8 / 2017 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 02 Aug 2020 17:36:01 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 8 / 2017 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 2017-08 https://ansch.4lima.de/inhalt/2017-08/ Tue, 15 Oct 2019 08:58:08 +0000 https://anschlaege.at/?post_type=inhaltsverzeichnis&p=14059 ]]> ]]> „Ein Mindestmaß an Unbill“ https://ansch.4lima.de/ein-mindestmass-an-unbill/ https://ansch.4lima.de/ein-mindestmass-an-unbill/#respond Sat, 16 Dec 2017 18:12:33 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9254 Portrait Lea SusemichelFeministinnen und ihre Luxusprobleme: Der Backlash gegen MeToo zieht herauf. LEA SUSEMICHEL ]]> Portrait Lea Susemichel

Feministinnen und ihre Luxusprobleme: Der Backlash gegen #MeToo zieht herauf. Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Der Feminismus ist gegenwärtig von zwei Seiten unter Beschuss – von rechts und von links. Davor warnt die feministische Kulturtheoretikerin Angela McRobbie angesichts einer linksliberalen US-Debatte, die seit dem ideologischen Showdown zwischen Hillary Clinton und Bernie Sanders immer aggressiver geführt wird. Denn auch viele Linke wollen sich angesichts der globalen Misere wieder auf die Kernforderung nach sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit besinnen, statt sich durch „Partikularinteressen” wie Feminismus oder Black Liberation spalten zu lassen.

„Genderwahnsinn”. Der Backlash, der sich als Antwort auf die erfreulichen Erschütterungen durch #MeToo noch leise, aber schon vernehmlich grollend zusammenbraut, gibt McRobbie auch hierzulande Recht.
Denn während Angriffe auf „Genderwahnsinn” und „politische Korrektheit“ von rechtsreaktionärer Seite wohlvertraut sind, ist die Unverhohlenheit relativ neu, mit der feministische Forderungen nun auch von vermeintlich Linken zurückgewiesen und der gute alte Hauptwiderspruch gefeiert wird. Deren Argument lautet: Der Neoliberalismus hätte sich die identitätspolitischen Emanzipationsbestrebungen noch der kleinsten Minderheit inzwischen erfolgreich einverleibt und gewähre diesen nun kleine symbolpolitische Siege. Doch auch wenn Transfrauen oder Lesben hin und wieder Unternehmen und vielleicht sogar mal eine Regierung führen dürften, ändere das an der globaler Ungleichheit und am Elend der prekarisierten Massen nicht das Geringste. Im Gegenteil würde es von den entscheidenden Schlachten nur ablenken.

Haupt- und Nebenwiderspruch. Dieses neue Nebenwiderspruchs-Argument ist so falsch wie das historische: Kapitalistische Ausbeutung lässt sich nicht analysieren und wirksam bekämpfen ohne dabei z.B. den Beitrag zu berücksichtigen, den reproduktive Arbeit weiterhin unentlohnt zum Systemerhalt leistet. Ebensowenig lässt die neoliberale Hegemonie brechen ohne Verständnis für spezifische Diskriminierungsformen und Machtgefälle innerhalb des so ganz und gar nicht homogenen Prekariats. Das heißt – um nun ebenfalls in die diskursfigürliche Mottenkiste zu greifen – konkret: Niemand ist frei, solange nicht alle frei sind.

„Erwachsenensprache“. Auch Robert Pfaller versteht sich als Linker, der für die gute Sache gegen identitätspolitische Überempfindlichkeiten und Überkorrektheiten polemisiert – und er richtet sich dabei nun auch gegen die #metoo-Bewegung. Der Wiener Philosophieprofessor, der schon in der Vergangenheit mit saudämlichen Kommentaren zum Thema auffiel („Ist es egalitär, Frauen zu behandeln, als ob sie kein Geschlecht hätten? Oder ist es egalitär, Frauen mit dem ganzen Respekt und der Courtoisie zu behandeln, die einer Dame im öffentlichen Raum zustehen?“,) plädiert in seinem neuen, leider vielbeachteten Buch nun für eine „Erwachsenensprache“. Denn „auch Frauen sind vernünftige, erwachsene Wesen, die zwar nicht alles, aber ein Mindestmaß an Unbill sehr wohl ertragen können.“ Metoo brächte mehr Schaden als Nutzen verkündet Pfaller (ohne freilich den vermeintlichen Schaden konkret zu benennen), schließlich seien Frauen keine schwachen Opfer, sondern „starke Wesen, die auch Macht und Sex einsetzen und diese bisweilen auch missbrauchen können.” Überhaupt verdanke sich die ganze Empörung letztlich einer puritanischen Sexualfeindlichkeit. Pfallers Conclusio, die in ihrer dreisten Einfältigkeit fast schon wieder beeindruckend ist, lautet: #MeToo unterlaufe errungene emanzipatorische Fortschritte durch Selbstviktimisierung und Sexualitätsfeindlichkeit sogar wieder.

Luxusprobleme von Hollywoodschauspielerinnen. Bei den prominenten #MeToo-Fällen, die Pfaller als Luxusprobleme von Hollywoodschauspielerinnen abtut, handelt es sich mitunter um Vergewaltigung und brutale Nötigung. Davon unbeeindruckt wird so getan, als würde Männern nun bei jedem unbeholfenen Kompliment sofort das Wort im Mund und bei versehentlich anstreifenden Händen gar gleich der Hals umgedreht.
Und Pfaller ist leider beileibe nicht der einzige mit dieser kruden Argumentationsstrategie. Viele sprechen angesichts von Sachverhalten, die so offensichtlich sind wie ein Schlag ins Gesicht, mit bangen Mienen von „schmalem Grat“, „schwierigen Grenzziehungen“ und „großen Grauzonen“. Doch auch wenn sich das als solche bemäntelt: Das ist keineswegs die Sorge vor einer wildgewordenen weiblichen Lynchjustiz. Es ist eine perfide reaktionäre Strategie – und es ist wichtig, sich das klarzumachen.

Abwehrkampf. Damit kein Missverständnis entsteht. Natürlich ist es unerlässlich, die innerlinke Debatte zu führen, ob identitätspolitische Scharmützel eine breite Solidarisierung verhindern, die es gegenwärtig so dringend bräuchte. Aber diese Debatte ist kompliziert und muss deshalb differenziert geführt werden. Was hier geschieht, ist hingegen erschreckend simpel: Es nicht der Klassenkampf, für den er sich ausgibt, sondern der aggressive Abwehrkampf sexistischer Männer.

 

 

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an.lesen: Volle Fahrt bergab https://ansch.4lima.de/an-lesen-volle-fahrt-bergab/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-volle-fahrt-bergab/#respond Fri, 24 Nov 2017 16:30:29 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9160 Virginie Despentes - © JF PagaVirginie Despentes’ neuer Roman „Das Leben des Vernon Subutex“. Von CAROLIN HAENTJES]]> Virginie Despentes - © JF Paga

Die französische Punkrock-Poetin Virginie Despentes hat einen großen Roman über den Niedergang der französischen Gesellschaft geschrieben. CAROLIN HAENTJES findet ihn großartig.

 

Es geht steil bergab. Mit jeder_m einzelnen, mit der Gesellschaft sowieso. Was Virginie Despentes in ihrem neuen Roman beschreibt, ist ein einziges Herabrauschen. In der Hauptrolle: Vernon Subutex, vormaliger Besitzer eines legendären Plattenladens. Kein Promi, aber eine Zweite-Reihe-Instanz der Pariser Subkultur. Vernon hat sich ganz gut gehalten, äußerlich, für einen Endvierziger. Ab und an glänzt er noch mal in seiner Rolle eines heruntergerockten Ladykillers, aber das hat er auch bitter nötig. Denn Vernon Subutex ist auf dem Weg zum SDF, wie es auf Französisch heißt. Auf gut Deutsch und um in Despentes’ Sprache zu bleiben: zum Penner.
Eine Wendung, die Vernon, wie die meisten Menschen, für sein Leben nicht in Betracht gezogen hatte. Auch wenn es sich langsam anbahnte: Der Plattenladen musste schließen, weil die Digitalisierung anfing, die analogen Medien zu fressen. Die Sozialhilfe wurde ihm mangels Job-Aussichten gestrichen. Er hielt sich allein mit den Spenden seines Popstar-Freundes Alex Bleach über Wasser. Nur, dass Alex einfach sterben, der Gerichtsvollzieher an seine Tür hämmern und er mir nichts, dir nichts mit einer einzigen Tasche in der Hand auf der Straße stehen könnte – damit hatte er trotz allem nicht gerechnet. Es trifft ihn plötzlich, ein Schlag ins Gesicht, oder besser: ein deftiger Arschtritt. Vernon schlägt sich durch, wärmt alte Freundschaften auf, schlüpft bei neuen Freundinnen ins Bett. Bis er am Ende seiner Im-Notfall-fragen-Liste angekommen ist, auf dem Trottoir sitzt und die Hand ausstreckt.

Chor der Verzweifelten. Wäre Vernons Schicksal einfach nur seine Geschichte, es wäre tragisch, aber viel einfacher. Für die anderen jedenfalls. Für den Chor der Verzweifelten, die Vernons Absturz begleiten. Sie besingen ihr eigenes Leben, streifen Vernon nur zufällig. Aber sie alle schnappen in ihren Liedern verzweifelt nach Luft, versuchen noch ein Stückchen Leben zu ergattern, während sie fortgerissen werden von einer spätkapitalistischen Konsumkultur, die nur einen Gott (die Jugend) und eine Kirche (den Körper) kennt. Ex-Pornostar, Journalistin, depressive Mutter, wütender Vater, verlassener Schläger, Internet-Rufmörderin und ein von Verfolgungswahn geplagter Manager: Sie alle kommen zu Wort, mit ihren eigenen Kämpfen, ihren neurosen-zerfressenen Alltagsgeschäften. Für jede_n schlägt Despentes einen eigenen Ton an, kehrt mit ihrer direkten, einfühlsamen Sprache ihr Inneres hervor. Und zeichnet, ausgehend von der Talfahrt des Vernon Subutex, das Sittengemälde einer neoliberal-ausgeweideten Gesellschaft.

Enfant terrible. Es ist Despentes’ siebter Roman und der erste Teil einer Trilogie, deren drei Bände in Frankreich alle Bestseller wurden. Noch im Jahr 2000 wurde die Verfilmung ihres Debüts „Baise-moi“ („Fick mich“) zensiert und durfte nur in Pornokinos gezeigt werden. Nun ist Despentes mit ihrer dreibändigen Absturz-Erzählung in den französischen Literaturhimmel aufgestiegen. Man hat sie, eine ehemalige Sex-Arbeiterin und Punkrock-Feministin, das enfant terrible der Underground-Literatur, in die Académie Goncourt gewählt. In die Jury also, die den renommiertesten Literaturpreis Frankreichs verleiht. Die Vergleiche mit Balzac, die in den Kritiken gezogen wurden, naja, die werden weder ihr noch ihm gerecht. Aber sie drücken aus, wie präzise das Panorama ist, das die Autorin entwirft, das vielgesichtige Porträt einer Gesellschaft, in der jede_r für sich alleine stirbt. Außer Vernon, der verreckt einfach nicht.
Als er ganz unten ist, fiebertrunken, findet er sich wieder, hoch über der Stadt. Eine Perspektive, aus der er eine neue Klarsicht gewinnt – und die Despentes’ Selbstverständnis als Schriftstellerin Ausdruck verleiht: „Ich bin der Flüchtling, der den Stacheldraht von Melilla überwunden hat, (…) ich bin die Kuh im Schlachthof, ich bin die Krankenschwester, die von ihrer Ohnmacht angesichts der Schreie taub geworden ist, (…) ich bin der Baum mit den nackten, vom Regen misshandelten Ästen, das Kind, das in seinem Kinderwagen schreit, (…) ich bin eine schwarze Wolke, ein Springbrunnen, der verlassene Bräutigam, der die Fotos seines früheren Lebens vorbeiziehen sieht, ich bin ein Penner auf einer Bank hoch oben auf einem Hügel über Paris.“ Großartig.

