns anschließend für Sekunden taub zurücklässt. Ich kenne die Druckwelle, die der Einschlag freisetzt, und das Feuer, das danach ausbricht. Um Sie zu verschonen, erzähle ich Ihnen nichts über die Verletzungen, die von den Bomben zurückbleiben.“
Al Hotary ist durch Berichte wie diese zu einem der berühmtesten Gesichter der Zivilbevölkerung von Ost-Ghouta geworden, ihre Beiträge werden in Sozialen Medien tausendfach geteilt. Sofern es einen Alltag in diesen Verliesen geben kann, erzählt sie von ihm. So werden vor allem die täglichen Herausforderungen des Belagerungszustandes für die Außenwelt nachvollziehbar. Diese versteht sie berührend zu beschreiben, ohne dadurch Opfer-Stereotype zu reproduzieren. Doch Nivin Al Hotary ist nicht die einzige Aktivistin, die quasi live in den Sozialen Medien über die Ereignisse von Ost-Ghouta berichtet. Viele andere tun das ebenfalls.

 

Geflüchtete Familie aus Ost-Ghouta in einer UNHCR-Unterkunft © UNHCR/Bassam Diab
Geflüchtete Familie aus Ost-Ghouta in einer UNHCR-Unterkunft © UNHCR/Bassam Diab

 

Reisebeschränkungen. Warum also gelangen so wenige von diesen verstörenden Berichten in die Medien? Vertreterinnen von NGOs, die mit vielen der AktivistInnen zusammenarbeiten, sehen darin keinen Zufall. Insbesondere „Women now“, die größte Organisation, die sich für die Rechte syrischer Frauen einsetzt, kritisiert die mangelnde Sichtbarkeit der Betroffenen. Nicht nur medial würden diese wichtigen Stimmen ignoriert, auch bei den internationalen Verhandlungen würden sie vielfach nicht zugelassen. Bei einem Treffen des Sicherheitsrates über die Situation in Ost-Ghouta im März konnten viele Aktivistinnen nicht teilnehmen, obwohl dies ursprünglich vorgesehen war. Die Situation in dem syrischen Gebiet war eskaliert, nachdem im Februar dieses Jahres eine Großoffensive durch Luft- und Artillerieangriffe gestartet wurde, in deren Rahmen russische und syrische Kampfflugzeuge dort die heftigsten Luftschläge seit Beginn des Bürgerkrieges ausführten.
Auch bei einer der größten internationalen Frauenrechtskonferenzen, der Commission on the Status of Women (CSW) der UNO, die jährlich stattfindet und zur Geschlechtergleichstellung auf internationaler Ebene beitragen soll, waren Syrerinnen ausgeschlossen. Ursprünglich hätten bei der 62. Tagung der CSW, die Mitte März in New York abgehalten wurde, auch syrische Aktivistinnen und Journalistinnen zu Wort kommen sollen, konnten aber nicht einreisen.

Dies sind keine Einzelfälle. So sind SyrerInnen weltweit, die versuchen in Genf und New York vor den internationalen Gremien repräsentiert zu sein, von Reisebeschränkungen betroffen.
Auch wenn die meisten von ihnen den Glauben an eine internationale Lösung und an die Macht der UNO schon lange aufgegeben haben, müssten die Betroffenen unbedingt auf internationaler Ebene gehört werden und die Chance bekommen, sich an der Konfliktlösung zu beteiligen.
Mitte April hat die syrische Armee die völlige Rückeroberung der Rebellenbastion Ost-Ghouta verkündet. AktivistInnen hatten dies zunächst bestritten. In der Stadt Duma in Ost-Ghouta fand auch der mutmaßliche Giftgasangriff durch Assad statt, der die USA, Großbritannien und Frankreich zu einem Militärschlag veranlasste, bei dem syrische Ziele nun mit Raketen angegriffen wurden.

Unsichtbare Zivilgesellschaft. Auch in Syrien selbst liegt eine Strategie des Regimes darin, den Austausch und die Vernetzung von zivilen AktivistInnen zu unterbinden, sodass diese völlig zersplittert agieren müssen und dadurch oft handlungsunfähig gemacht werden. Somit wird die syrische Zivilgesellschaft sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes immer unsichtbarer. „Historisch gesehen ist es im Interesse mancher internationalen AkteurInnen, die Öffentlichkeit glauben zu lassen, die einzigen Menschen, die noch in Syrien zurückgeblieben sind, seien ExtremistInnen, TerroristInnen, bewaffnete Gruppen und das Regime. Es herrscht der weitverbreitete Glaube, dass es keine Zivilgesellschaft in Syrien mehr gibt“, sagt Victoria Lupton, Vorstandsmitglied von „Women Now“ und Referentin bei der CSW-Konferenz, im an.schläge-Interview. Militärschläge lassen sich so leichter legitimieren.
Doch noch gibt es die Zivilgesellschaft – und sie lässt sich nicht mundtot machen. Auch wenn es im Moment erst einmal darum geht, die Belagerung und Bombardierung so rasch wie möglich zu beenden, wird die zeithistorische Dokumentation von Nivin Al Hotary und anderen einmal von großer Wichtigkeit sein. Damit könnten die Kriegsparteien in Syrien eines Tages für ihre Taten zur
Verantwortung gezogen werden.
„Zurzeit wird viel darüber geredet, dass der syrische Krieg zu einem Ende kommt, als hätte es nie eine Revolution gegeben. Wir treten dafür ein, dass es Gerechtigkeit für die enorme Gewalt, für die Zehntausenden Inhaftierten und für die endlosen Massaker geben muss, die seit dem Beginn der Revolution stattgefunden haben. Ohne diese Gerechtigkeit ist der Friede bedeutungslos“, sagt Victoria Lupton.

