2 / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 09 Aug 2020 13:10:07 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 2 / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 2016-02 https://ansch.4lima.de/inhalt/2016-02/ Sat, 04 Jan 2020 17:29:51 +0000 https://anschlaege.at/?post_type=inhaltsverzeichnis&p=17250 ]]> ]]> Stadt der schwulen Kaiser https://ansch.4lima.de/stadt-der-schwulen-kaiser/ https://ansch.4lima.de/stadt-der-schwulen-kaiser/#respond Mon, 14 Mar 2016 14:43:06 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7446 In LGBTIQ-Interessensverbänden geben häufig Männer den Ton an. Inhaltliche Konflikte spitzen sich nun vielerorts zu. Von BRIGITTE THEIßl und FIONA SARA SCHMIDT

 

„Wenn über Samenspenden für lesbische Frauen berichtet wird, dann schafft es ausnahmsweise das Wort ‚Lesbe’ in die Medien“, sagt Ewa Dziedzic sichtlich genervt. Die Grüne Bundesrätin ist seit vielen Jahren politisch aktiv und kämpft für frauenpolitische Anliegen und LGBTI-Rechte, seit kurzer Zeit ist sie auch Bundessprecherin der Grünen Andersrum in Österreich. Die LGBTI-Vertretung der Partei feiert heuer ihr zwanzigjähriges Jubiläum, trotz zahlreicher Erfolge während dieser Periode sei man „noch immer weit entfernt von einer Gleichstellung“, sagte Dziedzic bei ihrem Einstand.

Diskriminierungsgeschichte. Der gesellschaftspolitische Aufbruch in Österreich hat eine junge Geschichte: Erst die Strafrechtsreform unter Bundeskanzler Bruno Kreisky brach in Österreich mit althergebrachten Normen und Zwängen, 1971 wurde Homosexualität legalisiert. Zuvor galt sie laut Strafgesetzbuch aus dem Jahr 1852 als „Verbrechen der Unzucht wider die Natur“, bis in die späten 1990er-Jahre war die „Werbung für Unzucht mit Personen des gleichen Geschlechtes“ noch ein Strafbestand. Auch wenn in Österreich mittlerweile seit zwanzig Jahren die Regenbogenparade über den Wiener Ring zieht und die mit Regenbogenfahnen beflaggte Bundeshauptstadt eine „Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen“ eingerichtet hat – eine längt überfällige rechtliche Gleichstellung auf allen Ebene des (Zusammen-)Lebens konnte bisher nicht erkämpft werden, insbesondere ÖVP und FPÖ klammern sich an das bürgerliche Ideal der heterosexuellen Ehe zwischen Mann und Frau.

Regenbogen-Politik. Nicht erst seit dem Songcontest-Sieg von Conchita Wurst ergibt sich auf der Ebene der Repräsentation und jener der gesetzlich verankerten Rechte somit eine Schieflage. Für Reiseveranstalter_innen etwa sind insbesondere schwule Männer* eine gefragte Zielgruppe. „Die Männer sind die Sichtbareren und Zahlungskräftigeren, sie sind damit für die Wirtschaft interessanter“, sagt Ewa Dziedzic. „Wien atmet schwule und lesbische Geschichte wie kaum eine andere europäische Metropole. Schwule Kaiser, Kriegsherren und Komponisten von gestern ebenso wie schwule und lesbische Wiener/innen von heute“, ist auf der Website von Wien Tourismus für die schwul-lesbische Zielgruppe zu lesen. Unter den Shopping-Tipps für Männer finden sich die Luxus-Adressen der inneren Stadt, das touristische Angebot „Nur für Lesben“ bleibt hingegen überschaubar. Diese stärkere Sichtbarkeit von Schwulen setzt sich auf Veranstaltungen der LGBTIQ-Community fort. Ewa Dziedzic war bis vor Kurzem im Verein CSD Vienna aktiv, der die Vienna Pride und das „Pride Village“ veranstaltet, das heuer allerdings nicht stattfindet. Lange Jahre war sie im Verein hauptsächlich von Männern umgeben. Dziedzic kämpfte nicht nur für mehr Präsenz von Frauen, sondern auch gegen den Vorwurf der zunehmenden Kommerzialisierung der Veranstaltung – aufgrund der budgetären Situation wurde im Pride Village von Beginn an auf die Kooperation mit Gastronomiebetrieben der LGTB-Szene gesetzt, reine Frauenlokale fehlten. „Das heißt, alle Gastrobetriebe waren in schwuler Hand und zogen im Pride Village ihr Publikum an. Es spiegelte sich also eine strukturelle Benachteiligung von Frauen eins zu eins wieder“, sagt Dziedzic.

TBIQ. Katharina Kacerovsky, die ebenfalls bei den Grünen aktiv ist, ist aktuell im Vorstand des CSD Vienna vertreten – die Männerdominanz dort ist ungebrochen. „Im ersten Jahr, in dem ich im Vorstand vertreten war, sind meine Vorschläge untergegangen – oder besser gesagt wurde ich nicht wirklich ernst genommen, übergangen und in den Informationsfluss nicht regelmäßig miteinbezogen“, erzählt Kacerovsky. Aufgrund des immensen Kostendrucks bei der Veranstaltung des Pride Village vor dem Wiener Rathaus würden viele Dinge untergehen. Wie politisch ist die Veranstaltung noch? – diese Frage müsse gestellt werden. Kacerovsky setzt sich dafür ein, möglichst viele Initiativen und Menschen in die Gestaltung miteinzubeziehen: „Es sind nicht nur Frauen unterrepräsentiert, sondern z. B. auch Transgender, Bisexuelle, Intersexuelle und Queers – die sich einfach nicht mehr angesprochen fühlen.“

Generationenfrage. Trans- und Interpersonen und Menschen, die sich geschlechtlich nicht binär verorten, in Homosexuellen-Politiken zu inkludieren, ist auch ein zentrales Anliegen der queerconnexion der Wiener Homosexuellen Initiative (HOSI). Die HOSI setzt sich seit 1979 für die Rechte von Schwulen und Lesben in Österreich ein, die politische Ausrichtung der Organisation sorgt intern immer wieder für Konflikte. „Es gibt schon länger Diskussionen, den Verein auf LGBTIQ bzw. queere Themen auszuweiten. Einige Mitglieder der HOSI sehen sich aber als Vertreter von Lesben und Schwulen und meinen, für Trans- und Interpersonen gebe es ja eigene Vereine“, erzählt Marlene Pillwein von der queerconnexion, einer Gruppe innerhalb der HOSI. „Ich sehe das anders, auch wenn HOSI ausgeschrieben Homosexuelleninitiative heißt, finde ich, dass man die Themen nicht trennen kann und sie großen Einfluss aufeinander ausüben.“ Der HOSI steht aktuell ein Obmann vor, auch wenn in den Statuten zu lesen ist, dass die Positionen der Obleute geschlechterparitätisch zu besetzen seien. „Gemeint sind damit vermutlich Cis-Männer und Cis-Frauen“, sagt Pillwein, die sich mit dem Begriff lesbisch nicht identifizieren kann. Die inhaltlichen Konflikte scheinen – ähnlich wie innerhalb der Frauen*bewegungen – auch Generationenkonflikte zu sein, was laut Pillweins Erfahrungen jedoch „nur bedingt“ stimme. Den Vorwurf, dass der Zugang der queerconnexion ein sehr akademischer und damit auch ein klassistischer wäre, weist sie zurück. „Es kann sich auch nichts ändern, wenn man immer nur bei den bekannten Begriffen bleibt“, sagt Pillwein. Bei Schulworkshops verwendet sie ganz selbstverständlich Begriffe wie pansexuell. In den Klassen treffe sie immer wieder auf Schüler_innen, die sich bereits intensiv mit solchen Begriffen und den dahinterstehenden Konzepten auseinandergesetzt haben. Die allgemeine Öffentlichkeitsarbeit der HOSI stehe aber vermutlich vor anderen Herausforderungen, räumt die 25-Jährige ein.