 

Carolin Haentjes ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

 

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex
Kiepenheuer & Witsch 2017
22,70 Euro

 

 

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an.sehen: Brown Girls Superstars https://ansch.4lima.de/an-sehen-brown-girls-superstars/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-brown-girls-superstars/#respond Fri, 24 Nov 2017 15:33:24 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9162 © Megan Lee MillerEine amerikanische Webserie feiert die Freundschaft. Von BARBARA FOHRINGER]]> © Megan Lee Miller

Eine virale Webserie feiert die Freundschaft. Von BARBARA FOHRINGER

 

Das Smartphone läutet. Leila (Nabila Hossain) steht auf, hebt ab und während sie beginnt, sich anzuziehen, lügt sie ihre Tante am anderen Ende der Leitung an – sie sei gerade in der Arbeit, gleich beginne ein wichtiges Meeting. Noch bevor wir Leilas Versuch, ihre Tante zu beruhigen, hören, beginnt die Kamera durch den Raum zu gleiten, wir sehen eine Pflanze, Bücher, eine Tasche und den Spruch „Today is the first day of the rest of your life“. Während der Gedanke aufkommt, gerade eine bisher unentdeckte Folge von „Girls“ oder einer ähnlichen Millennial-Serie entdeckt zu haben, schwenkt die Kamera auf den Körper einer weiteren Person, die noch im Bett liegt. Sie ist nackt und sie ist weiblich.

Im Mittelpunkt stehen. Es wäre zu einfach, „Brown Girls“, die in den USA von Kritiker_innen gelobte Webserie, die diesen Februar auf ellen.com ihr Debüt feierte und deren Trailer schon Tausende vor Serienstart begeistert hatte, einfach als neue Version von „Girls“ oder „Broad City“ abzutun. Sicher. Auch in „Brown Girls“ steht die Freundschaft zweier junger Frauen, die sich in ihren Zwanzigern befinden, in der Großstadt leben und kreative Ambitionen haben, im Zentrum. Aber Leila und ihre beste Freundin Patricia (Sonia Denis) sind nicht die Art von Frauen, die bisher in Filmen und Serien als Hauptdarstellerinnen im Mittelpunkt standen: Leila ist eine muslimische Amerikanerin mit pakistanischem Background. Sie will schreiben. Und sie will nicht mehr mit ihrem verheirateten Chef schlafen, sondern mit Frauen. Die Afroamerikanerin Patricia wiederum will sich mehr auf ihre Musikkarriere konzentrieren. Einem Date sagt sie nach dem Sex, dass er nicht bei ihr übernachten solle, sie werde ihm ein Uber rufen.

 

© Megan Lee Miller
© Megan Lee Miller

 

Female friends first. „Brown Girls“ fokussiert die Erfahrungen von (mitunter queeren) Women of Color. Geschrieben wurde die Serie von Fatimah Asghar, einer muslimischen Amerikanerin mit Wurzeln in Pakistan und Kaschmir, die auch als Autorin von Gedichten erfolgreich ist. Regie führte die schwarze Filmemacherin Sam Bailey, die zuvor etwa die Webserie „You’re So Talented“ kreierte. Die Serie verdankt sich zudem Asghars Freundschaft mit der Schwarzen Musikerin Jamelia Woods, die „Brown Girls“ musikalisch unterstützt und berät. Asghar und Bailey wiederum lernten einander nach der Uni kennen, Asghar konnte Bailey gleich für ihre Idee zu „Brown Girls“ begeistern. Bei der Produktion bestand das Team nahezu komplett aus Frauen und/oder People of Color.
Und so bekommt das Publikum zwei Frauen zu sehen, die ihren Platz in der Welt suchen: Die Brotjobs sind derweil öde, Geld ist knapp (in einer Szene muss Patricia ihre Mutter per Anruf um weitere finanzielle Unterstützung bitten), Sex und Beziehungen sind kompliziert, die Freundschaft der beiden aber, die passt, gibt Halt und dem Publikum eine intime Innenschau dieser nuancierten Figuren. „Brown Girls“ verhandelt etwa Liebe und Sex im Zeitalter von Tinder & Co, das Erwachsenwerden, weibliche Freundschaft, aber auch den Umgang mit der eigenen Familie, Diaspora und Rassismus.

Viraler Hit. „Brown Girls“ erzählt wie „Atlanta“ und „Insecure“ Geschichten aus der Perspektive von und mit People of Color-Geschichten, die von den Produktionsfirmen viel zu lange ausgeblendet wurden. Da die Serie schnell zum viralen Hit wurde, haben kurz nach Ausstrahlung einige TV-Sender ihr Interesse bekundet. Asghar und Bailey gaben HBO den Zuschlag. „HBO’s ‚Brown Girls‘ Will Change Television“ schreibt die Zeitschrift „The Atlantic“ bereits. In der letzten Szene, in der die beiden über ihre Zukunft sinnieren, sagt Leila zu Patricia: „We’re gonna make this work.“ Das Publikum kann sich schon jetzt sicher sein: Sowohl Leila und Patricia als auch Fatimah und Sam werden das tun.

 

Barbara Fohringer lebt und schreibt in Wien und Niederösterreich.

 

Brown Girls
Von Fatimah Asghar & Sam Bailey, USA 2017
www.browngirlswebseries.com

 

 

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heimspiel: Life is a Rollercoaster https://ansch.4lima.de/heimspiel-life-is-a-rollercoaster/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-life-is-a-rollercoaster/#respond Wed, 22 Nov 2017 18:14:27 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9166 Illustration: Sabrina WegererEs gibt das Gefühl, dass unser Modell Vorbild sein kann. Von KRISTINA BOTKA]]> Illustration: Sabrina Wegerer

leben mit kindern

 

Der uralte Nachbar, der die Kinder des Hauses mit Schlecker versorgt: „Wo ist denn ihre Tochter immer, ich seh’ sie ja so selten?“ Die Verwandte einer Freundin: „Auch praktisch, wenn das Kind mal beim Vater ist!“ Der Betreuer im Kindergarten: „Ah, fahren Sie auf Urlaub, weil Sie sich erst nächste Woche wieder sehen?“ Ein Kollege: „Schade, dass ich nicht Alleinerzieher bin, da gibt’s so tolle Urlaubsangebote!“ Die Tante: „Schau mal, die Seifenblasen sind zu dritt – wie Mama, Papa, Kind!“ Jetzt reicht es mir aber – DAS SIND SEIFENBLASEN! Die sind jetzt auch schon FAMILIE? Geht’s noch? Mein Kind lebt Halbzeit bei dem einen Elternteil und Halbzeit beim anderen. Nein, das ist nicht dauernd total cool, weil ich so viel „frei“ hab, sondern manchmal fühl ich mich wie eine halbe Person ohne sie. Neulich musste ich im Kaffeehaus heulen, weil ein süßes Kind neben mir gespielt hat und meines nicht da war. Meine Tochter erzählt gerne von ihren drei Wohnungen und zwei Autos, die unterschiedlichen Routinen und Ortswechsel sind normal geworden und es passt gut für sie. Ich bin mit Mitte Dreißig auf Identitätssuche. Eigentlich denke ich, dass ich doch ohnehin nie die war für Vater-Mutter-zwei-Kinder-Haus-Hund-Bausparvertrag-Marillenknödel. Manchmal krieg’ ich panische Zustände, aus lauter Angst vor der alleinigen Verantwortung für mein Kind. Was, wenn das Kind zu wenig Vitamine gegessen hat, die Gummistiefel plötzlich zu klein sind oder es in der Früh mal keine Milch gibt? Wenn meine Tochter mit großer Spannung meine Grenzen austestet, um mir dann beim Auszucken zuzusehen, weiß sie mittlerweile, dass möglicherweise kurz darauf Hilfe gerufen wird und dann steht schon mal meine beste Freundin oder der Papa vor der Tür, um uns das Leben zu retten. Ich lerne dazu, sie lernt dazu. Beim Fortgehen freue ich mich, dass ich machen kann, was ich will, und am nächsten Tag niemand um sieben Uhr etwas von mir braucht. Abends mit dem Freund die neue Gegend erkunden, unkompliziert woanders übernachten, Zeitung lesen, spontan wem aushelfen, mal länger arbeiten. Es gibt Freiheit. Möglichkeiten. Es gibt eine neue Liebe mit allem Drum und Dran. Es gibt Sehnsucht. Es gibt das Gefühl, dass niemand mich versteht. Es gibt das Gefühl, dass unser Modell Vorbild sein kann. Es gibt Wut auf die Bilderbuch-Familien. Es gibt wunderbares unverhofftes Glück. Riesenstolz auf dieses unglaubliche Kind. Lachtränen werden plötzlich zu Verzweiflungstränen. Die Bekannte: „Wie geht’s dir denn?“ Ich: „Mal so, mal so!“

 

Kristina Strauß-Botka ist Politikwissenschaftlerin und Elementarpädagogin sowie getrennt erziehende Mutter einer Dreijährigen.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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lebenslauf: Totenbetthupferl https://ansch.4lima.de/lebenslauf-totenbetthupferl/ https://ansch.4lima.de/lebenslauf-totenbetthupferl/#respond Wed, 22 Nov 2017 18:11:36 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9168 Kolumne Lebenslauf - Illustration: Nadine KappacherSterben ist DER Orgasmus! Von MICHÈLE THOMA]]> Kolumne Lebenslauf - Illustration: Nadine Kappacher

auch feministinnen altern

 

Frauen leben länger, super, immerhin. Vielleicht hängt es an unsern tollen Doppel-X-en? Nicht nur, die Herren sind bezüglich Jenseitsbeförderung deutlich motivierter. Was sie alles tun bzw. nicht tun! Couch potatoes auf Steinzeitdiät. Sie duellieren sich häufiger, neigen zu Risiko und Raserei und haben im Raufen und Saufen immer noch einen Vorsprung. Letzteres, unfair, wegen ihrer extrem strapazierfähigen Leber, die sie dann, what else?, überstrapazieren. Frauen, so liest frau häufig, seien dafür generell strapazierfähiger, würden mit ihren Ressourcen haushalten und dann eben hausfraulich ein paar Jahre mehr für sich herausschinden. Durch die Pamper Canyons zu robben ist zwar nicht der Thrill, aber mit deutlich weniger unmittelbarem Ablebenspotenzial verbunden als von einer schroffen Klippe ins Nada zu jumpen. Wenn die von der XY-Abteilung sich mit Drogen zudröhnen, gehen sie meist auch radikaler ans Werk. Selbst bei der Gottesdroge machen sie gern einen auf Ex. Statt einfach mal an die Luft zu gehen, sprengen sie sich in dieselbe. Sie gehen eben gern aufs Ganze, und dann eben drauf. So sind sie halt.
Späterer Exitus, streng, aber gerächt! Ein Trost für trostlose Etappen, allein Stehen, allein Liegen, allein Erziehen? Für all die Spagate, die akrobatischen Kunststücke, um es allen recht zu machen, in allen Rollen nicht aus der Rolle zu fallen, es sind meist keine Prinzessinnenrollen? Gut, Mütterchen, ein paar Jährchen gibt’s noch drauf. Jetzt hast du Ruhe, vor der ewigen, es kann plötzlich sehr ruhig werden, wo sind sie plötzlich alle? Eben sind mir noch alle auf der Nase herum getanzt.
Old school boys’ and girls’ stories, bald Legenden aus fernen Zeiten?, grübelgrübelt Greisin. Weil Männer und Frauen ja bald ganz andere sind und jede(r) einfach nur sie_er selbst, was wahrscheinlich auch nicht einfach ist.
Wie auch immer, ein kleines Totenbetthupferl. Lotte Ingrisch, die in ihrer Hofburgwohnung bei Rotwein und Schokolade mit Gespenstern konversiert, kann ihren Tod kaum erwarten. Sterben ist DER Orgasmus! Für alle. Auch für Männer.
Schon ok, wir sind ja nicht so.

 

Michèle Thoma geht auf die hundert zu.