 

Geflüchtete Familie aus Afrin in einer UNHCR-Unterkunft © UNHCR/Hameed Maarouf

 

Kriegszustand. Die Realisierung dieses Zieles scheint im Moment jedoch in weite Ferne gerückt zu sein. Der Krieg in Syrien geht ins siebente Jahr und immer noch ist kein Ende in Sicht. Während Bomben, Unterernährung und Tod für viele SyrerInnen zum Alltag geworden sind, schaffen es Berichte darüber immer seltener in die Schlagzeilen. Zu wenig berühren die immerwährenden Schreckensmeldungen mittlerweile viele in den Ländern des globalen Nordens. Bei den komplizierten Verflechtungen der internationalen Kriegsparteien gerät das menschliche Leid außerdem oftmals in den Hintergrund. Umso mehr gewinnen die Stimmen von Al Hotary und anderen an Bedeutung: Sie erinnern daran, wie entsetzlich die Situation der syrischen Zivilbevölkerung mittlerweile ist. Denn während die RegierungsvertreterInnen des UNO-Sicherheitsrates den Verhandlungssaal verlassen und die bedrückenden Berichte hinter sich lassen können, ist das für die syrischen AktivistInnen unmöglich. Wird eine Sitzung vertagt, weil die internationale Gemeinschaft keine Einigung findet, bedeutet dies für die Bevölkerung eine weitere Verlängerung des unzumutbaren Belagerungszustandes. Für sie geht es um jede Sekunde.
Denn wenn die Skype-Verbindung endet, kehren Al Hotary und andere AugenzeugInnen in den kriegerischen Alltag zurück. Zurück in den Untergrund und in die Kellerabteile, die bloß vorübergehend Schutz bieten. Und während der Bombenhagel weitergeht, werden die AktivistInnen erneut jedes Risiko eingehen, damit die Außenwelt von den Geschehnissen in Syrien erfährt.

 

Julia Rainer ist Sprecherin des Frauenkomitees der Bundesjugendvertretung, der gesetzlichen Interessensvertretung von Kindern und Jugendlichen in Österreich. Sie nahm als NGO-Vertreterin und Teil der nationalen Delegation an der 62. Commission on the Status of Women in New York teil.

 

 

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arbeitsfragen in allen lebenslagen

 

Jetzt, wo ich schwanger bin und mein Chef sich damit abgefunden hat, will ich ihm nicht zu sehr zur Last fallen und ihm möglichst keine Unannehmlichkeiten bereiten. Irgendwie fühle ich mich doch auch schuldig. Ein schlechtes Gewissen, weil ich schwanger bin?! So weit ist es schon gekommen.
Immer noch fahre ich jeden Tag in die Werkstatt, wusele im Staub rum, säge Kanthölzer, stehe an lärmenden Maschinen und schleife Eichenholz. Das Problem ist: Eigentlich darf ich das nicht! So sagt es zumindest das Mutterschutzgesetz. Also versuche ich meinen Chef langsam aber sicher und mit viel Gefühl zu einem Beschäftigungsverbot zu bringen. So sagt es das Gesetz. Mein Arbeitsplatz kann nicht umgestaltet werden und ich somit nicht vor den Gefahren geschützt werden. Wenn man es genau nimmt, dann hätte ich ab dem Zeitpunkt der Bekanntgabe der Schwangerschaft zu Hause bleiben müssen. Aber des guten Betriebsklimas willen mache ich das nicht. Ich bin, neben einem Auszubildenden, die einzige Angestellte in unserem Betrieb. Mein Chef kennt sich mit dem ganzen rechtlichen Kram rund um Schwangerschaft und Mutterschutz nicht aus und zeigt auch keinen Willen, dies zu ändern.
Bevor ich also ab dem fünften Monat wirklich ins Beschäftigungsverbot gehe, arbeite ich noch etwa zwanzig Stunden die Woche auf Montagen mit. Immer noch in lauter und staubiger Umgebung, immer noch auf dem Boden hockend oder auf Leitern stehend.
Ich bin sehr ausgeglichen und strebe nach zwischenmenschlicher Harmonie. Wenn man es genau nimmt, dann ziehe ich hier die Beziehung zu meinem Chef meiner Gesundheit und der des ungeborenen Kindes vor. Ist das in Ordnung? Ich denke Tag und Nacht darüber nach und hoffe, dass am Ende alles gut wird.
„Danke, dass du noch so lange durchgehalten hast, Anna. Nun bin ich nicht ganz so sauer auf dich“, gibt mein Chef mir am letzten Arbeitstag mit auf den Weg.
Ich bin sprachlos.