Mehrfachdiskriminierung. Den schwierigen Umgang mit unterschiedlichen politischen Interessen und den Herausforderungen, die sich durch intersektionale Perspektiven ergeben, kennt auch Ewa Dziedzic. „Wenn du schon Frau und Migrantin bist, überlegst du dir dreimal, noch öffentlich eine dritte Kategorie aufzumachen. Dann bin ich in drei Kategorien verwoben, die in unserer Gesellschaft benachteiligen“, sagt die Grüne Politikerin. Mit „ViennaMix“ gründete sie gemeinsam mit anderen Personen einen Verein für migrantische LGBTs. „Das war für mich eine der spannendsten Erfahrungen: Wie Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, aus verschiedenen Schichten, Religionen, ethnischen Zugehörigkeiten, Geschlecht, sexueller Identität (nicht alle waren geoutet), zusammenkommen, es gab eine beeindruckende Dynamik im Verein.“ Nach drei Jahren trat sie jedoch als Obfrau zurück, ein halbes Jahr später löste sich der Verein auf – Frauen seien nach der Reihe ausgeschieden, übrig blieb „ein türkischer Männerverein“. Um bestehende Muster zu durchbrechen, setzt Dziedzic mittlerweile auf kleine Maßnahmen, die sich als äußerst wirksam erweisen würden: Frauen leiten eine Sitzung, Männer schreiben das Protokoll.

 

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„Yeah, Inter*pride!“ https://ansch.4lima.de/yeah-interpride/ https://ansch.4lima.de/yeah-interpride/#comments Wed, 02 Mar 2016 12:39:20 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7079 Interview: HIDA VILORIA über Interphobie und Community. Von BETTINA ENZENHOFER und PAUL HALLER]]>

HIDA VILORIA ist eine der bekanntesten Intersex-Aktivist*innen weltweit. BETTINA ENZENHOFER und PAUL HALLER sprachen mit ihr über Interphobie innerhalb und außerhalb der LGBT(I)-Community.

 

Hida Viloria ist Vorsitzende des Dachverbands internationaler Intersex-NGOs namens Organisation Intersex International (OII) sowie Mitbegründer*in von OII-USA, dem US-amerikanischen Ableger. Die*r Latinx und genderfluide Intersex-Aktivist*in gibt Organisationen wie den Vereinten Nationen Nachhilfe in Sachen Intergeschlechtlichkeit. Hida Viloria lebt in Oakland (Kalifornien) und hielt im November 2015 eine Keynote bei der 1. Inter*Tagung Wien.

an.schläge: Warum wissen bis heute so wenige Menschen, was Intersexualität ist? Es gibt ja etwa so viele intergeschlechtliche Menschen wie rothaarige.

Hida Viloria: Die meisten intergeschlechtlichen Menschen sind immer noch nicht „out“. Das hängt mit den medizinischen Bemühungen zusammen, Intergeschlechtlichkeit aus der Gesellschaft zu eliminieren. Viele von uns wurden bereits im Kleinkindalter traumatisiert und zu Prozeduren, Begegnungen, Gesprächen rund um unsere Körper und Identität gezwungen. 99,9 Prozent meiner Community sind immer noch „in the closet“.
Bis vor Kurzem waren wir nur eine Handvoll offen intergeschlechtlicher Menschen. Wir kannten uns alle, auch wenn wir auf der anderen Seite der Welt lebten und uns nie getroffen hatten. Auch heute sind wir eine so kleine Gruppe von Aktivist*innen, dass viele von uns wissen, wer die anderen sind. Das ist in anderen Communitys nicht so. Außerhalb dieser Kreise bekommen die meisten Menschen allerdings gar nicht mit, dass wir Intersex sind. Ein Beispiel: Kürzlich haben sich in den USA zwei Menschen an mich gewandt und als Intersex geoutet, die als Trans bekannt sind und seit zwanzig Jahren lautstark in der Queer-Community mitmischen. Diese Menschen sind unglaublich selbstbewusst in ihrem Auftreten in der LGBT-Community, trotzdem haben sie Schwierigkeiten damit, in der Öffentlichkeit als Inter in Erscheinung zu treten. Aber wie soll die Welt erfahren, dass es Intersex gibt, wenn wir nicht mal innerhalb der Community wissen, wer Inter ist?
Es war für mich eine schockierende Erkenntnis, dass es sogar innerhalb der LGBT-Community intergeschlechtliche Menschen gibt, die nicht stolz darauf sind, intersex zu sein. Das macht deutlich, wie groß die Stigmatisierung ist. Dieses Stigma zu durchbrechen halte ich für unsere größte Herausforderung, denn es ist der entscheidende Grund dafür, dass Intersex-Personen sich nicht outen und Menschen dann glauben, dass Intergeschlechtlichkeit nur einen extrem kleinen Teil der Weltbevölkerung betrifft.

Laut der Organisation Intersex International (OII) USA, deren Gründer*in du bist, sind 1,7 Prozent der Weltbevölkerung intersexuell. Woher kommt diese Zahl?

Sie stammt aus dem Buch „Sexing the body“ von Anne Fausto-Sterling. Das ist die bisher überzeugendste Forschungsarbeit zum Thema, weil sie viele der verschiedenen Intersex-Variationen inkludiert. Leider gibt es eine immer stärker in den Vordergrund gerückte Statistik von ISNA (Intersex Society of North America), die von 1-in-2.000 beziehungsweise 0,05 Prozent spricht. Aber sogar zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung hat ISNA auf ihrer Website spezifiziert, dass sich diese Zahl nur auf Menschen bezieht, die mit „uneindeutigen“ Genitalien geboren wurden und bei deren Geburt ein Team von Mediziner*innen einberufen wurde. Diese Definition würde also nicht mal mich miteinbeziehen. Denn ich wurde zwar mit „uneindeutigen“ Genitalien geboren, aber es wurde kein medizinisches Team hinzugezogen. Die 1-in-2.000-Statistik ist also fehlerhaft. Organisationen, die diese Zahl noch immer verwenden, begründen das so: Wenn sie gegenüber Anwält*innen oder Mediziner*innen mit einer höheren Statistik argumentieren, könnten diese ihre Glaubwürdigkeit anzweifeln und somit würde es auch schwerer, über die notwendigen Menschenrechtsfragen zu sprechen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass die UN auch 1,7 Prozent oder zumindest die Spanne 0,05 bis 1,7 Prozent verwendet. Auch die US-amerikanische LGBTI-Organisation Lambda Legal spricht von 1,7 Prozent.

 

„Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“ im Berliner Tiergarten, Michael Elmgreen und Ingar Dragset (2008). Erst nach langer Diskussion wurde beschlossen, auch den Kuss zweier Frauen als Video zu zeigen. Ian Fisher/flickr

 

Was sind deine wichtigsten politischen Forderungen?

An absolut erster Stelle steht für alle intergeschlechtlichen Menschen, dass die Operationen beendet werden. Egal, wie wir uns sonst unterscheiden, für dieses Ziel kämpfen wir alle. Aber wir sind uns nicht darüber einig, wie wir dieses Ziel erreichen können. Ich glaube, der Weg über die gesetzliche Anerkennung ist die beste Strategie – in den USA. Ich kann nicht für andere Länder sprechen, ohne mich vorher mit meinen Kolleg*innen in Afrika oder Asien unterhalten zu haben. So sagt zum Beispiel der ugandische Aktivist Julius Kaggwa, in Uganda sei es gefährlich, mit der LGBT-Bewegung assoziiert zu werden, weil Homosexualität dort strafbar ist und sich LGBTs verstecken müssen. Wenn es um Leben und Tod geht, sind andere Strategien notwendig.
Dennoch glaube ich, dass die rechtliche Anerkennung als Inter*Person unverzichtbar ist. Es braucht sie, um geschlechtsnormierende Operationen zu beenden. Es ist unmöglich, Diskriminierung gegen eine Gruppe zu stoppen, die rechtlich nicht existiert. Ich glaube auch, dass es notwendig ist, neue Allianzen zu finden. In puncto körperlicher Unversehrtheit gibt es sehr starke Parallelen zur Disability-Bewegung, wie zum Beispiel in der Diskussion um Cochlea-Implantate, die gehörlosen Menschen bei der Geburt operativ eingesetzt werden.

Lambda Legal hat vor Kurzem eine bemerkenswerte Klage gegen das US-Außenministerium eingebracht: Dana Zzyym klagt ihr Recht ein, gesetzlich als non-binary Intersex-Person anerkannt zu werden. Wird die Klage Erfolg haben?

Ich bin sehr optimistisch. Wir haben einen wirklich starken Fall. Lambda Legal wählt von den Tausenden Fällen, die pro Monat eingereicht werden, nur die mit Erfolgsaussichten aus. Und wie ich kürzlich herausgefunden habe, wurde der zuständige Richter vom damaligen Präsidenten Clinton berufen, was dafür spricht, dass er vergleichsweise progressiv ist.