 

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Bi* open https://ansch.4lima.de/bi-open/ https://ansch.4lima.de/bi-open/#respond Wed, 22 Nov 2017 18:02:43 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9158 EuroBiCon with Robyn Ochs © Robyn OchsÜber Ausgrenzung und das aktivistische Potenzial von Bi*. Von KATHARINA PAYK]]> EuroBiCon with Robyn Ochs © Robyn Ochs

Bi*sexuelle haben mit Diskriminierung von allen Seiten zu tun. Der Ausgrenzungserfahrung steht ein besonderes aktivistisches Potenzial entgegen. Von KATHARINA PAYK

 

„Bi* ist ja gerade voll im Trend“, flüstert mir die Sitznachbarin zu, als bei einer queeren Veranstaltung darauf hingewiesen wird, dass es mehr als homo- und heterosexuelles Begehren gibt. Der Begriff Trend legt nahe, dass es sich bei bi* nur um eine Modeerscheinung oder Phase handeln würde. Vielen Menschen, die sich als bi*sexuell outen, wird unterstellt, dass dies nur eine Phase sei, deren erfolgreicher Abschluss dann entweder in einer heterosexuellen oder einer homosexuellen Selbstverortung kulminiere.
Weitere ignorante und degradierende Formulierungen kennen bi* Menschen nur zu gut: von „ein bisschen bi schadet nie“ und „du kannst dich doch nur nicht entscheiden“ bis zu der ständigen (Über-)Sexualisierung von bi*sexuellen Menschen („oh geil, Gruppensex“). Ob es angesichts solcher Zuschreibungen, mit denen man konfrontiert wird, wirklich im Trend liegt, sich zu outen – oder vielleicht doch eher ziemlich mutig ist –, sei dahingestellt.

Ausschluss. Bi*sexualität ist manchmal mitgemeint, z. B. im Akronym LGBTI der queeren Communities, aber oft auch (bewusst) ausgeschlossen, und zwar sowohl in der Mainstream-Welt als auch in der Homo-Szene: Mit bi*sexuellen Frauen beispielsweise kann man in der queer-feministischen/lesbischen Community oft nichts anfangen: Wer (auch) mit (cis) Männern schläft, kann ja nicht richtig queer sein. Verräterin. Eigentlich doch eine Hete. Der heteropatriarchale Mainstream ist da nicht besser. Auch hier überlegen sich Bi*sexuelle gut, ob sie damit herauskommen, dass sie auch mit Menschen des eigenen Geschlechts Sex haben bzw. Beziehungen führen. Besonders bi* Frauen wird bei einem solchen Outing oft postwendend ein Dreier angeboten. Männer unterstellen bi* Frauen gerne Nymphomanie und machen keinen großen Hehl daraus, dass sie in der bi* Frau ihre Porno-Gelüste befriedigt sehen: „Ich und zwei Frauen, das war schon immer mein Traum!“ Aufklärung tut also vielerorts not: Weder sind bi* Männer verkappte Schwule noch sind bi* Frauen eigentliche Heteras, die sich hin und wieder mal Sex mit einer Frau gönnen – am besten noch, um dem hetero Mann seine sexuellen Fantasien zu erfüllen.
Vielleicht ist diese allgegenwärtige Diskriminierung und der damit verbundene Mangel an Orten, wo man sich wohlfühlen kann, Schuld daran, dass bi*sexuelle Menschen diejenigen sind, die innerhalb der lesBiSchwulen Community am häufigsten von psychischen Erkrankungen betroffen sind. „Über bi* lebende Menschen gibt es viel weniger Forschung als über lesbische oder schwule Menschen. Wenn aber deutlich wird, dass eine Personengruppe auffällig schlechte Gesundheitsdaten hat, dann bedarf diese besonderer Aufmerksamkeit“, erklärt Renate Baumgartner im an.schläge-Interview. Renate Baumgartner ist Bi*-Aktivistin in Wien und forscht zur Gesundheit bi*sexueller Frauen. „Fast fünfzig Prozent der bi*sexuellen Frauen in den USA leiden an schweren psychischen Belastungen, diese äußern sich z. B. als Depressionen oder Angststörungen. Diese Häufigkeit ist gravierender als bei heterosexuellen Frauen und bei lesbischen Frauen. Auch von Gewalterfahrungen sind bi*sexuelle Frauen häufiger betroffen, vor allem, wenn es um Gewalt im Nahbereich durch Männer geht“, berichtet Baumgartner.

Nicht binär. Bi*sexuelle sind keine monolithische Gruppe, deren Angehörige auf gleichsam „Männer und Frauen“ stehen. Wer sich als bi* bezeichnet, ist sehr divers, auch wie „bi*“ verstanden wird, ist unterschiedlich. Eine geeignete Definition, um die Binaritäten des Begriffs zu vermeiden, gibt die Bi*-Aktivistin Robyn Ochs: „I call myself bisexual because I acknowledge that I have in myself the potential to be attracted – romantically and/or sexually – to people of more than one sex and/or gender, not necessarily at the same time, not necessarily in the same way, and not necessarily to the same degree.“ (1) Darin wird auch deutlich, dass die Intensitäten und die Häufigkeiten, sich in ein Geschlecht oder ein anderes zu verlieben, sehr unterschiedlich sein können.
Viele Menschen verwenden für sich lieber die Bezeichnung pansexuell (pan = alles, ganz) oder sprechen von sexueller Fluidität. Für manche ist „bi*sexuell“ aber ein politisch aufgeladener Begriff, ähnlich wie „lesbisch“, und daher weiterhin für aktivistische Forderungen zu beanspruchen. So auch für Renate Baumgartner: „Gerade weil Bi* so ein streitbarer Begriff ist und man viel darüber diskutieren kann, finde ich diese Form der Benennung immer noch aktuell und politisch.“ In ihrer Studie, wo das erste Mal in Österreich Frauen* zu Wort kommen, die Beziehungserfahrungen mit mehr als einem Gender haben, sei das Wort bi*sexuell so gut wie nie gefallen. „Es ist ein Wort, das nicht gern verwendet wird“, so Baumgartner. Vor allem den Anspruch, man müsse sich letztendlich für eine konkrete Seite (homo oder hetero) entscheiden, haben viele bi* Menschen internalisiert. Ambivalenz, Unentschiedenheit – die Stigmatisierung als unvollkommene_r Beziehungspartner_in wird von vielen für sich selbst übernommen, bi*sexuelle Menschen empfinden sich oft als beziehungsunfähig bzw. als schlechte_n Partner_in.

Offenheit. Bi* – verstanden im Sinne einer Pan*sexualität – hat grundsätzlich eine Fluidität in sich: „Ich glaube, dass die Bi* Community die größte Offenheit für Trans* und Inter* hat und inklusiv ist gegenüber non-binären Gendern. Wir verlieben uns nicht in das Geschlecht, sondern in die Person an sich“, erklärt Dita D. (2) gegenüber an.schläge. Dita ist Mitbegründerin der Wiener Bi*-Gruppe „No*Monos“, die sich seit zwei Jahren einmal im Monat zum Austauschen trifft.
Bi*sexuelle Menschen leben monogam, polyamor (d. h. etwa auch in Mehrfachbeziehungen) oder in offenen Beziehungen.
„In unsere Bi*-Gruppe kommen Menschen aller Gender, viele darunter sind wiederum für alle Gender offen. Wir leben unterschiedliche Beziehungskonzepte und kommen als verschiedene Körper – dicke, dünne, (nicht-) behinderte, inter* usw. Auch sind wir eine Anlaufstelle für Leute, die sich unsicher in ihrer sexuellen Orientierung sind; sie sind das Q, das ‚Questioning’ im LGBTIQ-Akronym“, erklärt Dita D. weiter.

Räume. Bis 2015 gab es in Wien keinerlei Vereinigung bi*sexueller Menschen. Zum Vergleich: In vielen Städten und Ländern, beispielsweise im anglo-amerikanischen Sprachraum, gibt es seit rund dreißig Jahren Gruppen und Kontaktstellen für Bi*s. In Wien gründeten sich 2015 gleich zwei Gruppen: Die „VisiBIlity Austria“ ist ein Verein, der sich besonders für Sichtbarkeit von bi*sexuellen Menschen sowohl in der Queer-Community als auch außerhalb einsetzt und zum Vernetzen einlädt, während die „No*Monos“ sich vor allem als off ene, aber nicht öffentliche Gruppe sehen, wo auch „nicht Geoutete“ hinkommen.
Renate Baumgartner ist in beiden Gruppen aktiv und bietet zudem Workshops zum Thema Bi* an. „Bi* Menschen brauchen dringend Räume, wo sie sich wohlfühlen und sie selbst sein können, möglichst ohne Diskriminierung“, sagt die Aktivistin.

 

(1) https://robynochs.com/bisexual

 

(2) Name von der Redaktion geändert

 

Zum Weiterlesen:

Renate Baumgartner:  ‘I think I’m not a relationship person’: Bisexual women’s accounts of (internalised) binegativity in nonmonogamous relationship narratives, in: Psychology of Sexualities Review, 8/2, 2017

Shiri Eisner: Bi. Notes for a Bisexual Revolution, Seal Press 2013

 

 

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zeitausgleich: Feminismus in der Schule https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-feminismus-in-der-schule/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-feminismus-in-der-schule/#respond Wed, 22 Nov 2017 17:39:45 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9164 Illustration: Sabrina WegererDas Thema „Gender und Diversity“ ist bei Teenagern sehr beliebt. Von HANNA GERBER]]> Illustration: Sabrina Wegerer

arbeitsfragen in allen lebenslagen

 

Feminismus ist bekanntlich leider kein Schulfach, dafür gibt es bei uns an der Schule zumindest ein sogenanntes „Gender und Diversity“-Modul, im Rahmen von Projektwochen. Es soll Schülerinnen* mit den letzten Gender-Diskursen vertraut machen: Butler für Fünfzehnjährige sozusagen, vermengt mit einem Schuss Kulturimperialismus. Also mal eben schnell die angloamerikanische Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht vermittelt, die Sexualitäten und sexuellen Orientierungen erläutert, den Unterschied zwischen intersexuellen, transgender und transsexuellen Personen, zwischen hetero, homo, bi, asexuell … Dazu gibt es das Bild einer Person zu sehen, die einen Bart trägt und schwanger ist, aber ihre Brüste wegoperieren hat lassen. Oder das Bild einer Soldatin irgendeiner Armee auf dieser Welt oder eines Vaters, der seine Tochter auf den Schultern trägt. Was ist das jeweilige biologische, das jeweilige soziale Geschlecht der dargestellten Personen, lautet die Frage. Es soll auch sichtbar werden, dass die Vorstellungen von akzeptiertem Genderverhalten historischen und kulturellen Veränderungen unterliegen. Es werden zudem kurze Einblicke in Frauenleben und Männerrechte vor der Zeit der Familienrechtsreform und der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs eröffnet. Und jedes Mal entspinnen sich interessante Diskussionen, die u. a. zeigen, wie weit die Gender-Debatten bereits im Mainstream angekommen sind – dieser ist an meiner Schule überwiegend migrantisch, zu siebzig Prozent weiblich und massiv in der pubertären Identitätsfindung steckend. In den Diskussionen zeigt sich aber auch, was Mädchen alles nicht über die Frauenbewegung(en) und ihre politischen Folgen wissen – und dass einige unter ihnen Abtreibung für Mord halten. Es dauert eine Weile, ihnen zu vermitteln, dass zwischen einer Wahlmöglichkeit, die das Gesetz bietet, und einem Zwang zum Schwangerschaftsabbruch ein entscheidender Unterschied besteht.
Für große Heiterkeit sorgen jedes Mal Übungen zur Körpersprache, in denen die Schülerinnen lernen, wie das jeweils andere Geschlecht zu gehen oder zu sitzen hat. Und oh – Überraschung –, es zeigt sich, dass es männliche und weibliche Machos ebenso wie Softies gibt, woraus frau schlussfolgern kann, dass das Geschlecht nicht die alles bestimmende Kategorie ist.
Eine weitere, wichtige Erkenntnis: Das Thema „Gender und Diversity“ ist bei Teenagern sehr beliebt und nur ein einziges Modul bei Weitem nicht ausreichend, um das vorhandene Interesse zu stillen.