 

Anna-Katharina Ledwa weiß, dass nicht die schwangere Arbeitnehmerin, sondern ihr Chef für die Einhaltung der Mutterschutzvorschriften zuständig ist. Sie wünscht sich, dass alle Arbeitgeber von werdenden Müttern diese, so gut es geht, unterstützen und ihnen nicht noch mehr Sorgen bereiten.

 

 

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an.spruch: Für wen kämpfen wir? https://ansch.4lima.de/an-spruch-fuer-wen-kaempfen-wir/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-fuer-wen-kaempfen-wir/#respond Wed, 25 Apr 2018 09:56:13 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9664 Illustration: Sabrina WegererIst Queerfeminismus der neue Differenzfeminismus? Von KATHARINA RÖGGLA]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Ist Queerfeminismus der neue Differenzfeminismus? KATHARINA RÖGGLA übt Kritik an der Konkurrenz in feministischen Szenen.

 

Die Frage, für wen der Feminismus kämpft, ist mindestens so alt wie die Frauenbewegung. Und mindestens so alt wie diese Frage ist der Vorwurf, feministische Kämpfe würden sich nur für die Interessen einiger weniger Frauen einsetzen. Tradition hat dabei die Anschuldigung, der Feminismus sei bourgeois und würde nur die Interessen bürgerlicher Frauen vertreten. Dieser Vorwurf ist derzeit weniger modern, dafür wird momentan vor allem ein anderes Argument ins Feld geführt: Frauenkämpfe würden nur für cis Frauen gekämpft, trans Frauen und Non-Binaries hätten darin keine Lobby.

Nicht ganz falsch. Ohne die Parallelen überstrapazieren zu wollen, geht es im Kern doch bei beiden Vorwürfen um dieselbe Frage: Wie partikular werden feministische Kämpfe geführt? Beide Vorwürfe sind natürlich nicht ganz falsch. Ja, es gab eine bürgerliche Frauenbewegung, die sich herzlich wenig für die Interessen proletarischer Frauen interessierte und deren aktuelle Entsprechung sich im weichgespülten Gender Mainstreaming kapitalistischer Institutionen findet. Genauso wie es Strömungen im Feminismus gibt, die Frausein aufs Gebären-Können reduzieren. Die Frage, wer das revolutionäre Subjekt feministischer Kämpfe sein soll, war damals wie heute aktuell – zunächst zu Recht angeprangert von der Schwarzen Frauenbewegung, derzeit vor allem um die Frage nach geschlechtlicher Identität erweitert. Für wen also kämpfen wir? Und wer ist dieses Wir, das ja sowohl gesellschaftlich konstruiert wird als auch strategisch formuliert werden kann?

Niemandem etwas wegnehmen. In einem, wie ich finde, höchst amüsanten Move fasst Koschka Linkerhand den Queerfeminismus als extreme Form des Differenzfeminismus. (1) Anstatt sich auf ein gemeinsames – gesellschaftlich konstruiertes – Subjekt Frau zu beziehen, wird eine möglichst umfassende Aufzählung von Identitäten angestrebt, die, Anerkennung fordernd, nebeneinander stehen. Das Partikulare wird damit konstituierend, die Differenz in den Vordergrund gestellt – und die Analyse patriarchaler Zustände rückt in den Hintergrund. „Der Punkt ist, dass der Queerfeminismus die grundlegende feministische Anklage, die der Frauenunterdrückung, nicht mehr auf den Punkt zu bringen vermag“, schreibt Linkerhand. Deutlich wird das z. B., wenn in einem Aufruftext zum 8. März betont wird, dass der Frauenkampftag doch niemandem etwas wegnehmen möchte: „Dafür zu kämpfen, dass Frauen*organisationen finanziell besser unterstützt werden, heißt nicht, dass andere benachteiligte Gruppen weniger bekommen sollen. […] Dafür zu kämpfen, dass es mehr günstigen Wohnraum für Alleinerziehende oder mehr Frauen*häuser gibt, heißt nicht, dass es dadurch weniger Platz für Geflüchtete geben soll.“ Diese scheinbare Konkurrenz zwischen den Gruppen entsteht vor allem, wenn in partikulären Interessen anstatt in strukturellen Dimensionen gedacht wird. Sonst wäre es nämlich naheliegend, nicht nur festzustellen, dass es natürlich auch wohnungslose oder geflüchtete Frauen gibt, sondern auch danach zu fragen, was denn die Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Frauengruppen sind.
Auflösbar wäre der scheinbare Widerspruch zwischen partikularen und übergreifenden Interessen nämlich vor allem in einer kritischen Analyse gesellschaftlicher frauenunterdrückender Zustände. Frauen – und zwar alle – sind überdurchschnittlich oft von sexueller Gewalt betroffen, dürfen nicht immer selbst entscheiden, ob sie Kinder haben oder Schwangerschaften austragen wollen, fühlen sich systematisch nicht hübsch und weiblich genug, werden zu oft nicht ernst genommen, werden automatisch für Reproduktionsarbeiten verantwortlich gemacht und geraten häufig in ökonomische Abhängigkeit von männlichen Partnern oder in Gewaltbeziehungen. Ein Feminismus, der sich nicht dem Vorwurf der Bürgerlichkeit aussetzen will, braucht die Analyse von Kapitalismus und Staat. Und ein Feminismus, der Differenzen zwischen Frauen anerkennen und sich trotzdem nicht in partikulären Interessen verlieren will, braucht eine umfassende Auseinandersetzung damit, wie es um das Patriarchat bestellt ist.