Wie wurdest du eigentlich Inter*-Aktivist*in?

Die Intersex-Konferenz 1996 in Kalifornien, bei der ich vom Horror der Intersex Genital Mutilation (IGM) hörte, hat mich motiviert, Inter*Aktivistin zu werden. Dort wurde ich gefragt, ob ich als eine der wenigen nicht-operierten Intersex-Personen bereit wäre, in der Öffentlichkeit über die sogenannten „normalisierenden“ Geschlechtsoperationen zu sprechen. Ich war damals eine junge Aktivistin und aus politischen Gründen bereits ein, zwei Mal verhaftet worden. Ich wusste, ich musste an die Öffentlichkeit gehen – erst recht, weil es bis dahin nur eine einzige offen intergeschlechtliche Person gab, die auch das Glück hatte, keine geschlechtsnormierende Operation hinter sich zu haben. Ich habe also damit begonnen, in der Öffentlichkeit als Sprecherin der US-amerikanischen Inter*Organisation ISNA aufzutreten. Dabei musste ich eine schmerzhafte Erfahrung machen: Als Inter*Aktivistin mit einer non-binary-Geschlechtsidentität wurde ich von den meisten in der Inter*Community nicht anerkannt. Zuvor wurde ich von anderen Communitys, in denen ich bislang gelebt hatte – weiße, latinos, straight, alle Arten von queeren Communitys –, akzeptiert, hatte nie ein Problem innerhalb dieser Communitys, non-binary zu sein. Ironischerweise war das gerade in der Intersex-Bewegung anders. ISNA habe ich deshalb sehr schnell wieder verlassen und war danach hauptsächlich als Einzelkämpferin unterwegs.
Einer der prägendsten Momente war für mich mein Auftritt beim Internationalen Olympischen Komitee. Bei einer Anhörung, in der es darum ging, wie man testen kann, ob Athlet*innen Intersex sind, sagte ein Arzt: „Das ist einfach: Die Intersex-Personen sind hässlich!“ Im Nachhinein kann ich heute darüber lachen, wie sexistisch, gender-variant- und interphob das war, aber damals war es einfach schmerzhaft. Er saß direkt neben mir und wusste, dass ich intersex bin. Es war ihm völlig egal. Danach war ich tagelang extrem deprimiert. Aber es hat mich auch inspiriert: Wenn mich nur drei Tage, in denen ich als Erwachsene diesen medizinischen Blicken ausgesetzt war, dermaßen fertiggemacht haben, kann ich mir gar nicht vorstellen, wie es für andere Inter*Personen sein muss, Zeit ihres Lebens ständig dem medizinischen System, also nicht nur den Blicken, sondern auch Behandlungen und Verletzungen des nackten Körpers, ausgeliefert zu sein. Das hat mich noch mehr angespornt – ich wurde also offiziell zur Intersex-Aktivistin.

Woher kommt die fehlende Akzeptanz von Non-Binarys in der Inter-Community?

Es ist schon schräg: Wenn nicht mal Intersex-Personen non-binary sein können, wer kann es dann überhaupt sein? (lacht) Ich glaube, das ist ein direktes Ergebnis von internalisierter Interphobie. Hier spielen Assimilierungsprozesse eine Rolle, wenn Menschen relevante Merkmale von sich verleugnen, nur um in die dominante, akzeptierte Mehrheit hineinzupassen. Es ist in unserer heutigen binären Kultur viel einfacher, als Mann oder Frau zu leben, und es ist viel leichter, akzeptiert zu werden, wenn man sagt, man ist nicht Teil der als minderwertig betrachteten Gruppe. Ich glaube, das ist der Grund für die mangelnde Akzeptanz von Non-Binarys innerhalb der Intersex-Bewegung. Ich war wohl ein direkter Affront für alle, die probiert haben, sich anzupassen und nicht aufzufallen.

Bei der Inter*Tagung in Wien hast du erwähnt, dass es wichtig ist, im Inter*Aktivismus nicht nur Genitalverstümmelungen an intergeschlechtlichen Babys anzuprangern, sondern den Blick auch auf Inter*Personen als erwachsene Menschen zu richten.

Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Wir wollen, dass Menschen offen als Intersex leben können – was auch immer das konkret bedeutet, denn wir haben alle völlig unterschiedliche Identitäten. Wenn wir wollen, dass es eine sichtbare Intersex-Community gibt, müssen wir anfangen, über diese Community zu sprechen, und uns vorstellen, wie sie aussehen könnte. Wir bleiben keine Babys, sondern werden älter und sind auch Erwachsene. Ich glaube, die Fokussierung auf geschlechtsnormierende Operationen hat zum traurigen Ergebnis geführt, dass die Operationen noch mehr im Mittelpunkt stehen. Aber man muss auch auf das fokussieren, was man will, und nicht nur darauf, was man nicht will. Die Lesben- und Schwulenbewegung hat beispielsweise immer von Pride gesprochen – und zwar in einer Zeit, in der niemand ernsthaft stolz darauf war, lesbisch oder schwul zu sein. Der Zugang war einfach: Man muss darauf stolz sein – nach dem Motto „Fake it till you make it!“ (lacht)
Dieser Zugang ist für Bürger_innen und Menschenrechte sehr wirkungsvoll. Ich hoffe, dass auch die Intersex-Bewegung diesen Zugang stärker wählt, wobei das derzeit immer häufiger der Fall ist. Das ist ein direktes Ergebnis des LGBT-Aktivismus, dessen Erfolg an der Inter*-Bewegung nicht vorbeiging. Jene in der US-amerikanischen Inter*Community sehr dominanten homo- und transphoben Inter-Aktivist*innen, die nicht mit der LGBT-Community in Verbindung gebracht werden wollten, weil sie dachten, es sei schlecht, als queer gelabelt zu werden, haben sich geirrt und sie verlieren innerhalb der Inter*-Community an Unterstützung. Ich bin darüber sehr froh, weil ich mich in der Community, umgeben von LGBT-phoben Menschen, lange sehr isoliert gefühlt habe. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass ich mich als queere, arme und Person of Color auch in anderen Bereichen von ihnen unterschied.

Also „Inter*pride“ als neue Form des Inter*Aktivismus?

Yeah, Inter*pride! Das gefällt mir.

 

Hida Viloria war bereits in mehreren Dokumentationen zu sehen (z. B. „Intersexion“, „Hermaphrodites Speak“) und publiziert in Medien wie der „New York Times“ oder dem „Ms. Magazine“. Im Jänner 2017 werden Vilorias Memoiren („Born Both“) erscheinen.

Bettina Enzenhofer und Paul Haller sind Mitglieder der Plattform Intersex Österreich.

 

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#FeesMustFall https://ansch.4lima.de/feesmustfall/ https://ansch.4lima.de/feesmustfall/#respond Wed, 02 Mar 2016 12:14:07 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7073 Interview: ZIMASA MPEMNYAMA kämpft für Dekolonialisierung. Von SOPHIE SCHASIEPEN]]>

In Südafrika wird für die Dekolonialisierung der Universitäten und des gesamten Landes gekämpft. Die Aktivistin ZIMASA MPEMNYAMA sprach mit SOPHIE SCHASIEPEN.

 

an.schläge: Im April 2015 erreichte die Bewegung #RhodesMustFall (RMF), dass eine Cecil-Rhodes-Statue vom Campus der Universität von Cape Town entfernt wurde. Was stand bei den Protesten auf dem Spiel?

RMF hat es das erste Mal in der post-Apartheid möglich gemacht, Gespräche über race, Gender und Dekolonialisierung im Rahmen radikaler Politiken öffentlich zu führen. Die Euphorie nach 1994, die Dominanz liberaler Diskurse über die Regenbogen-Nation hatten ermöglicht, dass viele nicht realisierten, was im sogenannten Transformationsprozess wegverhandelt worden war. Es wurde Integration erwartet, ohne darüber zu sprechen, was es für uns heißt, kolonialisiert worden zu sein. Rassismus zu thematisieren wurde als Fehlverhalten gewertet. RMF bezog sich auf Autor_innen wie Frantz Fanon, Steve Biko und Assata Shakur und forderte eine dekolonialisierte Gesellschaft. Sie formten eine pan-afrikanistische, radikale, queere, Black feminist Bewegung, in der diskutiert werden konnte, wie eine dekolonialisierte Gesellschaft aussehen würde und warum wir von Südafrika als Kolonie sprechen, obwohl es offiziell ein postkoloniales Land ist.