 

Hanna Gerber ist Lehrerin an einer BMS in Wien.

 

*Die Verwendung des generischen Femininums meint alle Geschlechter.

 

Zeitausgleich
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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an.sprüche: Eine lange Reihe https://ansch.4lima.de/an-sprueche-eine-lange-reihe/ https://ansch.4lima.de/an-sprueche-eine-lange-reihe/#respond Wed, 22 Nov 2017 17:37:59 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9173 Illustration: Sabrina Wegerer#metoo macht sexuelle Gewalt zum Skandal. Von BEATRICE FRASL und CHARLOTT SCHÖNWETTER]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Der Hashtag #metoo macht sexuelle Gewalt zum Skandal. Hoffentlich nachdrücklich und nachhaltig. Von BEATRICE FRASL und CHARLOTT SCHÖNWETTER

 

Ich lese die Worte einmal in meinem Facebook-Feed. Ein zweites Mal. Ein drittes Mal. Unzählige Male.
Ich bin betroffen. Ich werde betroffen gemacht.
Die dröhnende Leere im Brustkorb, die mich begleitet, seit ich 17 war. Die sich von dort aus im Rest meines Körpers, der nie meiner war, ausbreitet.
Ich tippe in die Tastatur #metoo.
Die großen Erlebnisse – die, die im Brustkorb und im Jetzt nachdröhnen – mit zehn, mit zwölf, mit 17. Die kleineren, die das Dröhnen verstetigen: fast täglich. Früh lernt man das Folgende: Frausein bedeutet immer auch: Angst haben, bereit sein, verletzbar sein, aufmerksam, um die Aufmerksamkeit der anderen nicht zu erregen, Schlüsselenden zwischen den Fingern der rechten, Taschenalarm in den Fingern der linken Hand. Wegen der Finger der anderen. Wir haben aufmerksam gelernt.
Dann die Worte, die das eigene Dröhnen in eine Reihe mit dem Dröhnen anderer stellten: #metoo.
Es ist eine lange Reihe: damals mit neun der Onkel, mit zehn der Sportlehrer, mit elf der Vater des Klassenkollegen, mit zwölf Brüste bekommen und plötzlich nicht mehr Mensch sondern Verwertbarkeit, der Vater, der sie kommentiert, später der Chef, der nach diesen Brüsten greift. Sie sind nie die eigenen, sie sind immer zuerst die der anderen. Der erste, zweite, dritte, vierte, fünfte, sechste Passant, Bauarbeiter, Mann, in der Schlange im Supermarkt vor mir, hinter mir, in der U-Bahn vor mir, neben mir, hinter mir, der nachpfeift, nachschreit, Kussgeräusche macht, den Hosenschlitz öffnet und in diesen Hosenschlitz greift. Dann nicht mehr der Vater des Klassenkollegen, jetzt der Klassenkollege selbst. Auch er hat aufmerksam gelernt. Dann mit 17 der gute Freund, der das Nein nicht hört, dessen Körper sich in den eigenen stößt und ihn nie wieder verlässt. Der Körper, der an einem hängt, an den hängen sich jetzt andere. Nicht mehr Mensch sein, auch immer: Figur. Immer ins Außen gezerrt, immer Flucht ins Innen.

#metoo
Jetzt nicht mehr Reihe. Jetzt Phalanx.
Jetzt Zähne und Krallen.
Eine, zwei, viele.
Viele.

 

Beatrice Frasl ist Gründerin und Co-Host des feministischen Podcast „She Who Persisted“ und findet, dass #metoo einen wichtigen Moment der Kristallisation, kollektiven Entschämung und bestärkenden Solidarisierung darstellt.

Mit den Enthüllungen um Harvey Weinstein geriet (diesmal) der Stein ins Rollen und ganz schnell ging es nicht mehr ausschließlich um die mit ihm verknüpften Fälle. Sexualisierte Gewalt, so zeigte sich wieder einmal, ist ein verbreitetes Problem. Mit dem Hashtag #metoo signalisierten (vor allem) Frauen, dass sie ebenfalls sexualisierte Gewalt erfahren haben, und beschrieben teilweise auch konkrete Erlebnisse. Den Hashtag erfand vor bereits zehn Jahren Tarana Burke. Ihr ging es dabei um Empathie und darum, dass sich Betroffene nicht allein(gelassen) fühlen müssen. Die Hashtag-Aktion kann bestärken, aufrütteln, befreien, Gespräche in Gang setzen und das Gefühl geben, dass die eigenen Erfahrungen endlich wahr- und ernst genommen werden.
Trotzdem beurteile ich diese Art Hashtags nicht ungetrübt positiv, sondern habe auch eine Reihe von Fragen, die jedoch keinesfalls als Kritik an jenen zu verstehen sind, die unter #metoo posten.
Warum braucht es überhaupt immer wieder Kampagnen, die aufzeigen, wie verbreitet diese Art von Gewalt ist – gibt es dazu doch längst hinlänglich Belege jeglicher Form? An wen richtet sich diese „Beweisführung“? Wer kann leichter unter so einem Hashtag schreiben und welche Geschichten bleiben marginalisiert? Welche Perspektiven hören wir in der medialen Aufbereitung der Aktion? Kann es zu einem Positionierungsdruck für Betroffene kommen? Und vor allem: Was kommt nach der kurzen Aufmerksamkeitswelle?
#metoo ist nicht der erste Hashtag dieser Art – und wird sicher nicht der letzte bleiben. Wir hatten einen #aufschrei, außerdem gibt es #IBelieveHer und #YesAllWomen sowie #WhyWomenDontReport und #ichhabnichtangezeigt. Und das sind nur jene aus den letzten paar Jahren. Es wäre natürlich falsch zu sagen, dass diese Hashtags und was teilweise aus ihnen erwachsen ist, nichts bewirkt haben und bewirken werden. Dennoch frage ich mich, wie viele Hashtag-Runden wir wohl noch drehen müssen, bevor die mediale Reaktion auf die Allgegenwart sexualisierter Gewalt nicht mehr Überraschung und Unglauben ist. Bevor es endlich so weit ist, dass Betroffenen grundsätzlich Glauben geschenkt wird und Menschen in ihrem konkreten Umfeld Betroffene unterstützen und sich mit ihnen gegen die Täter_innen solidarisieren.

 

Charlott Schönwetter schreibt ihre Doktorarbeit über Literatur, Gewalt und Zeug_innenschaft. Sie bloggt bei der Mädchenmannschaft u. a. zu Asylrecht, reproduktiven Rechten, Köpernormen und sexualisierter Gewalt.

 

 

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Herrin im Haus https://ansch.4lima.de/herrin-im-haus/ https://ansch.4lima.de/herrin-im-haus/#respond Wed, 22 Nov 2017 17:26:26 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9156 © Petra FröschlMit sprachlichem „Framing“ wird Politik gemacht. Von BARBARA STEFAN]]> © Petra Fröschl

Elisabeth Wehling landete mit ihrem Sachbuch „Politisches Framing“ einen Beststeller. Wer die eigenen Botschaften durchbringen will, muss sie sprachlich geschickt verpacken, steht darin. Doch das auch unter Linken populäre Konzept des „Framings“ ignoriert Fragen nach Macht und Geschlecht. Von BARBARA STEFAN

 

Angesichts der aktuellen autoritären Wende und des politischen Rechtsrucks quer durch Europa stellt sich die Frage, wie progressive politische Inhalte kommuniziert werden sollen, dringender denn je. Nach dem Wahlsieg von Donald Trump, der Kommentator_innen allerorts ratlos zurückließ, gelang der in den USA forschenden Neurolinguistin Elisabeth Wehling mit ihrem Erklärungsansatz des politischen Framings ein durchschlagender Erfolg.
In ihrem Buch „Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet“ definiert sie Frames als gedankliche Deutungsrahmen, die Ereignisse und Phänomene bewerten und interpretieren und damit unser Denken und Handeln anleiten – ohne dass wir es merken. Nicht Fakten, sondern Frames bestimmen unser politisches Entscheidungsverhalten, so die fast mantraartige Wiederholung im Buch. Fakten ohne Frames blieben bedeutungslos, eine Kommunikation außerhalb von Frames sei nicht möglich.

Gefühle statt Fakten. Am Beispiel gängiger Begrifflichkeiten wie etwa „Steuern“, „Schwangerschaftsabbruch“ oder „Islamophobie“ erklärt Wehling, wie konservative Kräfte Frames erfolgreich nutzen, um Phänomene durch das Heraufbeschwören von Metaphern bedrohlich erscheinen zu lassen. Widerstand sei zwecklos, da alleine die Verwendung der Begriffe immer wieder die gleichen Frames aktivieren würde und damit die konservative Argumentation unterstütze. So spricht man beispielsweise von „Steuerlast“ oder vom Gegenstück der „Steuererleichterung“, davon wen Steuern „treffen“ würden, von „Steuerschlupfloch“, „Steuerflüchtlingen“ und „Steuerparadiesen“. Jeder dieser Begriff bezieht sich wiederum auf einen Frame, der sich aus unserer Alltags- und Erfahrungswelt speist und damit auch Gefühle hervorruft. All diese Frames – selbst wenn sie scheinbar positiv sind, wie die Steuererleichterung – lassen Steuern dennoch implizit als Bedrohung erscheinen, die uns einengt und vor der Menschen zu flüchten versuchen. Dass Steuern ein Beitrag zu einem solidarischen System sind, das Individuen je nach ihren Möglichkeiten unterstützt, blenden diese Frames geschickt aus, so Wehling.
Als Beleg ihrer Argumente greift die Autorin auf Experimente zurück. Beispielsweise ließen Forscher_innen eine Gruppe einen Text lesen, der das Wort „Schildkröte“ beinhaltete, eine andere bekam einen Text mit dem Wort „Gepard“. Die Gruppe, die den Text mit dem Wort „Schildkröte“ gelesen hatte, stufte danach die Gehgeschwindigkeit eines Mannes auf einem Video als langsam ein, während die „Gepard“-Gruppe ihn als schnell einordnete. Ein anderes Experiment legt nahe, dass Menschen, die einen Text lasen, der viele Vokabel enthielt, die mit hohem Alter assoziiert werden, danach langsamer gingen als Menschen, die einen neutralen Text lasen. Diese Experimente würden beweisen, dass sprachliche Frames nicht nur die Sprachverarbeitung oder die Wahrnehmung bestimmen, sondern auch unser Handeln.
Besonders relevant seien solche Phänomene für die Politik: Denn Menschen würden ihre politischen Entscheidungen nicht aufgrund von Fakten, sondern anhand geschickt instrumentalisierter Frames treffen, wie eben dem im politischen Diskurs beständig als bedrohlich „geframten“ Islam. So führt die mediale Verhandlung von Migration als einem Sicherheitsthema zu anderen Reaktionen, als sie die Thematisierung von Migration als Menschenrecht hervorrufen würde.
Für progressive Kräfte wäre es deswegen einerseits wichtig zu lernen, solche Frames zu identifizieren, um ihnen etwas entgegensetzen zu können. Andererseits gelte es, die eigenen Werte ebenfalls in Frames einzubetten. Denn bislang sind es vor allem Rechtskonservative, die auch Thinktanks zur Entwicklung solcher Frames anheuern, damit diese sie erfolgreich anwenden.