 

Katharina Röggla lebt in Wien und sehnt sich nach einer antiautoritären, antirassistischen und feministischen Bewegung.

 

(1) Koschka Linkerhand zum politischen Subjekt Frau, im gerade erschienenen und auch von ihr herausgegebenen Band „Feministisch Streiten“ aus dem Querverlag. Eine Lese- und Diskussionsempfehlung – nicht nur weil ein Artikel von mir drin ist.

 

 

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Weil´s schon immer so war? https://ansch.4lima.de/weils-schon-immer-so-war/ https://ansch.4lima.de/weils-schon-immer-so-war/#respond Wed, 25 Apr 2018 09:41:50 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9648 Asynja Grey, Stockholm 2007 © Del LaGrace VolcanoEine launige Kulturgeschichte der Weiblichkeit. Von OLJA ALVIR]]> Asynja Grey, Stockholm 2007 © Del LaGrace Volcano

Was bedeutet „Weiblichkeit“ eigentlich? Die Menschheit hat im Laufe der Geschichte darauf höchst unterschiedliche Antworten gehabt. Eine launige Kulturgeschichte der Weiblichkeit. Von OLJA ALVIR

 

Die Vergangenheit ist ein Produkt der Gegenwart. Das sollten wir uns immer vor Augen halten: Was wir heute über bestimmte Epochen zu glauben wissen, ist immer gefärbt davon, welche bereits existierenden Konzepte unsere Vorstellungen prägen. Wenn irgendwelche poshen britischen Kolonialherren 1890 in ihrer Freizeit etwas Archäologie machten, weil es gerade modern war und sich das für einen Kosmopoliten so schickte, so gingen sie mit ganz bestimmten Vorstellungen von prähistorischem Leben, Mann und Frau, Familie usw. ins (gestohlene) Feld. Und so sprach alles, was sie bei Ausgrabungen fanden, natürlich für die Konzepte, die sie lebten, verteidigten und zu legitimieren suchten. Und diese Konzepte, die es aufrechtzuerhalten gilt, sind meistens das Patriarchat, der Kapitalismus, Herrschaft generell.

Aber zurück zum Anfang. Die Geschichte der Weiblichkeit ist geprägt von der Vorstellung der Frau als das Andere. In den Quellen der westlichen Kultur, also der antiken Mythologie und Geschichte sowie den abrahamitischen Religionen und Traditionen, ist der Mann immer das Muster für den Menschen: der Arche- beziehungweise Proto-Typ, das Modell, das Vorbild, ein defizitärer Gott gar, nach dessen Ebenbild jedenfalls geschaffen.
Wurde etwas zu Mann und Mensch, wurden die Frau und das Weibliche naturgemäß zu seinem Gegenteil. (Binarität: Auch so ein hartnäckiges westliches Konzept.) Von allem, was dem Mann zugeschrieben wird und wurde – etwa stark, rational, dominant –, sei die Frau das Gegenteil: schwach, emotional, unterordnend.
Mit der Veränderung der Lebensweisen der Menschheit im Laufe der Geschichte veränderten sich auch die Anforderungen daran, was es bedeutet, Mensch und Mann zu sein, was sich natürlich wieder auf seinen Gegenpart, die Frau, auswirkte. Und so gibt es im Rückblick viele verschiedene (teilweise auch widerprüchliche) Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit.

Der Mann als Norm. Diese Vorstellung vom Normmenschen und seiner Abweichung findet sich auch heute noch oft im Alltag. Aufdringlich ist es beispielsweise in der Bild- und Piktogrammsprache, die oft einen generischen Mannmenschen stanzt oder in der (Schrift-)Sprache, wo nicht selten das Wort für Mann und Mensch sogar ein und dasselbe ist. Oder in Kunst und Architektur: Da Vincis berühmter „Vitruvianischer Mensch“ ist wenig überraschend ein Typ, sowie in der Medizin, deren Studien und Erkenntnisse sich stark am idealen Männerkörper orientieren und die Spezifika anderer Körper ignorieren.
Viele aktuelle politische Diskussionen und feministische Forderungen lassen sich im Kontext dieser Binarität lesen und verstehen. Was für den Menschen und Mann gilt, gilt nicht sofort auch für die Frau, sondern muss im Ernstfall erst erkämpft und erstritten werden: körperliche Unversehrtheit, Wahlrecht, ökonomische Unabhängigkeit und so weiter und so fort.
Selbstverständlich gibt es auch positive Bildnisse von Weiblichkeit. Doch auch diese – die göttliche Mutter Maria, die künstlerische Muse – sind Fremdzuschreibungen, die ganz bestimmte Funktionen erfüllen und meist unerreichbare Ideale darstellen, die in ihrer Perfektion wiederum nur die Defizite realer Frauen unterstreichen. Etwas provokant ließe sich also vielleicht sagen, Weiblichkeit ist ein Konstrukt zur Legitimation der Unterdrückung der Frau.