Letzten Oktober bildete sich #FeesMustFall (FMF). Studierende, Angestellte und Eltern kämpfen für freie Bildung, Curricula-Veränderungen, neue Sprachpolitiken und das Insourcing von Angestellten an Universitäten, um die Unterbezahlung von Unternehmen wie G4S zu beenden. Wie hängen die beiden Initiativen zusammen?

Von März bis Oktober wurden die Diskussionen weitergeführt. Vielerorts gründeten sich weitere Initiativen. FMF protestierte gegen die geplante Anhebung der Studiengebühren um 10 Prozent. Die Erhöhung hätte viele vom Studium ausgeschlossen, von den Ärmsten bis zur sogenannten Mittelklasse. Und wer arm ist in Südafrika, ist Schwarz. Also haben Protestierende begonnen, die Universitäten zu blockieren, sind zum Parlament marschiert, haben die öffentliche Ordnung gestört. Wir können nicht so weitermachen, als ob alles normal wäre, wenn wir in einer abnormalen Gesellschaft leben. Und eine rassistische Gesellschaft ist abnormal. Dieser Rassismus lebt von unseren Körpern als Schwarze Menschen. Es ist wichtig zu betonen, dass die Forderungen so spannend sind, weil sie unmöglich sind. Eine dekolonialisierte Gesellschaft zu fordern ist eine radikale Bewegung, die weltweit passieren muss. Aber bis dahin ist eines der Ziele hier in Südafrika, freie Bildung für alle zu erreichen.

Das Versprechen des Präsidenten Jacob Zuma, die Gebühren 2016 nicht anzuheben, beendete die Proteste nicht. Wie hat die Regierung insgesamt reagiert?

Sie haben RMF nicht ernst genommen und die Forderungen als Verantwortung der Universitäten abgetan. Da FMF jedoch eine breitere Unterstützung in der Bevölkerung hatte, mussten sie handeln. Aber die Reaktionen waren sehr repressiv: Es wurden Tränengas und Gummigeschosse gegen Protestierende eingesetzt, Genoss_innen sind verschwunden und wollten nach ihrer Rückkehr nichts mehr mit der Bewegung zu tun haben. Als regierende Partei mit 62 Prozent im Parlament könnte der ANC Gesetze ändern, Menschen ihr Land zurückgeben, freie Bildung ermöglichen. Stattdessen entscheiden sie sich für eine neoliberale Politik, die die Mehrheit der Bevölkerung benachteiligt. Einige der leitenden Figuren von FMF sind mit dem ANC verbunden und wurden deswegen von der Bewegung abgelehnt. Parteipolitiken wie die vom ANC, der DA und den EFF bringen uns nicht weit. Der Wunsch ist, people centered movements zu bilden und jenseits von Parteipolitiken zu arbeiten.

 

Nazlee Arbee bei Protesten in Cape Town 2015. © Wandile Kasibe
Nazlee Arbee bei Protesten in Cape Town 2015. © Wandile Kasibe

 

Inwiefern sind die Proteste mit der Forderung nach Restitution von Land in Südafrika verbunden?

Als wir 1994 angeblich frei wurden, bekamen wir unser Land nicht zurück, das uns gestohlen wurde als Jan van Riebeek hier 1652 ankam. Typen wie Rhodes haben Leute enteignet, getötet, entmenschlicht und Land geraubt. Schwarze Menschen sind in die Amerikas verschleppt worden, ihre Körper sind zu Objekten gemacht worden. Die Körper derjenigen, die hiergeblieben sind, wurden kommodifiziert, als uns unser Land genommen wurde. 1913 ist das mit dem Land Act in Gesetz gegossen worden. Die Schwarze Mehrheit wurde in 13 Prozent des Landes gezwungen, den Rest besaßen Weiße. Somit mussten Schwarze (in der Black-consciousness-Definition African, coloured und Indian) in die Städte ziehen, um Arbeit zu finden. Doch während der Apartheid wurden diese Menschen in Gebiete außerhalb der Städte zwangsumgesiedelt und weiter entrechtet. 1994 wurde von uns erwartet, so weiterzumachen, als ob nichts geschehen wäre. Unser Land zurückzufordern heißt unsere Menschlichkeit zurückzufordern. Wir müssen mit dem Land noch nicht einmal irgendetwas machen. Es gehört uns.

Worum ging es bei #ZumaMustFall (ZMF) letzten Dezember?

Die Proteste gegen Zuma wurden vor allem von Weißen getragen und es gab keinerlei Polizeirepression. Die Leute haben auf den Demos Selfies gemacht, sie wollten einen neuen Präsidenten, um die Wirtschaft zu stabilisieren und alles beim Alten zu lassen. #FeesMustFall ist eine radikale Bewegung – in diesem Fall wurde sie gekapert.
Jacob Zuma hatte Nhlanhla Nene ab- und einen seiner Schoßhunde als Finanzminister eingesetzt. Als die Währung fiel und Weiße sich beschwerten, setzte er Pravin Gordhan ein und alles war wieder ruhig. Daran zeigt sich, welche Macht Weiße in diesem Land haben. Studierende mussten drastische Maßnahmen ergreifen, Minenarbeiter in Marikana wurden erschossen, als sie für bessere Löhne kämpften, und erfahren noch immer keine Gerechtigkeit. Andries Tatane wurde vor laufenden Kameras von der Polizei erschossen, als er für Wasser auf die Straße ging.

Vor Kurzem haben Protestierende beschlossen, heterosexuelle Cis-Männer aus einem der Hauptgebäude der Bewegung auszuschließen, das während RMF besetzt wurde. Diesem Schritt folgten Diskussionen um Solidaritätsprioritäten. Wie positionierst du dich bei dieser Frage?

Es war wichtig, dass die Bewegung Diskussionen über Schwarzen Feminismus, das Patriarchat und Intersektionalität in den Mainstream gebracht hat. Schwarze Feminist_innen sind leitende Figuren in dieser Bewegung und haben klargestellt, dass Diskussionen über das Patriarchat Teil des Dekolonialisierungsprozesses sind. bell hooks, Assata Shakur und südafrikanische Feminist_innen wie Pumla Dineo Gqola sind wichtige Referenzen.
Was im Azania-Haus passiert ist, war, dass ein Genosse einer Genossin gegenüber sexuell gewalttätig war. Der Typ ist weggerannt, aber Leute aus der Bewegung haben ihn gefunden, der Polizei übergeben, seinen Namen und sein Gesicht veröffentlicht. Ich habe einen Text mit dem Titel „Wrestling with Intersectionality“ geschrieben und viel Kritik dafür bekommen. Aber meine grundlegenden Fragen waren: Wenn es ein weißer Typ gewesen wäre, hätten wir genauso gehandelt? Wie gehen wir mit internen Schwarzen Politiken um, ohne uns weiterhin zu entmenschlichen? Wie gehen wir mit Fragen von Gewalt um, nicht nur sexueller Gewalt? Es gibt tribalistische Gewalt, alle mögliche Gewalt, mit der white supremacy versucht, uns in verschiedene Kategorien einzuteilen und zu spalten. Ich würde sagen, dass ich in einer besseren Klassenposition bin, und ich bin eine heterosexuelle Cis-Frau. Eine bestimmte Form der Intersektionalität würde behaupten, ich hätte deswegen mehr Macht als eine Schwarze, queere Transgender-Person. Mir scheint das eine gefährliche Sichtweise. Denn tatsächlich sieht dich die Welt nicht zuerst als queer, sondern als Schwarz.
Deswegen bin ich dagegen, Männer auszuschließen. Wo sollen sie lernen, sich aus ihren patriarchalen Strukturen zu bewegen, wenn nicht in einer radikalen Bewegung wie RMF und FMF? Es ist auch eine Frage Schwarzer Geschlossenheit. Wir kommen nicht als pure radikale Wesen zur Revolution, wir haben alle unsere Widersprüche. Ich meine, es ist wichtig, innerhalb dieses radikalen Raumes mit ihnen umzugehen.