Erlerntes Urteil. Bereits der Soziologe Erving Goffman versuchte 1974 mit seiner Rahmenanalyse zu erklären, wie sich Menschen Alltagserfahrungen begreifbar machen und mit Sinn ausstatten. Bereits Goffman definierte Frames als eine Art Deutungsrahmen, innerhalb dessen eine bestimmte Erfahrung eingeordnet werden kann. Goffmans Theorie bietet einen Erklärungsansatz für die schwere Veränderbarkeit sozialer Wirklichkeit an, indem soziale AkteurInnen erlebte Ereignisse immer in den Rahmen eines bereits bestehenden Deutungssystems einordnen und so eine gesellschaftlich geteilte Vorstellung von Normalität erzeugen.
Indem Wehling sich jedoch ausschließlich auf die Tradition der Kognitionswissenschaften bezieht, blendet sie die im Feld der Sozialwissenschaft bereits bestehende Kritik an dem Konzept aus. So ist eine wesentliche Leerstelle des Konzepts etwa die fehlende Infragestellung situationsübergeordneter Machtverhältnisse. Generell scheinen Framing-Analysen den Begriff Macht weitgehend auszublenden. So wird weder die Frage gestellt, wie historisch spezifische soziopolitische Verhältnisse beschaffen sind, in denen Menschen politisch agieren, noch wird die gesellschaftliche Machtposition derjenigen thematisiert, die Frames anwenden. Wie die Kommunizierenden überhaupt in eine Position kommen, Frames vermitteln zu dürfen, interessiert Wehling schlichtweg nicht. Im Text wird vielmehr suggeriert, dass bereits die erfolgreiche Vermittlung von Frames eine Machtposition garantieren könne. Dabei wird jedoch ausgeblendet, dass Faktoren wie Geschlecht, race und Klasse die individuelle Position entscheidend stärken oder schwächen.

 

Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl (www.photonality.at) entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl
Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl

 

Patriarchales Erbe. Wehling stellt fest, dass konservative Kräfte erfolgreicher in der Entwicklung von Frames und damit vermittelten Werten sind, aber sie beschränkt sich in ihrer Erklärung auf die sprachliche Analyse der verwendeten Metaphern und ignoriert bestehende gesellschaftspolitische Machtverhältnisse.
Auch feministische Sprachwissenschaft findet bei Wehling keine Beachtung. Wie soll frau sprechen, wenn sie keinen Zugang zur Sprache hat, außer durch Rekurs auf männliche Repräsentationssysteme, fragte die französische Philosophin Luce Irigaray schon in den 1970ern und verwies auf patriarchal geprägte Denksysteme, die sich in der Sprache manifestiert haben. Wehling lobt indes in einem Interview den FPÖ-Slogan „Herr im eigenen Haus bleiben“ als „fantastisch gelungen“, da er einen klaren konservativen Bezugsrahmen biete und Werte transportiere. Progressive würden hingegen viel zu abstrakt sprechen, wenn sie Gerechtigkeit oder Soziales ins Spiel bringen, kritisiert die Wissenschaftlerin. So als könnten sie eine über Jahrhunderte patriarchal geprägte Sprache, die unter anderem von militärischen Metaphern durchzogen ist, einfach für die feministische Sache umschreiben. Doch der „Herrin im eigenen Haus“ fehlt nicht nur das sprachliche Äquivalent, sondern auch der historische Bezugsrahmen.

Schwarz-Weiß-Denken. Natürlich kann die Empfehlung, komplexe Inhalte an eine Sprache anzupassen, die mithilfe von Frames die eigenen Wertvorstellungen aktiviert, unter bestimmten Bedingungen tatsächlich sinnvoll sein. Doch oft wird dabei die Tatsache ignoriert, dass ein Weltbild, das in binären Oppositionspaaren geordnet ist (gut-schlecht, männlich-weiblich, objektiv-subjektiv, oben-unten, religiös-säkular, gesund-krank, Krieg-Frieden, wir-andere usw.), wohl leichter zu kommunizieren ist als Weltbilder, die aus diversen und widersprüchlichen Ebenen bestehen. Die Logik der Antagonismen entspricht schließlich nicht nur einer rechtskonservativen Denkweise, sondern stimmt eben auch stark mit „okzidentalen“ Denktraditionen überein, die weiterhin über Medien und Bildungseinrichtungen vermittelt werden. Schlussendlich beruht das Framing der Rechten, das Wehling als vorbildhaft präsentiert, vielfach auf simpler Verdrehung: Eine Maßnahme, die Gewerkschaften zurückdrängen soll, wird bei den Republikanern dann zum „Right to work“.

Gender Gap. Hinzu kommt, dass dieses Weltbild vorwiegend von Männern verbreitet wird. Vor allem rechtspopulistische Parteien, die sich diese Sprache besonders erfolgreich aneignen und sie anwenden, bestehen nicht nur mehrheitlich aus Männern, sondern werden auch vorwiegend von ihnen gewählt. Dieser empirisch nachweisbare Gender Gap bei der politischen Orientierung gibt Aufschluss darüber, dass es eben nicht nur rechte Kräfte, sondern auch überwiegend Männer sind, die mit Frames erfolgreicher sind – und dass es auch Männer sind, die sich eher von rechten Frames überzeugen lassen. Auch auf dieser Ebene bleibt die Kategorie Geschlecht bei Wehling – sowie bei Frame-Analysen generell – kaum untersucht, ebenso wenig die Frage von möglichen kulturellen Unterschieden in der Kommunikation.

 

Mitarbeit: Brigitte Theißl

 

 

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Gegen die da unten https://ansch.4lima.de/gegen-die-da-unten/ https://ansch.4lima.de/gegen-die-da-unten/#respond Wed, 22 Nov 2017 17:10:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9154 © Petra FröschlSprache und Klassismus. Von BRIGITTE THEIßL]]> © Petra Fröschl

Sprache ist von Klassismus durchzogen – dem muss auch die Linke endlich etwas entgegensetzen. Von BRIGITTE THEIßL

 

Lassen sich Klassen auch entlang sprachlicher Trennungslinien festmachen? Sprachgebrauch und klassistische Unterdrückung sind untrennbar miteinander verbunden, ist zumindest Anja Meulenbelt überzeugt. Im 1988 auf Deutsch erschienenen „Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus“, einer fast schon vergessenen Pionierarbeit, beschreibt die niederländische Autorin anhand ihrer Erfahrung als Lehrende in der Ausbildung von Sozialarbeiter_innen das Zusammenspiel unterschiedlicher Unterdrückungsformen so klar und eindrücklich, dass das Buch zur linken Pflichtlektüre erklärt werden sollte. Der Beruf der_des Sozialarbeiter_in sei – historisch gewachsen – für unterschiedliche Klassen in den Niederlanden akzeptabel, so Meulenbelt, dementsprechend vielfältig setzten sich die Student_innen bezüglich ihrer sozialen Herkunft zusammen.
„Wie sehr Unterdrückung und Sprachgebrauch miteinander verwoben sind, zeigt sich schon, wenn man versucht, auf eine nicht ‚klassistische‘ Art zu schreiben“, stellt Meulenbelt ihrer Analyse voran. Klassenverhältnisse spiegeln sich in der Sprache wider, es sei kaum möglich, die wertende Trennung in „oben“ und „unten“ zu vermeiden: „Ich kann untere Klasse durch Arbeiterklasse ersetzen und obere Klasse durch ‚besitzende Klasse‘, aber dann reden wir immer noch von höheren und niederen Ausbildungen, von ‚aufsteigen‘ und ‚hinunterfallen‘, von Top-Managern, Untergebenen (…), zu jemandem aufschauen oder auf jemanden herabschauen.“

Beschämtes Schweigen. Dieser Befund hat dreißig Jahre später nichts an Aktualität eingebüßt, auch wenn heute Unterschicht oder bildungsfern gerne in Anführungszeichen gesetzt werden und Didier Eribon mit seiner Klassismuskritik zum Shootingstar der linken Szene wurde. Noch immer ist die Debatte um Klasse und Klassismus von Sprachlosigkeit geprägt, selbst in linken und feministischen Kreisen fehlen Bemühungen, eine Sprache zu finden, die sich widerständig den diskriminierenden Zuschreibungen widersetzt. Warum das so ist, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen: Zum einen ist die Linke heute selbst zutiefst bürgerlich geprägt, andererseits verhindern Scham und Angst vor Stigmatisierung eine Selbstorganisierung von Menschen, die von Klassismus betroffen sind oder waren. „Klasse wird verschwiegen. Ich verschweige sie. Ich trage sie in mir, sie ist das gewichtigste und persönlichste Distinktionsmerkmal, sie prägt all meine Handlungen, ist für mich ebenso Antrieb wie Hindernis. Und doch verheimliche ich sie. Aus Scham, aus Angst, bemitleidet oder darauf reduziert zu werden“, beschreibt Rosa Weißmann in an.schläge 10/2014 das Gefühl, das so viele kennen, die eine Klassenreise hinter sich haben. (1) „Ich habe unbewusste Anpassungsversuche hinter mir, die mal besser, mal schlechter gelangen – die jedenfalls verbunden waren mit viel Anstrengung und Angstschweiß“, formuliert es die Soziologin Julia Roßhart. (2)

 

Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl (www.photonality.at) entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl
Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl

 

Mittelschichtsbildung. Der Anpassungsdruck ist für Kinder aus der Arbeiter_innenklasse bereits in der Grundschule enorm, Meulenbelt sieht die Schule gar als Ort der Mittelschichtskultur, wo Arbeiter_innenkinder umso weniger stigmatisiert werden, je besser sie sich der Mittelschichtsumgebung angleichen. „Kommt ein Kind mit einer vom Standardniederländischen abweichenden Sprache in die Schule, dann wird ihm nicht nur ein neuer Sprachgebrauch beigebracht, die alte Sprache wird ihm auch weggenommen, Wörter und Ausdrücke sind plötzlich nicht mehr akzeptabel“, schreibt die Autorin. An den Universitäten, dem Ort der Herausbildung des bürgerlichen Habitus schlechthin, verstärkt sich dieser Anpassungsdruck weiter. Während junge Menschen aus Akademiker_innenhaushalten wie ein Fisch durch das Wasser der Proseminare und lateinischen Fachausdrücke gleiten, stehen Arbeiter_innenkinder häufig ehrfürchtig und schweigend vor der Hörsaaltür.
Obwohl Statistiken seit vielen Jahren belegen, dass sowohl in Österreich als auch in Deutschland Bildung nach wie vor vererbt wird, fehlen Anlaufstellen für Arbeiter_innenkinder an den meisten Universitäten im deutschsprachigen Raum. In Wien hat sich zumindest innerhalb der Strukturen der Hochschüler_innenschaft ein Referat gebildet, das für „First Generation Students“ lobbyiert. Aber auch in der Forschung finde Klassismus nach wie vor kaum Beachtung, schreiben Andreas Kemper und Heike Weinbach in ihrem Einführungsband, die Wissenschaftskultur selbst sei von Klassismen durchzogen, es werde eine Sprache reproduziert, die in den Köpfen Bilder von Abwertungen oder Aufwertungen von Menschen immer wieder neu herstelle.

Unterschichts-Reportagen. In geballter Form durchzieht diese Sprache nicht zuletzt die mediale Berichterstattung. Während man in Boulevardmedien fast täglich abwertende, aggressive Bezeichnungen für Armutsbetroffene, Wohnungslose, Arbeitsuchende, Suchtkranke oder Bezieher_innen von Sozialleistungen findet („Mindestsicherung: 53.000 Kinder Sozialschmarotzer?“, österreich.at), wird in Qualitätsmedien gerne investigativ in die Milieus der Unterschicht eingetaucht. Bürgerliche Journalist_innen holen sich Applaus dafür ab, ihre Kinder in einen öffentlichen statt in einen Privatkindergarten zu schicken, auf Wahlveranstaltungen rechter Parteien werden schlechtsitzende Leggins und Schlagermusik seziert. Oder aber man wagt den Ausflug in eine „andere Welt“ für eine ironische Aneignung – so immer wieder im „Vice“-Magazin zu sehen. „Though the clientele might smirk if you order a Chablis, no one’s going to cut your face for laughing too loudly“, schreibt da etwa ein Autor über britische Working-Class-Pubs. …. Wenig verwunderlich, erweist sich die Hipster-Kultur doch als Hort der Aneignung von „white poverty culture“ bei gleichzeitiger bürgerlicher Distinktionspanik: Während Armutsbetroffene Stigmatisierung für abgetragene Secondhandklamotten, ausrangierte Turnschuhe und ungepflegte Frisuren erfahren, fetten Wohlstands-Kids damit ihr Coolness-Konto auf. Eine Praxis, die auch linken Szenen nicht fremd ist: Hannah Arendt und Gramsci-Reader werden in das zusammengezimmerte Bücherregal von der Müllkippe einsortiert, abends trifft man sich gerne in verrauchten Kneipen, wo der alkoholisierte Pöbel für das nötige Maß an Authentizität sorgt. Als Abgrenzungsmechanismus bleibt da immer noch die akademische Sprache. Wer nicht am richtigen Ort die richtigen Begriffe zu nennen weiß, strengt sich bloß nicht genug an – wie auch auf feministischen Blogs immer wieder zu lesen ist – oder ist schlicht intellektuellenfeindlich. Statt sich mit den eigenen Klassenprivilegien auseinanderzusetzen, folgt lieber der Verweis auf das wahre Ziel der Linken: Wer den Kapitalismus abschaffen muss, dem_der bleibt keine Zeit für persönliche (klassistische) Befindlichkeiten.