Wandelbare Weiblichkeit. Ein Rückblick auf die Entwicklung des Weiblichen zeigt: Weiblich kann alles sein, solange das Patriarchat es gerade so will und braucht. Wenn es in Kriegszeiten zu wenige Arbeitskräfte gibt, dann ist es eben plötzlich weiblich, in Fabriken zu schuften. Wenn es im Space Race gerade wichtig ist, voranzukommen, dürfen sogar Schwarze Frauen ran an die Mathematik. (Hidden Figures, anyone?) Und im Nachhinein werden, wie bereits eingangs geschildert, diese Entwicklungen als natürlich konstruiert – oder rückgängig gemacht, verschwiegen, gelöscht. In Wahrheit sind sie ganz gezielte Änderungen im gesellschaftlichen Bewusstsein mit oft eigener Bildsprache, eigenen Slogans und eigenen Kampagnen: We can do it! Die Geschichte von „Rosie the Riveter“, der Figur dieses ikonischen Bildes, ist hierzu eine großartige und sehr aufschlussreiche Lektüre.
Gerade das Phänomen „typisch weiblicher“ Berufe ist ein sehr eindeutiges Beispiel für die Konstruktion von Weiblichkeit und die einhergehende Abwertung. Viele der aktuell unter „immer schon so gewesen“ einsortierten kulturellen Vorstellungen rund um Gender und Beruf entstanden im Rahmen der industriellen Revolution, als sich die gesamte Gesellschaft und auch die Familienstrukturen im Westen stark veränderten.

 

Asynja Grey, Stockholm 2007 © Del LaGrace Volcano
Asynja Grey, Stockholm 2007 © Del LaGrace Volcano

 

Fäden ziehen. Dringen Frauen in vormalige Männerdomänen vor, geschehen zwei Dinge. Erstens: Gehälter und Prestige des Zweigs sinken erwiesenermaßen. Und zweitens: An der Spitze bleiben trotzdem Männer. Auch wenn beispielsweise Kochen, Mode und Beauty als „weibliche“ Interessen verankert sind, stehen an der Spitze der Industrien immer Männer. Kochen ist Frauensache, aber die Haubenküche ist dennoch ein extrem männlich geprägtes Feld; Nähen ist weiblich, aber die wichtigsten und bekanntesten Modedesigner, deren Visionen unsere Kultur prägen (und Frauen Body-Image-Probleme verleihen, die diese wiederum nur mit Produkten dieser Industrien zu lösen vermögen), sind – Bingo: Männer. Auch im Hintergrund werden von Männern die Fäden gezogen: Zu den reichsten Männern der Welt gehören übrigens Bernard Arnault, Inhaber von Luxusmarken wie Louis Vuitton und Dior, sowie Amancio Ortega vom Fashion-Konglomerat rund um Zara, Bershka und Co. Kapitalismus und Patriarchat arbeiten so schön zusammen wie eh und je.

Pink History. Vielleicht ein noch anschaulicheres Beispiel: Die Farbe Pink war bis noch vor etwa hundert Jahren eindeutig mit Buben verbunden. Pink kommt von Rot, und Rot ist in der westlichen Kulturgeschichte eine positiv konnotierte, dominante, gar königliche Farbe. Das als sanfter wahrgenommene Hellblau wurde den „passiven“ Mädchen zugeordnet. Zuerst Frauen zu etwas – Passivität – zu erziehen, um dieses Verhalten danach als essenziellen Bestandteil von Weiblichkeit zu bestimmen, ist hierbei der perfide Trick!
Der Blau-Rosa-Farbentausch, eine Einteilung, die nicht nur für viele Kinder heute in Stein gemeißelt scheint, fand erst irgendwann zwischen 1920 und 1950 statt. Auf dem Fuß folgte klarerweise auch die Abwertung von Pink als „Mädchenzeug“. (Auch die gesamte, sehr interessante Kulturgeschichte der Farbe Pink gibt übrigens Lesestoff für viele Monate.)