 

Pamstar Dhlamini-Msimango bei Protesten in Cape Town 2015. © Wandile Kasibe
Pamstar Dhlamini-Msimango bei Protesten in Cape Town 2015. © Wandile Kasibe

 

Wie stehst du allgemein zu der Idee, safe spaces zu entwickeln?

Es gibt keinen safe space für Schwarze Menschen. Jeder Raum, unsere Leben sind prekär, bis wir es schaffen, white supremacy abzuschaffen. Selbst wenn wir als Schwarze Menschen zusammensitzen und über radikale Politiken diskutieren, kann jederzeit die Polizei hereinkommen und uns erschießen, ohne auch nur zur Rechenschaft gezogen zu werden. Genau weil unsere Leben nicht unsere sind, müssen wir uns organisieren. Aber du hast auch eine gewisse Verantwortung als politisch bewusste Schwarze Person. Diese sollte beinhalten, dass wir uns unsere Leben nicht gegenseitig unsicher machen. Der Fall dieser sexuellen Gewalttat ist vollständig zu verurteilen.
Ich glaube nicht, dass es überflüssig ist, Räume wie das Azania-Haus zu etablieren. Aber für mich ist es eine alltägliche Verantwortung, überall Räume zu schaffen, in denen alle Schwarzen Menschen willkommen sind. Ich werde mit ihnen arbeiten, bis wir dahin kommen, dass alle gleich sind. Das ist schwierig und ich weiß, dass ich idealistisch bin. Aber ich bin überzeugt, dass es nur so funktionieren kann.

Welche Rolle siehst du für Weiße in diesen Kämpfen?

Das ist eine schwierige Frage, Sister, und ich habe mich nicht sehr lange mit ihr befasst. Ich denke, dass die Schwarze Menschen auch in Zukunft Räume für sich alleine schaffen werden. Das müssen Weiße akzeptieren. Das Beste ist also, wenn weiße Menschen lesen, lernen, sich damit beschäftigen, was passiert. Finanziere die Bewegung, wenn du Geld hast. Versuch nicht, zu widersprechen und zu kontrollieren. Sei dir bewusst, dass diese Bewegung nicht nur dafür kämpft, dass Schwarze Menschen ihre Menschlichkeit zurückbekommen, sondern auch dafür, dass weiße Menschen eine Menge Macht verlieren. Das ist ein unangenehmer Prozess, ein blutiger sogar. Aber es ist auch nichts Neues. Schwarze Menschen haben seit Jahrhunderten gelitten und protestiert – das hier ist bloß eine Fortsetzung dieses Kampfes.

 

Zimasa Mpemnyama ist eine 24-jährige Journalistin, Autorin und Fotografin und lebt in Johannesburg. Sie hat an der Wits Universität Journalismus und Medienstudien studiert.

 

Sophie Schasiepen recherchiert in Cape Town für ihre Dissertation über die Repatriierung von human remains aus österreichischen anthropologischen Sammlungen nach Südafrika.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Sophie Schasiepen

 

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an.sage: Humor & Feminismus https://ansch.4lima.de/an-sage-humor-feminismus/ https://ansch.4lima.de/an-sage-humor-feminismus/#comments Wed, 02 Mar 2016 12:06:10 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7103 Der Herrenwitz ist nicht totzukriegen. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Dass etwas „erfrischend politisch unkorrekt“ sei, ist häufig zu hören und zu lesen. Gerade im Humorbusiness ist dieses Prädikat zum Gütesiegel für gute Unterhaltung geworden, denn darüber, dass Political Correctness nicht lustig ist, ist man sich weitgehend einig. Ganz besonders unlustig wird es, wenn es um Feminismus geht, der bekanntlich nicht nur ganz und gar nicht komisch, sondern auch lustfeindlich und leidenschaftslos ist. Selbst bei als links geltenden Kabarettisten wie Stermann und Grissemann sorgt deshalb zwar ein Holocaust-Witz noch für Empörung, sexistische Herrenwitze hingegen gehen in der Regel völlig ungestraft durch. Und es gibt sie zuhauf. Denn was sich das in die Jahre gekommene Wiener Komiker-Paar bei der Afroperücke oder dem Judenwitz meist gerade noch verkneift, entlädt sich ungehemmt über den weiblichen Talkgästen ihrer Sendung „Willkommen Österreich“. Man wünscht sich sehr, einem „geilen“ Gast möge endlich mal der Kragen platzen, doch leider lächeln die geladenen Frauen den sabbrigen Sexismus meist eisern durch und auch die weibliche Fangemeinde scheint den schwitzig-spätpubertären Spaß zu goutieren. Entweder hält auch sie in der Hoffnung still, irgendwann würde man dafür doch wieder mit dem schönen Humor belohnt, für den man Stermann und Grissemann einst so mochte – oder es ist die tiefsitzende feministische Angst vorm Vorwurf der Humorlosigkeit. Denn letztlich ist diese Keule viel wirkmächtiger als der vermeintliche „Political-Correctness-Terror“ der Gutmenschen, vor dem so gerne gewarnt wird und gegen den Autoren wie Thomas Edlinger und Matthias Dusini mit großem, erleichterten Echo in den Feuilletons anschreiben. Vor einer „hyperkritischen“ Sprachpolizei, die längst Diskursmacht habe und zu einem regelrechten „Opferwettbewerb“ geführt hätte, warnen die beiden.
Diese perfide Verdrehung realer gesellschaftlicher Machtverhältnisse hat so großen Erfolg, dass der alte sexistische oder rassistische Schenkelklopfer tatsächlich wieder als mutiger „Tabubruch“ gilt, auch wenn er selbstverständlich zu allen Zeiten die Lacher auf seiner Seite hatte. Wirkliche Tabubrüche durch eine klare politische Haltung, die sich nicht hinter indifferenter Ironie versteckt, wären Zynikern wie Grissemann vermutlich regelrecht peinlich.

Auch der Wiener Philosoph Robert Pfaller wählt seit diesem Frühjahr die Kabarettbühne, um seinen Feldzug für das Lustprinzip und gegen moralinsaure Überkorrektheit zu führen. Pfallers Ausführungen, die sich gleichermaßen gegen Rauchverbote wie „Grapsch-Paragrafen“ in Stellung bringen lassen, bedauern den Verlust von Zügellosigkeit und Hedonismus und fordern Sinnlichkeit, Schweinsbraten und Stöckelschuhe zurück. Allen Ernstes macht Pfaller sogar Gleichheitsforderungen für sexuelle Übergriffe mitverantwortlich. „Ist es egalitär, Frauen zu behandeln, als ob sie kein Geschlecht hätten? Oder ist es egalitär, Frauen mit dem ganzen Respekt und der Courtoisie zu behandeln, die einer Dame im öffentlichen Raum zustehen?“, fragt er in einem „FAZ“-Interview.
Wenn Pfaller das Verschwinden von High-Heels und Zigarettenspitzen beklagt und deshalb ein verbissenes Hoch auf tradierte Geschlechterrollen singt, mag man einen privaten Fetisch dahinter vermuten. Wie auch Grissemann, dem etwa die Queerness von Conchita Wurst schon zu heiß ist und vor erotischer Aufregung die Röte ins Gesicht treibt, wäre ihm dieser von Herzen gegönnt, würde Pfaller dabei nicht auch noch vorschieben, bei seiner Feminismusfeindlichkeit ginge es ihm eigentlich um Klassenkampf. Denn ähnlich wie Edlinger und Dusini beklagt auch Pfaller in guter alter Nebenwiderspruchsmanier symbolpolitische Kämpfe wie Sprachregelungen und fordert stattdessen solidarische Verteilungskämpfe. Die meisten feministischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte dürften an ihm vorbeigegangen sein, haben sie doch gezeigt, dass Forderungen nach gerechter Sprache durchaus mit denen nach einer gerechten Gesellschaft vereinbar sind.
Doch wenn den Herren queere Sternchendebatten zu abgedreht sind, dürfen sie sich gerne auf Oldschool-Feminismus besinnen. Wie zum Beispiel auf die Forderung nach Quoten. Etwa für Stermann und Grissemann. Oder Edlinger und Dusini.
Kleiner Feministinnen-Scherz.