 

(1) Lesenswerte Texte dazu findet man auch auf clararosa.blogsport.de

 

(2) Julia Roßhart: Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. w_orten & meer 2016

 

 

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Die Sprache ist (k)ein_e tote Hünd*in https://ansch.4lima.de/die-sprache-ist-kein_e-tote-huendin/ https://ansch.4lima.de/die-sprache-ist-kein_e-tote-huendin/#comments Wed, 22 Nov 2017 16:54:27 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9152 © Petra FröschlÜber eigene Irrtümer, queere Sprachpolitiken und Kuchenstücke. Von KATHARINA RÖGGLA]]> © Petra Fröschl

Ein Küchengespräch über eigene Irrtümer, queere Sprachpolitiken und Kuchenstücke. Von KATHARINA RÖGGLA

 

Vor langer Zeit hing in unserer Küche ein Plakat, auf dem stand: „Und ist erst die Welt der Vorstellungen revolutioniert, so hält auch die Wirklichkeit nicht stand.“ Das zugehörige Bild hatten wir weggeschnitten, aber den Spruch fanden wir toll. Irgendwann ist dann auch der Spruch von der Wand verschwunden. Jetzt, Jahre später, sitze ich in der Küche einer Freundin. Und auch ihr ist nicht nur das Plakat, sondern jeder Glaube daran abhanden gekommen, dass wir die Wirklichkeit nur dadurch verändern, indem wir an unseren Vorstellungen drehen.
Die Wirklichkeit hat sich nämlich nicht revolutioniert, sie hat uns eingeholt. Wenn sich gesellschaftliche Realitäten nicht ändern, sondern nur mit neuen Wörtern bezeichnet werden, dann nehmen irgendwann auch die neu eroberten, die emanzipatorisch gedachten Begriffe den abfälligen Beigeschmack des gesellschaftlichen Ressentiments an.
In der Küche fragen wir uns, warum wir damals so sehr an die Sprachrevolution geglaubt haben. Na, weil es einen Möglichkeitsraum aufgemacht hat, sagt die Freundin. Weil es uns Handlungsmacht gegeben hat. Und weil es für uns selbst zu dieser Zeit auch so wichtig war, gesellschaftliche Normen zu durchbrechen und eigene Maßstäbe zu entwickeln. Eine eigene Sprache für ein eigenes Leben also? Ja, sagt die Freundin, bloß primär auf der Ebene der Selbsterfahrung. Nicht schlecht, aber eben auch nicht weltverändernd.
Mit der Kritik an patriarchalen Sprachzuständen wurden in der Frauenbewegung der 1970er auch durchaus fröhliche Wortneuschöpfungen gebildet – darunter der Gästinnengarten oder die Wasserhenne. Mit dem linguistic turn hat sich der Queer-Feminismus dann immer ernsthafter der Sprachpolitik verschrieben. Derzeit werden gesellschaftspolitische Analysen immer öfter von identitätspolitischen Bekenntnissen abgelöst. Dabei steht nicht mehr die Veränderung der Zustände im Vordergrund, sondern die Aufzählung diverser Identitätskonstruktionen, für die gleiche Rechte gefordert werden. Früher wollten wir nicht ein Stück vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei, heute reicht es, wenn alle genannt werden, die in die Küche dürfen. Wie viele Vegane braucht es, um eine Glühbirne zu wechseln? Drei, eine schraubt und zwei lesen die Inhaltsstoffe. Wie viele Queere schaffen es auf die Party? Keine, alle stehen draußen und studieren die Einladungspolitik.
In unserer Küche sitzen wir dank exklusiver Einladungspolitik nach wie vor zu zweit und denken darüber nach, wann wir aufgehört haben, an die Revolution der Vorstellungen zu glauben. Weil wir nicht mehr studieren, stellen wir fest, weil wir älter geworden sind. Klingt das nicht arrogant, frage ich. Naja, sagt die Freundin, es stimmt aber, dass wir mehr mit anderen Lebensrealitäten konfrontiert sind als früher. Dass wir dadurch materialistischer geworden sind. Weil wir gesehen haben, dass es verdammt viele Dinge gibt, die lebenswichtiger sind, als ob irgendwo ein Sternchen oder ein Unterstrich steht. Der Fokus hat sich verschoben. Und gleichzeitig ist ja auch nicht so, als ob uns inzwischen völlig egal wäre, was für Begriffe verwendet werden.
Um klarzustellen, dass Transfrauen auch Frauen sind, wurde in den letzten Jahren propagiert, Frau* durchgängig mit Sternchen zu schreiben. Aktuelle Texte maßregeln nun genau diese Schreibweise als transphob. Egal für welche Variante ich mich entscheide, ist klar, dass es keine endgültige Lösung gibt. Ja, es ist wichtig darüber nachzudenken, welche Begriffe wir verwenden wollen. Aber auch weil wir dieses Nachdenken wohl niemals abgeschlossen haben werden, wäre es schlau, ein wenig mehr Toleranz für jene aufzubringen, deren Antworten nicht exakt so ausfallen wie die eigenen.
In der Küche nähert sich das Gespräch der Schlusspointe. Was war da eigentlich für ein Bild auf dem Plakat? Und dann sitzen wir fassungslos da: auf dem Plakat liegt ein toter Hund, daneben ein weinendes Kind. Und im Gegensatz zur Sprache ist dieser Hund mausetot, da kann das Kind glauben, woran es will. Das Plakat war von Anfang an zynisch gemeint. Und wir, in unserer festen politischen Überzeugung, haben einfach ausgeschnitten, was uns nicht gepasst hat. Und, wirst du jetzt trotzdem über das Plakat schreiben, fragt die Freundin. Ich weiß nicht, soll ich?, frage ich. Ja, unbedingt, sagt sie, da sieht man doch, wie stark diese Ideologien sind, dass da alles weggeblendet wird, was nicht reinpasst. Aber schreib wertschätzend darüber. Weil schön war es schon, als wir noch dachten, dass alles besser werden kann.

 

Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl (www.photonality.at) entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl
Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl

Katharina Röggla lebt in Wien, sehnt sich nach einer antiautoritären, antirassistischen und feministischen Bewegung.

 

 

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„Unsere Grammatik bevorzugt Männer“ https://ansch.4lima.de/unsere-grammatik-bevorzugt-maenner/ https://ansch.4lima.de/unsere-grammatik-bevorzugt-maenner/#comments Wed, 22 Nov 2017 16:47:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9150 © Petra FröschlInterview: LUISE F. PUSCH über Sexismus in der Sprache. Von LEONIE KAPFER und LEA SUSEMICHEL]]> © Petra Fröschl

LUISE F. PUSCH hat die feministische Linguistik mitbegründet und entscheidend geprägt – mit viel Humor. Sie plädiert weiterhin für das umfassende Femininum, bei dem „alle herzlich mitgemeint sind“. Ein Interview von LEONIE KAPFER und LEA SUSEMICHEL

 

an.schläge: Sie gelten gemeinsam mit Senta Trömel-Plötz als Begründerin der feministischen Linguistik in Deutschland. Trömel-Plötz schreibt rückblickend, dass sie Ihnen für Ihre Solidarität als Freundin und Feministin ewig dankbar sein wird – denn Sie sind ihr zur Seite gesprungen, als sie Ende der 1970er aufgrund ihrer feministischen Sprachkritik massive Anfeindungen seitens der Kollegen erlebte. Ihre beiden universitären Karrieren wurden damit quasi beendet. Heute ist Ihr Buch „Deutsch als Männersprache“ das bestverkaufte sprachwissenschaftliche Werk der Nachkriegszeit. Haben Sie sprachpolitisch also letztlich gewonnen?

Luise F. Pusch: Gewonnen haben wir wohl noch nicht, aber schon einige Etappenziele erreicht. Für mich ist eine gerechte Sprache das Ziel und der Weg dorthin ein langwieriger Prozess mit Hindernissen. Das alles braucht viel Zeit und die entsprechende Zähigkeit, und die Gegenseite ist auch nicht faul oder auf den Kopf gefallen.

Inwiefern ist Deutsch eine besonders sexistische Sprache? Welche Sprache wäre denn ein Positivbeispiel und was ist dabei entscheidend?

Alle Sprachen im Patriarchat sind sexistisch, insofern sie die gesellschaftliche Unterordnung der Frau sprachlich abbilden und dadurch immer wieder bekräftigen. Besonders sexistisch sind die europäischen Genus-Sprachen, die allesamt das maskuline Genus, mit dem Männer bezeichnet werden, über das feminine Genus stellen. Jede Äußerung über Personen, die wir in diesen Sprachen machen, stützt das Patriarchat, und den meisten ist das nicht einmal bewusst.
Englisch und Deutsch sind beide sexistisch, aber das Englische ist leichter zu reparieren bzw. zu therapieren, wie ich es gern nenne. Englische Personenbezeichnungen sind grammatisch neutral, deshalb können wir damit gut auf Personen referieren, ohne uns auf ein Geschlecht festlegen zu müssen: „And the winner is …“. Vom Deutschen wird zwar behauptet – besonders gern von Sprachwissenschaftlern –, das Maskulinum sei geschlechtsneutral. Trotzdem können wir nicht sagen: „Und der Gewinner ist …“, ohne Assoziationen an einen Mann zu wecken. Täglich hören wir Sätze wie „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ – und stellen uns dann automatisch Männer vor. Die vielen Ärztinnen und die siebzig Prozent Apothekerinnen werden automatisch ausgeblendet. Nicht aus bösem Willen, sondern weil unsere Grammatik Männer bevorzugt.

Inzwischen wird in der queer-feministischen Bewegung nicht mehr nur eine geschlechtergerechte Sprache gefordert, sondern generell eine „gerechte Sprache“, die auch andere Diskriminierungsformen berücksichtigt. Sie argumentieren jedoch, dass die sprachliche Diskriminierung der Frau die einzige sprachliche Diskriminierung sei, die sich „tief in der Grammatik eingenistet hat“. Inwiefern? Und was bedeutet das konkret für solche Forderungen?

Wie ich eben ausgeführt habe, werden im Deutschen und in anderen Genus-Sprachen die Frauen mit einem Femininum und die Männer mit einem Maskulinum bezeichnet. Dabei hat das Maskulinum in jeder Hinsicht Vorrang. Die Sprachwissenschaft sagt, das Maskulinum sei „unmarkiert“ und könne deshalb das Femininum „mitmeinen“. Dass das aber nachgewiesenermaßen eine permanente Ausblendung – um nicht zu sagen Auslöschung – weiblicher Personen bedeutet, kümmert die Sprachwissenschaftler nicht weiter.
Für die Mitglieder der LGBTTQI-Community ist in der Grammatik keine formale Diskriminierung vorgesehen. Es gibt weder ein eigenes Genus für sie, das im maskulinen Genus „mitgemeint“ wäre, noch eine eigene Endung.
Die Bemühungen um eine gerechte Sprache unterstützen wir als Feministinnen natürlich, denn als Frauen haben wir damit die längste und gründlichste Erfahrung. Unsere Erfahrung ist allerdings eine völlig andere als die der Queer Community, die versucht, die Geschlechtertrennung zu transzendieren. Viele Angehörige der Queer Community finden keinen Platz in dem binären Korsett der Genusssprachen, das nur zwei Geschlechter vorsieht.
Vor dem Hintergrund unseres deutschen Sprachsystems braucht diese spezielle Diskriminierung der Queer Community eine eigene, spezielle Lösung. Wir haben im Deutschen das Neutrum, das sich für diesen Zweck aktivieren ließe – aber die meisten Angehörigen der Queer Community werden diesen Vorschlag als diskriminierend von sich weisen. Folglich wäre innerhalb des deutschen grammatischen Systems ein eigenes, neues Pronomen und ein neues Genus eigentlich die naheliegendste Lösung. Linguistisch ist das nicht unkompliziert, aber richtig schwierig wird die Durchsetzung in der nichtqueeren Sprachgemeinschaft. Als feministische Sprachpolitikerin kann ich von den Widerständen der Gegenseite und ihrer AnhängerInnen ein langes Lied singen.
Wenn Frauen, Männer und Angehörige der Transgender Community gemeinsam eine gerechte Sprache aushandeln sollten, würde das vermutlich ähnlich zugehen wie jetzt bei den Sondierungen und Koalitionsverhandlungen zur Jamaica-Koalition. Eigentlich unvereinbare Interessen sollen zu Kompromissen zurechtgefummelt werden.