Regenbogenfarbener Hoffnungsschimmer. Das Beispiel Pink zeigt uns: Auch die komplette Verdrehung der Umstände und Bedeutungen ist also möglich. Angesichts dieser mannigfaltigen und teilweise willkürlichen Entwicklungen ist vielleicht nichts unmöglich, auch die positive Umdeutung nicht. Ein kleiner regenbogenfarbener Hoffnungsschimmer also. Es bleibt allerdings die Frage nach einer Definition von Weiblichkeit abseits des Männlichen. Glücklicherweise wurde hier ab der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts im Rahmen der zweiten Welle des Feminismus einiges an revolutionärer Arbeit getan.
Die Lösung des Problems könnte aber auch die Abschaffung falscher Binaritäten sein – oder zumindest vorerst ein bisschen mehr Dialektik. Denn obwohl „weil’s schon immer so war“ von Konservativen gerne als Pseudoargument eingeführt wird, bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Es war halt echt einfach nicht „schon immer so“. Es wurde irgendwann so gemacht! Und es wird und muss es auch in Zukunft nicht sein.

 

Olja Alvir, Autorin in Wien, ist immer wieder fasziniert davon, zu welch geistiger Akrobatik Menschen fähig sind, um ihr Handeln zu rechtfertigen.

 

 

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Mein Spitzen-BH, mein Eyeliner https://ansch.4lima.de/mein-spitzen-bh-mein-eyeliner/ https://ansch.4lima.de/mein-spitzen-bh-mein-eyeliner/#respond Wed, 25 Apr 2018 09:27:39 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9646 Dyke Marilyn (Piccadilly Circus), London 2006 © Del LaGrace VolcanoFemme als widerständige Praxis gegen Behindertenfeindlichkeit. Von TAMARA TAMKE]]> Dyke Marilyn (Piccadilly Circus), London 2006 © Del LaGrace Volcano

„Ich fühle mich stark, wenn ich Rock und ein schönes Dekolleté trage“, schreibt TAMARA TAMKE. Ein Kommentar über das Konzept Femme als widerständige Praxis gegen Behindertenfeindlichkeit.

 

Mit Stöckelschuhen kann ich nie eine richtige Feministin sein. Da nimmt mich doch keine_r ernst. Und diese Schminke. Absolutes No-Go, dachte ich noch in den 90ern, als ich anfing, Feminismus für mich zu entdecken.

Ich muss mich emanzipieren. Vom Glitzer, vom Eyeliner und meinen High Heels. Ich tue das ja auch eh alles nur, um den Männern zu gefallen, und mit dem vielen Make-up verdecke ich nur meine Unsicherheiten und verletzlichen Seiten. So wurde es mir von allen Seiten angedichtet. Mein Exfreund goss noch Öl ins Feuer: Zieh doch einfach mal nur Turnschuhe und eine Jeans an, und Schminke brauchst du eh nicht.

Stark. Mittlerweile liebe ich nicht mehr nur Männer, sondern werde auch rot, wenn meine Partnerin mir Komplimente für mein Outfit macht: Du bist wieder mal die Schönste heute Abend – eine wahre Erscheinung! In erster Linie aber geht es darum, dass mein Outfit zu mir dazugehört, dass das ICH bin. Meine manchmal exaltierten Outfits gehören zu mir – und mein Eyeliner sowieso. Ohne ihn fühle ich mich nackt. Ja und? Bei dir ist es vielleicht dein Bart oder dein Undercut, deine weite Kleidung, deine Stiefel, dein Hut. Ist ja egal. Ich fühle mich stark, wenn ich einen schönen Rock und ein schönes Dekolleté trage.
Und ich habe mich emanzipiert: Ich möchte das alles nicht mehr ablegen. Ich muss weder „natürlich“ sein, um schön zu sein, noch mir die Haare kurzschneiden, um cool genug für die Szene zu sein.

Sexy. Schön – das war ein Attribut, das mir per se und per Geburt von der Gesellschaft und von vielen Personen in meinem Umfeld abgesprochen wurde, weil mein Körper durch eine Behinderung nicht der Norm entspricht. Schön – das war im Zusammenhang mit mir völlig undenkbar. Auch „Frausein“ war eben deswegen nicht wirklich möglich, denn dazu gehörte für mich auch eine Sexualität und dafür wiederum – so habe ich es gelernt – Attraktivität. Im Spiegel habe ich oft versucht, mich „normal“ zu denken. Aber egal, wie ich mich gedreht und gewendet habe – nicht mal das schönste Abendkleid war schön genug, um mich schön zu machen, denn es wurde ja von einem „defekten“ und damit „hässlichen“ Körper getragen. Es schien vergebens.
Doch ich gab meiner starken Anziehung zu Glitzer nach. Besonders feminine Kleidung und Outfits machten mich glücklich und wurden wie eine zweite Haut für mich. Sie bedeuteten für mich in erster Linie, Mut zu haben. Ich hätte mich schließlich auch in Säcken verstecken können. Praktische, verhüllende Kleidung. Wen interessiert schon ein schöner Busen, wenn der Körper „kaputt“ ist. Vielleicht hätte das der Erwartung an eine behinderte Frau mehr entsprochen. Denn Kommentare wie „Toll, dass du dich TROTZDEM immer so zurechtmachst“ habe ich oft genug gehört. Als ob es fast schade um die schönen Klamotten wäre – bei so einem Körper! Schlimmer noch die Frage: „Willst du eigentlich mit dem ganzen Schmuck von deiner Behinderung ablenken?“
Jetzt erst recht, dachte ich mir dann oft und ging gleich los, um mir einen noch roteren Lippenstift und noch spitzere Spitzenunterwäsche zu kaufen. Das war mein Angriff auf die Norm. Auf die Gewalt gegen meinen Körper, die ich täglich erleb(t)e. Ich entschied, nicht mehr mitzumachen bei den Idealvorstellungen darüber, wie Körper auszusehen haben, um überhaupt weiblich* auftreten zu dürfen.
Der vom Mainstream mitleidig als hässlich empfundene Körper maßt sich also an, sexy zu sein.