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Feminist Superheroines: Maya Angelou https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-maya-angelou/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-maya-angelou/#respond Wed, 02 Mar 2016 12:00:05 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7099 Autorin und Vertreterin der BürgerInnenrechtsbewegung. Von BARBARA FOHRINGER]]>

Maya Angelou (4.4.1928–28.5.2014) war eine US-amerikanische Autorin und wichtige Vertreterin der afroamerikanischen BürgerInnenrechtsbewegung. Bekanntheit erlangte sie durch ihre erste Autobiografie „I Know Why the Caged Bird Sings“, in der sie auch ihre Vergewaltigung thematisierte. Ihr Werk umfasst sechs weitere autobiografische Werke, Gedichtbände, ein Musikalbum, Essays und Theaterstücke. Sie war zudem als Journalistin und Dozentin tätig, führte Regie und schrieb als erste Schwarze Frau ein Drehbuch, das verfilmt wurde. Angelou galt als eine wichtige Schwarze Stimme in den USA und beeinflusste nicht nur Generationen von LiteratInnen, sondern auch viele Hip-Hop-KünstlerInnen.

Illustration: Lina Walde, http://linawalde.tumblr.com
Illustration: Lina Walde, linawalde.tumblr.com

 

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plusminus: Abgehoben … und ausgezupft https://ansch.4lima.de/plusminus-abgehoben-und-ausgezupft/ https://ansch.4lima.de/plusminus-abgehoben-und-ausgezupft/#respond Wed, 02 Mar 2016 11:51:44 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7105 Von FIONA SARA SCHMIDT

 

Abgehoben (+)
Wir geben es zu: Die an.schläge-Redaktion hat eine Schwäche für Astronautinnen. Ein großer Schritt für den weiblichen Teil der Menschheit wird die nächste Mars-Expedition, die in frühestens 15 Jahren beginnt. Die Hälfte des achtköpfigen NASA-Teams, für das sich mehr als 6.000 Menschen beworben haben, besteht aus Frauen. Eine der vier berichtet im „Glamour“-Interview, dass bereits in ihrem Kinderzimmer der Space-Shuttle neben den New Kids On The Block an der Wand hing. Danke, Quote!

… und ausgezupft (–)
Kleine Haare, große Aufregung: Als „Pinzetten-Fatwa“ machten Berichte aus der Türkei die Runde. Die Religionsbehörde warnte Frauen davor, ihre Gesichtshaare zu entfernen. Die Oberlippe bei „normalem Wuchs“ zu enthaaren oder schmal gezupfte Augenbrauen seien unislamisch und eine Sünde, meint die staatliche Stelle. Unbekannt ist, ob die Nachricht bei Frau und Tochter von Präsident Erdoğan zu einem ungläubigen Heben der gepflegten Brauen geführt hat.

 

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Zurück zu Mutti https://ansch.4lima.de/zurueck-zu-mutti/ https://ansch.4lima.de/zurueck-zu-mutti/#respond Wed, 02 Mar 2016 11:39:34 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7076 ANGELA MERKEL ist wieder mit Weiblichkeitsklischees konfrontiert. Von ANJA KRÜGER]]>

Im Machtkampf um die Flüchtlingspolitik wird die deutsche Bundeskanzlerin mit typisch weiblichen Eigenschaften versehen. Von ANJA KRÜGER

 

Möglicherweise wird es solche Hinweise nicht mehr lange geben: Wenn nach Deutschland gekommene männliche Flüchtlinge Frauen nicht respektierten, sollten sie nachdrücklich auf Bundeskanzlerin Angela Merkel hingewiesen werden, empfahl der deutsche Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU). Wer sich von Frauen nichts sagen lasse, den müsse man nur zum Nachdenken über die Kanzlerin anregen, forderte er.
Ihr Kanzleramtsminister gab diese Empfehlung ausgerechnet in den Tagen ab, in denen Angela Merkel in den eigenen Reihen um Autorität und Respekt kämpft. Die Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik wird immer schärfer. Innenpolitisch ist sie isoliert wie nie zuvor in ihrer mehr als zehnjährigen Amtszeit. Außenpolitisch verliert sie wichtige Verbündete, nachdem die österreichische Regierung eine Obergrenze für Geflohene eingeführt hat und Frankreich sich gegen Kontingente ausspricht. Ihre Popularität lässt nach. „Merkel im Umfragetief – Kriegt sie noch die Kurve?“, fragen sich Talkshowgäste im deutschen Fernsehen. „Merkels Zeit läuft ab“, schreibt der „Stern“, das „Handelsblatt nennt sie „Die Angezählte“.

Keine Obergrenze. Spätestens nach Bekanntwerden der Übergriffe auf Frauen auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz in der Silvesternacht, die mutmaßlich von Migranten ausgegangen sind, hat sich die viel beschworene Willkommenskultur in Deutschland in ein tiefes Misstrauen gegen Geflohene verwandelt. Merkel bleibt bei ihrem Kurs der offenen deutschen Grenzen, während viele in und außerhalb der Union lautstark eine Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik verlangen. Die Spitze der CSU, aber auch Teile der CDU fordern Obergrenzen für die Aufnahme von Flüchtlingen. Merkel lehnt das ab. Eine Obergrenze würde bedeuten, dass ab dem definierten Punkt die Grenzen geschlossen werden müssen – das könnte das Ende des Schengener Abkommens bedeuten, das die offenen Binnengrenzen in den unterzeichnenden europäischen Staaten vorsieht. Das will Merkel nicht riskieren. „Viele sagen mir in diesen Tagen immer: Es gab auch ein Leben vor Schengen“, entgegnete sie ihren KritikerInnen. „Und ich antworte dann: Ich weiß, es gab auch ein Leben vor der Deutschen Einheit. Da waren die Grenzen noch besser geschützt.“
Dabei ist Merkel keineswegs grundsätzlich gegen Abschottung. Aber es sollen die europäischen Außengrenzen sein, die geschlossen werden – wie es das Schengener Abkommen vorsieht. Ihre Marschroute war und ist klar: Sie will die europäischen Außengrenzen abschotten und arbeitet deshalb eng mit der Türkei zusammen. Und sie setzt auf eine innereuropäische Lösung und will Flüchtlinge mithilfe von Kontingenten in der EU verteilen.
Doch das dauert – vielen in Deutschland zu lange. Das Verhältnis zwischen Merkel und dem bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer ist tief zerrüttet. Beim CSU-Parteitag hat Seehofer Merkel öffentlich gedemütigt, als er sie nach ihrer Rede auf offener Bühne maßregelte, weil sie sich nicht zu Obergrenzen geäußert hatte. Nicht nur von RechtspopulistInnen und Unions-PolitikerInnen, sondern bis über die politische Mitte hinaus wird Merkel persönlich vorgeworfen, für die Flüchtlingskrise in Deutschland verantwortlich zu sein. Sie habe mit „Willkommensgesten“ Geflohene geradezu aufgefordert, in die Bundesrepublik zu kommen, heißt es immer wieder. Als solche interpretiert wird vor allem ihr berühmter Satz „Wir schaffen das!“ aus dem Sommer vergangenen Jahres. Weitgehend vergessen ist, dass die Kanzlerin wenige Wochen vorher einem geduldeten, von der Abschiebung bedrohten palästinensischen Mädchen erklärt hatte, Deutschland könne nun mal nicht alle Flüchtlinge aufnehmen.

 

Auch männliche Gesten helfen nicht – Angela Merkel fehlt es an Härte, finden ihre KritikerInnen. Tim Reckmann/flickr
Auch männliche Gesten helfen nicht – Angela Merkel fehlt es an Härte, finden ihre KritikerInnen. Tim Reckmann/flickr

 

Aber Abschiebungen. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass Merkel diese Meinung bis heute geändert hat – auch wenn viele derjenigen, die in Deutschland für eine offene Flüchtlingspolitik stehen, das glauben. Merkel will nicht, dass weitere Flüchtlinge nach Deutschland kommen, sie will auch nicht, dass die Gekommenen bleiben. „Wir erwarten, wenn wieder Frieden in Syrien ist und wenn der IS im Irak besiegt ist, dass ihr auch wieder, mit dem Wissen, was ihr jetzt bei uns bekommen habt, in eure Heimat zurückgeht“, sagte sie kürzlich beim Landesparteitag der CDU in Mecklenburg-Vorpommern. Sie hat das Asylrecht und ihren Ton gegenüber Geflohenen massiv verschärft. Sie fordert rasche Abschiebungen, allerdings in einem moderateren Ton als CSU-Politiker: „Um denen Schutz zu geben, die Schutz brauchen, müssen andere in einem rechtsstaatlichen Verfahren dann auch wieder unser Land verlassen.“