Sie plädieren auch weiterhin für das Binnen-I. Was spricht Ihrer Meinung nach gegen Schreibweisen wie den Unterstrich oder das Sternchen?

Ich bin bekanntlich „eigentlich“ für das umfassende Femininum, bei dem alle Männer und die gesamte Queer Community jeweils herzlich mitgemeint sind. Da aber so viele Frauen den Männern das umfassende Femininum nicht zumuten wollen (obwohl diese ihnen ungeniert das umfassende Maskulinum seit Jahrtausenden und bis heute tagtäglich zumuten), gibt es Durchsetzungsprobleme in der Praxis. Deshalb plädiere ich für die nächstbeste Lösung, das Binnen-I. Es sieht fast so aus wie das umfassende Femininum und hat sich in den letzten dreißig Jahren auf breiter Front durchgesetzt.
Der Unterstrich (Gender Gap) und das Sternchen (Gender Stern) dagegen erinnern mich fatal an veraltete und überwundene sexistische Schreibweisen wie Lehrer(innen), Lehrer/innen, Lehrer-innen, in denen das Maskulinum wie gewohnt als „erste Wahl“ erscheint und das Femininum als zweite Wahl. Der Trick beim Binnen-I ist gerade die optische Nähe zur eigentlich favorisierten Lösung, dem umfassenden Femininum. Diese optische und somit assoziative Nähe wird durch Unterstrich und Genderstern zerstört. Als Kompromisslösung habe ich auch statt des Binnen-I ein Ausrufezeichen vorgeschlagen. Es stieß bisher nur bei Feministinnen auf Resonanz.

 

Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl (www.photonality.at) entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl
Die Fotoserie „Sprachlos“ von Petra Fröschl entstand in Zusammenarbeit mit der Kunst Universität Linz und dem Integrationsbüro der Stadt Linz anlässlich des Tags der Sprachen. Die Arbeit thematisiert das Ausdrucksmittel Sprache im Zusammenhang mit den Spannungsfeldern Migration, Kultur und Identität. © Petra Fröschl

 

Sie sind für Ihre humorvollen Glossen berühmt, in denen Sie etwa ergründen, was der männliche Büffel bloß zur Milch für Mozzarella beigetragen haben könnte. Ist das feministischer Galgenhumor – oder ist Humor Ihrer Meinung nach auch eine besonders geeignete sprachkritische Strategie?

Humor ist in fast allen Lebenslagen eine gute Strategie. Witz und Ironie ebenso. Diese subversiven Strategien sind besonders im Einsatz gegen sture Übermachthaber das Mittel der Wahl, das hat schon der listige Odysseus vorgemacht. Hinzu kommt, dass ich schon immer eine Neigung hatte, das Komische an einer Sache wahrzunehmen. Und die Linguistik fördert ebenfalls den Sinn für Komik, weil wir uns ungrammatische Beispiele einfallen lassen müssen, Regelverstöße, um uns sprachliche Regeln überhaupt bewusst zu machen. Diese ungrammatischen Beispiele sind oft komisch. Eine Kabarettistin oder eine Clownin macht auch nicht viel anderes als das Publikum mit Regelverstößen zum Lachen zu bringen.

Neben Ihrem Blog betreiben Sie auch die Seite FemBio. Was hat Sie dazu motiviert, sich an der feministischen Geschichtsschreibung zu beteiligen? Ergibt sich aus dem Studium weiblicher Biografien ein besonderer Erkenntnisgewinn?

Aber ja. Bei der Arbeit an dem von mir herausgegebenen Sammelband „Schwestern berühmter Männer“ (1985) stellte sich z. B. heraus, dass die berühmte Gleichung „Genie und Wahnsinn“ zutreffender lauten müsste „Männliches Genie – wahnsinnige Schwester“. Die Schwestern, die möglicherweise genau so genial waren wie ihre Brüder, durften ihr Genie nicht ausleben, sondern wurden in Haushalt und Familie verbraucht. Viele hielten das nicht aus und drehten durch.
Ein praktischer Aspekt meiner Hinwendung zur Biografieforschung war der finanzielle. Biografien sind einfach besser zu verkaufen als Sprachwissenschaft. Für Sprachwissenschaft zahlt eigentlich nur die Uni, und die wollte mich ja nicht mehr, als ich anfing, die Sprache feministisch zu untersuchen.

Wir haben in unserer letzten an.schläge-Ausgabe eine Studie zitiert, wonach die Akzeptanz von geschlechtergerechter Sprache zuletzt wieder rückläufig war. 55 Prozent der Befragten sehen keine Notwendigkeit dafür. Die Einführung von geschlechtergerechten Formulierungen in die Amtssprache lässt sich ja bisher durchaus als Erfolgsgeschichte bewerten. Erleben wir jetzt einen Backlash? Was antworten Sie Stimmen, die über „Sprachpolizei“ und „Sprachverhunzung“ schimpfen?

Laut Studie sind 45 Prozent also für eine gerechte Sprache – oder zumindest nicht dagegen. Das ist doch sehr ermutigend! Viel, viel besser als zu Anfang unserer Kampagnen. Aber es stimmt, Hindernisse und Rückschläge gibt es immer wieder, wie bei allen Kämpfen um soziale Gerechtigkeit. Der Kampf muss periodisch intensiviert werden, wie jetzt etwa beim Kampf gegen sexuelle Belästigung mit Kampagnen wie #Aufschrei oder #Metoo.
Stichwort „Sprachverhunzung“. In der Regel stimme ich zu: Ja, die ständige Verdoppelung „Lehrerinnen und Lehrer“, „Schaffnerinnen und Schaffner“ etc. ist schwerfällig und unschön. Tatsächlich ist es einfach zu lästig, die Männer immer mitzuerwähnen. Wieder ein Grund mehr für die Einführung des umfassenden Femininums. Oder ich erinnere daran, dass auch sprachliche Schönheit im Auge der Betrachterin liegt. Oder daran, dass wir möglicherweise unterschiedliche Prioritäten haben. Für mich ist sprachliche Gerechtigkeit, wie Gerechtigkeit überhaupt, ein hoher Wert.
Stichwort „Sprachpolizei“: Die feministische Sprachkritik ist eine Basisbewegung, die versucht, die Sprachgemeinschaft über sprachliche Gerechtigkeit aufzuklären. Der Vergleich mit der Polizei, die auf Befolgung der Gesetze zu achten hat, ist insofern völlig abwegig. Eher versuchen wir, die bestehenden Gesetze (d. h. Grammatikregeln) auf basisdemokratischem Wege zu ändern, sie gerecht, d. h. frauenfreundlich zu machen. Als Sprachpolizei führen sich eher diejenigen auf, die auf der Befolgung der bestehenden frauenfeindlichen Sprachregeln bestehen.

Und wie können wir einer Kritik begegnen, die Linguistik als rein elitäres Projekt ohne realpolitischen Bezug abtut?

Es ist naiv, Sprache und Realpolitik voneinander zu trennen. Sprache ist ein wesentlicher Bestandteil der Politik und der Realität. Negativ sehen wir das deutlich bei Trump und seinem Getwitter, bei den gezielt und massenhaft gegen Hillary Clinton im Wahlkampf eingesetzten „fakenews“ aus Russland. Alles nichts als Sprache. Sprache ist das Medium aller Medien. Ohne Sprache gäbe es die anderen Medien gar nicht: kein Internet, keine sozialen Medien, keine Printmedien, kein Radio, kein Fernsehen, keine Games. Und in diesem Medium aller Medien sollen die Frauen weiter weitgehend ausgespart bleiben? Durch ein paar veraltete Grammatikregeln und deren immense Auswirkungen? Das könnte ihnen so passen. Wir verändern die Sprache, damit verändern wir die Vorstellungen, die Bilder im Kopf, das Bewusstsein – und den ganzen Rest.

Sie selbst haben nach Ihrem Kommentar zum Absturz der Germanwings-Maschine – „Frauenquote fürs Cockpit“ – heftige Anfeindung im Internet erlebt. Vor allem in anonymen Internetkommentaren erleben wir ein Wiederaufflammen längst totgeglaubter Sexismen. Wie kann damit umgegangen werden? Haben Sie eine eigene Strategie für Ihr Leben im Netz entwickelt?

Während des zehn Tage langen Shitstorms gegen mich habe ich versucht, die Ruhe zu bewahren, um nicht selbst auf das Niveau der Angreifer abzusinken. Ich habe den Dreck stoisch zur Kenntnis genommen. Geholfen hat mir eine ungeheure Solidarität, die auf denselben Kanälen einströmte: Twitter, Facebook und E-Mails. Und nach fünf Tagen habe ich auch endlich herausgefunden, wie ich die Trolle blockieren kann. Seither benutze ich dieses Werkzeug gern und oft.
Eine eigene Strategie für mein Leben im Netz? Noch lebe ich überwiegend und sehr zufrieden in der analogen Welt. Ich nutze das Netz weitgehend beruflich, d. h. als Autorin, die ein Anliegen hat, das sie verbreiten möchte. Dafür eignet sich das Netz ausgezeichnet.

 

 

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Feministinnen gehen, Burschenschafter kommen https://ansch.4lima.de/feministinnen-gehen-burschenschafter-kommen/ https://ansch.4lima.de/feministinnen-gehen-burschenschafter-kommen/#comments Wed, 22 Nov 2017 16:31:15 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9148 © Petra PaulIn Österreich steht uns eine reaktionär-autoritäre Wende bevor. Von HANNA LICHTENBERGER]]> © Petra Paul

Nach einem massiven Rechtsruck bei der Nationalratswahl steht Österreich vor einer reaktionär-autoritären Wende. Verhindern kann das nur eine starke feministische Bewegung. Von HANNA LICHTENBERGER

 

26 Prozent für eine Partei, die mittlerweile mehr Deutschnationale als Frauen unter ihren Abgeordneten hat und deren Chef einst mit Neonazis im Wald Krieg spielte: Selbst für österreichische Verhältnisse ist nach dieser Nationalratswahl von einem massiven Rechtsrutsch zu sprechen. Und der Stimmenzuwachs für die FPÖ ist nur ein Ausdruck davon. Denn die gesamte politische Debatte in Österreich und die meisten Parteien sind mitgerutscht. Forderungen, die früher aus der Mitte der Gesellschaft kamen, etwa die soziale Absicherung aller oder der freie Hochschulzugang, gehören mittlerweile zum linken Rand. SPÖ und ÖVP haben in der Regierung die Politik der FPÖ gemacht und ganz massiv dazu beigetragen, das gesamte politische Spektrum nach rechts zu verschieben. Wie sehr sich die Debatte zugespitzt hat, zeigen etwa Vergleiche der Positionen von Werner Faymann und Sebastian Kurz während des Sommers der Migration 2015 – und Kurz’ antimuslimische Positionen heute. „Wahlen zeigen: Fremdenfeindlichkeit und Angstmache zahlen sich nicht aus. Gut so!“, twitterte der Integrationsstaatssekretär im März 2013, der als Kanzler-Kandidat während des Wahlkampfs nun für jedes Problem die „Schließung der Mittelmeerroute“ als Lösung parat hatte.