Für Lesben Luft. Dass (nichtbehinderte) Frauen absichtlich und freiwillig androgyne oder „männlich konnotierte“ Kleidung trugen, war für mich eine Zeit lang völlig unverständlich. Ebenso wenig verstand ich, dass eine Frau nicht femmy, sondern butchy sein wollte. Bis ich mich in eine Butch verliebte. Natürlich war sie für mich wunderschön und ich wollte für sie auch wunderschön sein. Ich verstand ihre Genderrolle. Und ich entdeckte für mich das Konzept Femme, eine feminine* queere Frau. Das war wie eine Erleuchtung, eine Befreiung. Ich hatte einen Rahmen für meine Identität gefunden. Endlich konnte ich offen so etwas sagen wie: Ich muss noch schnell meinen Eyeliner nachziehen. Ich brauche etwas länger, ich muss mir noch die Haare machen.
Umso schmerzlicher war für mich die Erkenntnis, dass ich gerade in der queeren Szene oft nicht als queer wahr- und ernstgenommen wurde. Dass ich beim Ausgehen in Mainstream-Bars grundsätzlich erst einmal als „leicht zu haben“ und „voll hetero“ wahrgenommen und angebraten wurde, war ich gewohnt. Aber wieso war ich für die meisten Lesben Luft? Viele haben mich, zumindest als potenzielle Liebhaberin oder Partnerin, einfach ignoriert. Und ich bin oft immer noch die Einzige mit Nicht-Szene-Outfit. Denn selbst Femmes tragen heutzutage wenigstens Undercut oder coole schnoddrige Punk-Outfits. Nicht ich.
Dann fing das mit dem Gendersternderl an: Wenn über mich geschrieben wurde, wurde manchmal hinter „sie*“ ein Asterisk (Stern) gestellt. Ich habe verstanden, wieso: Dekonstruktion von Gender. Obwohl ich sehr froh bin, dass wir diese Schreibweisen haben, fühlte sich der Stern hinter meinem Gender richtig schräg für mich an. Noch heute erkläre ich oft, warum ich meinen Namen oder mein Pronomen lieber ohne Stern – ohne Dekonstruktion und Fluidität – sehe: Denn es war für mich ein langer Weg, Frau sein zu dürfen, zu können, mit allem, was für mich dazugehört. Diese Erfahrung ermöglicht mir aber auch, zu verstehen, dass es für andere zum Beispiel ein langer und steiniger Weg ist, etwa als intergeschlechtliche Person zu leben oder im Geschlecht zu transitionieren. Oder als Mann femmy zu sein. Oder als dicke Frau selbstverständlich im Mini auszugehen. Für all das habe ich eine besondere Sensibilität entwickelt.
Meine High Heels sind nicht unbedingt niedriger geworden, aber bequemer. Ich investiere noch immer viel Zeit in mein Äußeres, aber ich fühle mich mittlerweile auch ungeschminkt und unangezogen wohl in meiner (ersten) Haut. Und jedes Mal, wenn ich mich mit Glitzer besprühe, meine Haare glänzend glätte oder meinen roten Spitzen-BH unter meinem Abendkleid spüre, denke ich: Jawoll! Ich darf das – als Feministin, als Frau mit Behinderung, als queerer Mensch!

 

Tamara Tamke ist Autorin und lebt in Wien. Sie gibt gerne Schminktipps an Menschen aller Gender weiter.

 

 

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an.sage: Sentimentalität & Stolz https://ansch.4lima.de/an-sage-sentimentalitaet-stolz/ https://ansch.4lima.de/an-sage-sentimentalitaet-stolz/#respond Wed, 25 Apr 2018 09:09:15 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9662 Portrait Lea Susemichel Nicht kleinreden und nicht kleinkriegen lassen. Von LEA SUSEMICHEL]]> Portrait Lea Susemichel

Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Immer wieder habe sie im Laufe der Zeit an.schläge-Artikel kopiert, um sie nach fruchtlosen Diskussionen ihren Eltern mitzubringen, erzählt die Opernsängerin Katia Ledoux bei ihrem Auftritt auf dem rauschenden an.schläge-Geburtstagsfest in Wien. Es gibt bei der Bühnenshow einige solche persönliche Geschichten über die Bedeutung, die das Magazin in der individuellen Biografie der Künstlerinnen* gespielt hat. Sie alle treiben uns in dieser Nacht voll rührseliger Reminiszenzen immer wieder Tränen in die Augen.
Wir möchten Euch allen von Herzen für diese vielen Liebesbekundungen danken. Es gab sie nicht nur auf dem Fest, sondern auch während der Kampagnenarbeit in den vergangenen Wochen. Sie bedeuten uns ungeheuer viel. Diese Form der Solidarität war ebenso wichtig wie die Abobestellungen, mit denen wir es nun tatsächlich geschafft haben, unser Abo-Ziel zu erreichen! Hooray!
Und es ist nicht allein Nostalgie und eitler Stolz auf das eigene Herzensprojekt, die solch schmeichelhafte Erinnerungen und Lob so ergreifend machen. Es ist die Erkenntnis, dass die eigene Arbeit tatsächlich etwas bewirkt, dass feministisches Engagement einen nachweisbaren Unterschied machen kann.
Doch auch ohne jede Sentimentalität: Die Erkenntnis des eigenen Impacts sollten sich gerade Feministinnen unbedingt bewahren, denn auch sie neigen dazu, ihre Arbeit in der langen Tradition weiblichen Understatements kleinzureden (mit Ausnahme von Alice Schwarzer vielleicht …). Und das betrifft nicht nur den erfreulichen Einfluss, den feministische Projekte und Initiativen auf einzelne Lebensläufe haben, sondern durchaus auch die große gesamtgesellschaftliche Ebene, auf der buchstäblich „Geschichte gemacht“ wird.

 

 

Das zeigt aktuell auch die Erinnerungspolitik zum 50. Jubiläumsjahr von 1968. Dass Sigrid Rüger damals Tomaten auf die Genossen schmiss, weil diese auch nach Helke Sanders revolutionärer feministischer Rede keine Einsicht zeigten, gilt bis heute als launige Fußnote einer Geschichte von vornehmlich männlichen Marxisten, die die Welt verändert haben. Erst jetzt scheint es zu einer zaghaften Neubewertung der Rolle zu kommen, die feministische Kritik bei dieser wichtigen gesellschaftlichen Revolution des 20. Jahrhunderts gespielt hat. Denn sie war definitiv größer als gewürdigt. Gretchen Dutschke, Aktivistin und Witwe der 68er-Ikone Rudi Dutschke, hat gerade ein Buch mit dem Titel „1968: Worauf wir stolz sein dürfen“ veröffentlicht und sagt, dass es gerade die Frauenbewegung sei, auf die wir mit Stolz zurückblicken sollten. Denn bereits in den 1970ern hätten sich die Männer in K-Gruppen zurückgezogen und „die Bewegung zersplitterte. (…) Es war vor allem die Frauenbewegung, die unsere antiautoritären Ideale weitertrug“, so Dutschke im „Standard“-Interview.
Genau diese These macht auch die deutsche Historikerin Christina von Hodenberg in ihrer Studie „Das andere Achtundsechzig“ stark, in der sie zeigt, dass 1968 viel „weiblicher“ war, als die historische Forschung bislang vermuten ließ, und dass vor allem die damals entstandene Frauenbewegung großen gesellschaftlichen Einfluss hatte.
Angesichts dieser vielen Leerstellen sollte alles darangesetzt werden, damit die historische Leistung von Frauen* nicht länger unterschlagen wird.
Denn gegenwärtig sind wieder sie es, die Geschichte machen: Ob bei den buchstäblich historischen Women’s Marches, dem Frauenstreik in Spanien mit über fünf Millionen Teilnehmerinnen oder den Frauentags-Demonstrationen in der Türkei. Diese feministischen Bewegungen, die selten so stark waren, dürfen sich nicht kleinreden und nicht kleinkriegen lassen. Denn die Berichterstattung über solche Ereignisse ist trotz medialem #MeToo-Rummel weiterhin dürftig, stattdessen bekommt altbackenster Antifeminimus viel Raum – wie beim vielbeachteten „Zeit“-Leitartikel, in dem über den „feministischen Volkssturm“ gewütet wird, dessen Auswüchse an „bolschewistische Schauprozesse“ gemahnen würden. (Zur Erinnerung: Die Urteile dieser Prozesse hatten die Verbannung in sibirische Arbeitslager oder gar das Todesurteil zur Folge. Androzentrische Geschichtsvergessenheit also auch hier.)
Für (eine) andere Geschichte(n) ist feministische Medienkritik und Medienarbeit offenbar weiterhin unverzichtbar. Dank Euch können wir sie zum Glück fortsetzen.

 

 

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nachgefragt https://ansch.4lima.de/nachgefragt/ https://ansch.4lima.de/nachgefragt/#respond Wed, 25 Apr 2018 09:08:02 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9660 Illustration: Plastik PflanzeWollen wir auf der 1. Mai-Demo eine Bezugsgruppe bilden? Von PLASTIK PFLANZE]]> Illustration: Plastik Pflanze

Illustration: Plastik Pflanze

 

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