Mit tiefer Tonlage. Merkel steht in der Flüchtlingspolitik nicht deshalb unter Beschuss, weil sie eine Frau ist. Aber die Art und Weise, wie Kritik an ihr geübt wird, hat viel damit zu tun. Frauen in der Politik kämpfen mit dem Vorurteil, dass sie emotional agieren – und deshalb in den Augen vieler Männer als ungeeignet für politische Ämter gelten. Merkel, die als junge Frau in der DDR Simone de Beauvoir gelesen hat, weiß das. Sie inszeniert sich als sachlich, kühl, emotionslos, unprätentiös und achtet stets darauf, mit tiefer Tonlage zu sprechen, damit ihre Stimme nicht schrill wirkt. Sie wurde verspottet als „das Merkel“, gleichzeitig wurden ihr Auftreten, ihre Frisur und ihre Kleidung hämisch kommentiert. Das nahm mit ihrer wachsenden Macht ab.
Jetzt, in der Flüchtlingskrise, sind die verborgenen sexistischen Muster wieder da. „Politiker dürfen sich nicht nur von Emotionen leiten lassen“, sagte etwa Hans-Peter Friedrich (CSU) mit Blick auf Merkels Flüchtlingspolitik. Er spricht ihr also ab, überhaupt einer Strategie zu folgen – statt ihre vorhandene Strategie infrage zu stellen. Klassischer geht es kaum: Es ist das uralte Ressentiment von der gefühlsduseligen Frau, der Mythos des von Emotionen gelenkten Weiblichen, das sich hier Bahn bricht. Nicht nur in der Union: Merkels Flüchtlingspolitik folge „dem nicht gering zu schätzenden Prinzip von Glaube, Liebe, Hoffnung“, findet der ehemalige SPD-Finanzminister Peer Steinbrück.

Naiv und emotional. Auch in der internationalen Presse hat sich der Blick auf Merkel verändert. „Es war immer klar, dass die Willkommenspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel naiv war“, schrieb „The Sunday Times“ aus Großbritannien nach den Übergriffen in Köln in der Silvesternacht. Ein Kolumnist der „New York Times“ forderte gar ihren Rücktritt. In Deutschland ist man noch nicht so weit. Aber auch dort wird Merkel anders bewertet als früher. „Neuerdings redet die Kanzlerin über Gefühle“, behauptete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Gleichzeitig wird Merkel Autoritätsverlust in den eigenen Reihen attestiert. „Einem Machtpolitiker wie Helmut Kohl wäre das in der Union auch nicht passiert, wenn diese innerparteilichen Kritiker noch eine politische Zukunft haben wollten“, schreibt die Zeitung – als hätte Merkel nicht mit dem Abräumen ihrer Widersacher in der Union von Friedrich Merz über Norbert Röttgen bis zu Edmund Stoiber Durchsetzungsfähigkeit bewiesen. Auch an der Politik von Merkels Vorgängern Helmut Kohl und Gerhard Schröder gab es zu deren Amtszeit erhebliche Kritik. Aber mit einem völlig anderen Unterton. Helmut Kohl, verspottet als „Birne“ und tölpelhaft, wurde gleichwohl stets Machtinstinkt und kalte Berechnung attestiert, Gerhard Schröder ebenso. Bei Merkel geht es um Gefühle und Schwäche. Sie kann sich noch so genderneutral inszenieren, der sexistische Blick bleibt: Als sie Anfang der 1990er-Jahre am Kabinettstisch Platz nahm, war sie „Kohls Mädchen“. Inzwischen nennen sie auch viele in der Unionsfraktion „Mutti“. Da schwingt kein Respekt mit, sondern Abwertung.
An Deutschlands Stammtischen und in den Kommentarspalten wird gerne behauptet, Merkel mache sozialdemokratische Politik – auch das ist eine sexistische Verkennung ihrer Strategie. Sie ist eine Konservative mit neoliberalen Einschlägen und überlegt pragmatisch, was sie wann durchsetzten kann. Sie hat höchst unerfreuliche Ziele wie Privatisierungen, Sozialabbau oder Einheitssteuersatz. Merkel hat jedoch im Wahlkampf 2005 erlebt, dass allzu offene Bekenntnisse schaden. Also verzichtet sie darauf, ohne ihre Ziele aus den Augen zu verlieren. Sie kann warten. Das könnte ihr jetzt zum Verhängnis werden. Denn ihre GegnerInnen wollen ihr keine Zeit lassen.

 

Anja Krüger ist Journalistin in Berlin und arbeitet für die Tageszeitung „taz“.

 

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neuland: Liberté, Egalité, Beyoncé https://ansch.4lima.de/neuland-liberte-egalite-beyonce/ https://ansch.4lima.de/neuland-liberte-egalite-beyonce/#respond Wed, 02 Mar 2016 11:24:46 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7091 NeulandBEYONCÉS neues Musikvideo zu „Formation“. Von HENGAMEH YAGHOOBIFARAH]]> Neuland

alltägliche grenzerfahrungen

 

Erneut brachte Beyoncé mit ihrer „Suprise, bitches!“-Marketingstrategie die Welt zum Ausrasten. Am Abend vor ihrem Auftritt in der Halbzeitpause des Superbowl veröffentlichte sie ihr neues Musikvideo zu „Formation“. Darin zelebriert sie US-amerikanische Schwarze Kultur und macht deutlich, welche Konsequenzen Hurrikan Katrina für Schwarze Menschen in New Orleans hatte. Diese politischen Narrative erzählte sie dann bei der Halftime-Show weiter, einer Hommage an Black-Panther-Aktivist_innen, #BlackLivesMatter und Michael Jackson. Ach ja, eine Welttournee kündigte sie auch noch an. So weit, so beyachtlich.
Die einen sehen im Weltstar eine Art Messias, der nicht nur toll singen, tanzen und sich inszenieren kann, sondern auch noch eine bedeutungsvolle Aktivistin ist. Andere, besonders liberale, weiße Fans, sind geschockt und rufen zum Boykott auf, da Beyoncé sich in ihrem neuen Song vermeintlich gegen die Polizei positioniert (als wäre das etwas Schlimmes und nicht eher ein Grund, sich ihr Gesicht auf den Oberarm tätowieren zu lassen). Und dann gibt es die Kulturpessimist_innen (lies: Feminist Killjoys), die sie für die Aneignung einer radikalen Ästhetik, für die Kapitalisierung aktivistischer Kämpfe und auch für falsche Beytroffenheit kritisieren. Es stimmt: Hurrikan Katrina verursachte bei Beyoncé selbst wohl keine Traumata. Und der Terminus „Radical Chic“ trifft ihren Auftritt im neuen orientalistischen Coldplay-Video wohl am besten, darin trägt sie im „indischen Dress“ selbst zur Essentialisierung und Aneignung von PoC-Kulturen bei. Trotzdem ist ihre Positionierung ein wichtiges Statement innerhalb von Mainstreamkultur. Und natürlich ist da vieles problematisch. Als nicht-Schwarze Person of Color steht es mir dennoch nicht zu, jede der Kritiken an Beyoncé zu formulieren, zum Beispiel betreffend ihres Light-Skinned-Privileges. Beyoncés politischer Kurs hat sicher 99 Probleme, doch wir sind keines davon.

 

Hengameh Yaghoobifarah ist ein großer Beyoncé-Fan und kann seit der Tour-Ankündigung kaum schlafen. Das Prinzip kritischen Konsumierens findet sie trotzdem süper.