Ohne Grüne. Dass die Grünen den Einzug in den Nationalrat nicht geschafft haben, liegt am Alleingang von Peter Pilz und der Abwanderung der Stimmen zur SPÖ – aber auch daran, dass sie in der Zeit des langen Präsidentschaftswahlkampfes wenig politisches Profil zeigten. „Die Grünen hätten beispielsweise stärker kommunizieren müssen, warum es Grüne Frauenpolitik dringend braucht. Wer niemandem wehtun will, macht sich letztendlich verzichtbar“, sagt die Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle.
Auch der völlig inakzeptable Rausschmiss der eigenen Jugendorganisation hat das Nötige dazu beigetragen, dass der neue Nationalrat ohne die Grünen tagen wird. Ein großer Verlust, denn gerade im Menschenrechtsbereich, in Fragen von Geschlechtergerechtigkeit, Asyl, Migration und Antifaschismus waren die Grünen eine sichtbare Kraft im Parlament mit einer alternativen Erzählung. Die FPÖ feierte indes das Grüne Scheitern, für Gegner am rechten Rand symbolisierte Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek das Feindbild schlechthin: Pro-Europäerin, antirassistisch positioniert, Feministin, eine lesbische Frau.

Sebastian Kurz: autoritäres Wunderkind? Schon durch die Ausrufung von Neuwahlen zeichnete sich ab, dass Sebastian Kurz’ öffentliche Erpressung der ÖVP zur Maximierung seines persönlichen Handlungsspielraumes nicht nur durchdacht war, sondern auch eine grundlegende Richtungsentscheidung bedeutete. Eine Richtungsentscheidung für ein autoritär-neoliberales Staatsprojekt, das Kurz als Bundeskanzler einer schwarz-blauen Regierung umsetzen könnte. Mitfinanziert wurde sein Wahlkampf von Großspendern, der größte unter ihnen ist KTM-Chef Stefan Pierer, der laut „Trend“ über ein Privatvermögen von 860 Millionen Euro verfügt. Auch auffallend viele Immobilienbesitzer spenden für Kurz – klar, denn die versprochene Überarbeitung des Mietrechts im Sinne der „Marktkonformität“, die Mieter_innenrechte schwächen wird, ist auch Teil des Programms der „Neuen ÖVP“.
Fast schon süffisant resümierte FPÖ-Obmann Strache am Wahlabend, sechzig Prozent der Wähler_innen hätten für ein FPÖ-Programm gestimmt. Tatsächlich ähneln sich die Programme enorm. In den zahlreichen TV-Duellen konnten Differenzen lediglich in der Frage ausgemacht werden, wer noch stärker gegen den Islam auftrete und wer mehr Flüchtlinge abschieben wolle. Beide setzten in der Kommunikation auf eine rassistische Umdeutung sozialer Themen. Beide verknüpften etwa die Frage der Differenz zwischen Löhnen und Mindestsicherung, aber auch die grundsätzliche Sicherung des Sozialstaates mit den Themen Migration, Integration und Flucht. Der Blick auf die Wirtschaftsprogramme zeigt aber schnell: Fairness und Gerechtigkeit soll es nur für die oberen fünf Prozent geben.

Wer hat, dem wird gegeben. Mit der nächsten schwarz-blauen Wende droht vor allem ein sozialer Kahlschlag. Die Abgabenquote soll auf vierzig Prozent gesenkt werden, finanziert werden soll dies unter anderem mit Einsparungen im Gesundheits- und Sozialsystem, konkret 3,8 Milliarden. Um diese für Österreich gigantische Summe erreichen zu können, muss das schwarzblaue Projekt die großen Finanzposten des Sozialbudgets angreifen – das Arbeitslosengeld, die Mindestsicherung und die Pensionen. Frauen betreffen Kürzungen im Sozialbereich überproportional, da sie aufgrund von Kinderbetreuungspflichten, Fürsorgearbeiten, Teilzeit und niedrigeren Löhnen stärker von sozialen Sicherungsnetzen und Formen der Umverteilung profitieren. Das Einsparungspotenzial bei den Sozialversicherungen, von dem Schwarz und Blau sprechen, ist ebenfalls ohne Leistungskürzungen unmöglich. Mieter_innen sollen nicht entlastet werden – von der Mietpreisobergrenze oder der Abschaffung von Makler_innengebühren für Mieter_innen kann keine Rede sein. Kurz will stattdessen Eigentum fördern – aber wer kann sich das schon leisten, wenn selbst die Mieten immer unerschwinglicher werden. Und natürlich wird es auch eine sozial gerechte Erbschafts- oder Schenkungssteuer unter Schwarz-Blau nicht geben.

NEOliberal. Im Wahlkampf forderten vor allem die Neos und die FPÖ immer wieder die Abschaffung der Pflichtmitgliedschaft in Arbeiterkammer (AK) und Wirtschaftskammer (WKO). An der Frage der Kammerpflichtmitgliedschaft hängt auch die 97-prozentige Kollektivvertragsabdeckung, an die die Unternehmer_innen in Österreich gebunden sind. Diese Bindung wäre aufgehoben, wenn die WKO-Pflichtmitgliedschaft fällt. Das wäre der massivste Angriff auf Arbeitnehmer_innenrechte in der Zweiten Republik. Abzuwarten bleibt, ob die Neos der Steigbügelhalter der schwarz-blauen Koalition werden und durch die Schwächung einer starken Stimme für Arbeitnehmer_innen anderen neoliberalen Einschnitten Tür und Tor öffnen.

Was tun? Im Jahr 2000 war der Start von Schwarz-Blau von massiven Protesten begleitet, die 2003 in den politischen Streiks gegen die Pensionskürzungen ihren Höhepunkt fanden. Zweifelhaft ist, ob die Zivilgesellschaft noch einmal eine solche Widerstandsbewegung auf die Beine stellen kann, die viele Aktivist_innen ins politische Burn-out trieb. Angesichts der drohenden Kürzungen im Sozialbereich, die Frauen besonders hart treffen werden, und dem Erstarken reaktionärer, deutschnationaler Kräfte wird es jedenfalls eine laute, feministische Bewegung brauchen. So eine Bewegung muss die Gemeinsamkeiten vor das Trennende stellen – ohne unterschiedliche Betroffenheiten dabei unsichtbar zu machen. Dieser Aushandlungsprozess wird eine große Herausforderung – aber er wird notwendig sein, um die schlimmsten Angriffe auf die 95 Prozent zu verhindern, die uns mit dem autoritär-neoliberalen Umbau der Republik ins Haus stehen.

 

Hanna Lichtenberger ist Lektorin für Internationale Politische Ökonomie am Institut für Politikwissenschaft und parlamentarische Mitarbeiterin einer SPÖ-Abgeordneten.

 

 

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an.sage: Ja, auch er https://ansch.4lima.de/an-sage-ja-auch-er/ https://ansch.4lima.de/an-sage-ja-auch-er/#respond Wed, 22 Nov 2017 16:20:13 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9171 Fiona Sara Schmidt © www.fotoweinwurm.atWas vor 2017 noch alles möglich war. Von FIONA SARA SCHMIDT]]> Fiona Sara Schmidt © www.fotoweinwurm.at

Ein Kommentar von FIONA SARA SCHMIDT

 

„Sind alle Männer Tiere?“, fragte das Nachrichtenmagazin „Profil“ neulich auf dem Titel und versprach eine Reflexion „über die Grenze von Kompliment und sexueller Belästigung“. Diese Grenze ist in Wahrheit nur in den seltensten Fällen unscharf. Es sind vor allem mächtige Männer, die sich daran berauschen, diese Grenze zu überschreiten und dafür keine Konsequenzen befürchten zu müssen. Der dazugehörige Artikel fasst lesenswert Positionen und Analysen zusammen, die an.schläge-Leser_innen vermutlich bekannt sind. Dass es bei #metoo (siehe hier) nicht um sogenannte Sexskandale oder „Sex im Job“ (so ein Aufmacher des Boulevardblatts „Österreich“) geht, sollten eigentlich auch die Mainstream-Medien längst verstanden haben. Doch es braucht offenbar auch in Qualitätsmedien nach wie vor solche Überschriften, um ein so unsexy Thema wie Gewalt gegen Frauen zu verkaufen.
#aufschrei hat nachhaltig dazu beigetragen, uns allen die Augen zu öffnen und jene zu empowern, die Sexismus und sexualisierte Gewalt erfahren haben (also alle Frauen*). Allerorts wird nun erneut kritisiert, dass #metoo zu vieles in einen Topf werfe und damit relativiere. Doch die seit Wochen anhaltende Debatte hat den Hashtag inzwischen überholt, er war nur die Initialzündung für eine längst überfällige internationale gesellschaftliche Auseinandersetzung.
Es knirscht hörbar im Gebälk der heimischen Medienhäuser, manche der Zeilen hätten sich die Herren auch schenken können: „Falter“-Herausgeber Armin Thurnher konnte sich kürzlich erstmals zu einem Binnen-I durchringen, als er die Niederlage der Grünen bei der Nationalratswahl mit ihrem „gendergetriebenen WapplerInnentum“ begründete. Seine Redaktion wurde übrigens 2017 mit dem Medienlöwen für die feministische Kampagne „Uns reicht’s“ gegen Gewalt im Netz ausgezeichnet. Aber vielleicht verstehen wir humorlosen Kampfemanzen auch einfach nur den selbstironischen Witz nicht, der sich hinter all dem Schimpfen gegen „linksgrüne Social Justice Warriors“ (O-Ton Thurnher) verbirgt.
Der Regisseur Volker Schlöndorff verteidigt den ebenfalls mit Belästigungsvorwürfen konfrontierten Dustin Hoffman in der „Zeit“ als „Kantinenclown“, und „Krone“-Kolumnist Michael Jeannée berichtete – was für ein witziger Zufall –, einst genau wie Hoffman eine minderjährige Sekretärin zu Fußmassagen gedrängt zu haben.

Peter Pilz (und viele andere) können sich an übergriffiges Verhalten nicht mehr erinnern, aber wenn es Zeug_innen gibt, wird es schon stimmen, sorry (und baba). Auch wir Feministinnen relativierten und schwiegen bislang zu oft, sei es aus falsch verstandener Solidarität oder aus Selbstschutz, um das eigene Wunschbild von uns und den Menschen, mit denen wir uns umgeben, zu bestätigen. Sexismus und sexualisierte Gewalt sind nicht nur Sache eines Trump oder Strauss-Kahn: Der Typ aus dem Urlaub, mit dem man getanzt und geknutscht hat. Der linke Politiker, den man gewählt hat. Der Schauspieler, der in der Lieblingsserie mitspielt. Der kluge Journalist, mit dem man so angeregt diskutiert hat. Der Chef, von dem man sich eine Beförderung wünscht. Der Bruder der Freundin beim Geburtstagsessen, der langjährige Vereinsvorsitzende. Auf blöde Sprüche folgt im Alltag gerne ein „Darf ich so was denn überhaupt noch zu einer Feministin wie dir sagen (kicher)“, um dann im Nachhinein darüber zu verzweifeln, nicht angemessen reagiert zu haben. Doch verzweifeln hilft nicht, es erfordert solidarische Reaktionen gegen Sexismus, für uns selbst und andere, die sich in der Situation nicht wehren können. Männer, die sich gegenseitig deutlich machen, wenn ein Spruch daneben ist – auch wenn keine Frau dabei ist. Nicht, weil sie fürchten, dass es nicht „politisch korrekt“ ist oder Konflikte mit weiblichen Kolleginnen nach sich ziehen könnte, sondern weil sie es selbst nicht in Ordnung finden. Weil sie mit emanzipierten Müttern aufgewachsen sind, weil sie in Mainstream-Serien mit den Protagonistinnen geheult haben, weil sie ihren Freundinnen zugehört haben. Wir werden uns eines Tages wundern, was damals vor 2017 noch alles möglich war.

 

 

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