 

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If I could get in I would come out https://ansch.4lima.de/if-i-could-get-in-i-would-come-out/ https://ansch.4lima.de/if-i-could-get-in-i-would-come-out/#comments Wed, 02 Mar 2016 11:19:20 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7081 Ein Kommentar von ELISABETH LÖFFLER

 

Der Diagnose „Cerebrale Tetraparese“ folgten im Lauf meines Lebens zahllose defizitorientierte Zuschreibungen einer sogenannten nichtbehinderten Mehrheit, der viel daran lag, meinen Körper zum Funktionieren zu bringen, wie es sich gehört. Weniger wichtig war, wie es mir in meinem Körper vielleicht gut gehen hätte können. Oder wie ich mich als Frau oder Mann oder sonstwo in der Kategorie „Geschlecht“ hätte verorten wollen. Auf die Diagnose „Behinderung“ folgt das Geschlecht „behindert“, alles andere rückt in den Hintergrund.
Lange wurde es als Errungenschaft angesehen, dass Menschen mit Behinderung versorgt, gepflegt, pädagogisch gefördert und geschützt vor der restlichen Gesellschaft beschäftigt und verwahrt wurden – besonders gern in abgelegenen Grüngebieten mit viel frischer Luft. „Früher hätte man solche wie Euch vergast“ (Zitat eines Besuchers nach einer integrativen Tanzveranstaltung, Ende der 1980er). Fürsorge im Grünen einerseits, unzählige Barrieren andererseits – Körperliche Zuschreibungen und Ausschlüsse sind überall, Räume zur Entwicklung einer eigenen Identität als Frau waren lange nicht vorhanden oder nicht zugänglich.
Bevor frau übersehen wird, muss sie erst als Frau gesehen werden. Wir Frauen mit Behinderung wurden von der „Frauenbewegung“ lange nicht als potenzielle Mitstreiter_innen für die Gleichstellung von Frauen in allen gesellschaftspolitischen Bereichen wahrgenommen. Wir waren ja auch nicht sichtbar. Cafés, Bars, Frauenzentren, Verkehrs- und Verhütungsmittel, Toiletten – nicht erreichbar.
Und: Viele Frauen mit Behinderung, die es geschafft haben, der frischen Luft der Fürsorge und den unzähligen Projektionen zu entkommen, wollten so schnell nicht wieder einer stigmatisierten Gruppe zugeordnet werden. Also lieber nicht zu den „Feministinnen“ oder den „FrauenLesben“ oder sonstwie „anderen“ gehören. Lieber endlich unauffällig und so „normal“ wie möglich sein.
Die Bürgerrechtsbewegung, die Frauenbewegung und die Independent Living Bewegung in den USA haben eine gemeinsame Wurzel: den Wunsch nach Selbstbestimmung. Wahlmöglichkeiten innerhalb einer Gesellschaft, gleichberechtige Teilhabe am politischen öffentlichen Leben, Zugang zu öffentlichem Verkehr, Gebäuden, Ämtern, Bildung – Ziele, die wie Selbstverständlichkeiten klingen und doch jahrzehntelange Kämpfe erforderlich gemacht haben. Es hat bis in die 1980/90er-Jahre gedauert, bis diese Haltung auch Österreich erreicht hat – in dieser Zeit entstanden die ersten Selbstbestimmt Leben Zentren, und Persönliche Assistenz als eine der nötigen Rahmenbedingungen, um tatsächlich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, wurde erkämpft. Ich hatte das Glück, genau in dieser Zeit am richtigen Ort gemeinsam mit gesellschaftspolitisch engagierten Frauen und Männern mit und ohne Behinderung und unterschiedlichen sexuellen Orientierungen zusammenzutreffen und so Vielfalt, Diversität und Inklusion erleben zu können – schon Ende der 1990er-Jahre, als die Begriffe dafür noch andere waren.
In den letzten Jahren erlebe ich bei gemeinsamen Projekten in queerfeministischen Zusammenhängen, dass genau an diesen Rändern das Verbindende im Anderssein spürbar wird. Wir erleben Gemeinsamkeiten – auch in den Diskriminierungserfahrungen: etwa Fragen, „ob das angeboren ist“ oder „heilbar“, ob „solche“ Menschen überhaupt Kinder haben sollen, ob sie geboren werden sollen, weiter leben dürfen. Die Liste ist schon zu lang und trotzdem unvollständig, wie wir wissen – und immer wieder am eigenen Körper erfahren müssen.
Reden wir darüber, anstatt uns zu schämen. Trösten, ermutigen und stärken wir einander, und setzen wir der oberflächlichen politischen Correctness und Phrasendrescherei konkrete Forderungen, politische Haltung und gelebte Solidarität entgegen.

 

Elisabeth Löffler ist Lebens- und Sozialberaterin, Rollstuhlnutzerin und neben ihrer künstlerischen Tätigkeit in der Selbstbestimmt Leben Bewegung und im queerfeministischen Umfeld aktiv.

 

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Queere Femininität https://ansch.4lima.de/queere-femininitaet/ https://ansch.4lima.de/queere-femininitaet/#comments Wed, 02 Mar 2016 11:12:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7083 Auch in queer_feministischen Szenen wird Weiblichkeit abgewertet. Von JULIA MARTIN

 

In einer Kultur, die auf der Unterdrückung und Marginalisierung von Frauen* und Weiblichkeit beruht, ist es kein Wunder, dass auch emanzipatorische Räume von ähnlich normierenden Mustern und Abwertungen durchdrungen sind. Queere Szenen versuchen, einen Raum für marginalisierte Personengruppen fernab von Heteronormativität zu schaffen, doch auch diese sind nicht immer frei von Diskriminierung und Hierarchien.

Unsichtbarkeit. Auffällig in queeren Szenen (besonders innerhalb Europas) ist eine herrschende Maskulinitätsnorm, die fast immer mit der Abwertung von Femininität einhergeht. Misogynie und Femininitätsfeindlichkeit sind sich nicht unähnlich. LGBTIQ-Szenen tendieren dazu, Maskulinität hervorzuheben und zu zelebrieren, während Femmes und andere Darstellungen von Femininität eher kritisch bis ablehnend betrachtet werden. Solche Abwertungen können z. B. die Unsichtbarmachung femininer Personen sein, aber auch die Diskriminierung trans*femininer Personen durch Trans*Misogynie.
Dabei spielten gerade in den 1940er- und 50er-Jahren feminine Personen eine wichtige Rolle in der Kultur von Butch/Femme. Dies änderte sich jedoch radikal im Zuge der Lesbenbewegung der 1960er- und 70er-Jahre, als die (vorwiegend weißen und akademischen) Aktivist*innen diese Identitätskonzepte als unterdrückend und als einen die Heterosexualität kopierenden Akt verstanden.

Sexistische Stereotype. Bis heute ist es so geblieben, dass queere Femininität oftmals verkannt, falsch gelesen und unsichtbar gemacht wird. Femininität wird nie als Ausdruck von Emanzipation betrachtet, sondern ist mit Stereotypen besetzt, die sich stark an heteronormativen und sexistischen Bildern von Unterordnung, Passivität, Künstlichkeit und Hilflosigkeit orientieren. Zusätzlich werden Femmes und feminine Personen objektifiziert und sexualisiert. Ebenso falsch wie die Annahme, dass Femininität immer mit einem weiblichen Geschlecht verknüpft ist, ist die Idee, dass eine feminine Performance immer mit einer Identität als Femme zusammenfällt.
Alle Szenen tendieren zu Uniformität, so auch queer_feministische Szenen. Um als dazugehörig erkannt zu werden, werden oft bestimmte Codes verwendet. Doch dass Codes alternativer Szenen auch normativ sein können, ist dabei vielen nicht bewusst. Ebenso wie die Tatsache, dass viele Dinge, die als androgyn und geschlechtslos angenommen werden, dies tatsächlich gar nicht sind. Denn kurze Haare und maskuline Kleidung sind nicht genderneutral. Hierin zeigt sich eine (unbewusste, angelernte) Orientierung an heteronormativen Denkmustern, bei denen Männlichkeit/Maskulinität als das Normale, Weiblichkeit/Femininität hingegen als das Andere gedacht wird. In diesem Kontext werden feminine Personen ebenfalls als weniger politisch, weniger queer und als oberflächlich abgestempelt und erscheinen in der Anlehnung an vermeintlich heteronormative Stereotype als nicht begehrenswert.

Feminine Subversion. Dabei wird jedoch das subversive Potenzial queerer Femininität übersehen. Queere feminine Performances richten sich gegen (hetero)normative Muster, stellen Femininität infrage und zeigen, wie vielseitig diese auch sein kann. Eine Femme zu sein oder feminin aufzutreten stellt einen tagtäglichen Akt der Revolution gegen das repressive System dar. Queere Femininität ist Empowerment, Selbstakzeptanz und das Ausleben der eigenen Identität in einer patriarchalen, sexistischen Welt. Dass sie dabei jedoch von Szenen abgewertet wird, die selbst für die verschiedenen Identitäten von systematisch unterdrückten Menschen kämpfen, ist besonders schade.

 

Julia Martin ist Lektorin und freie Journalistin in Berlin und definiert sich selbst als Femme.

 

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Widerständige Pionierin https://ansch.4lima.de/widerstaendige-pionierin/ https://ansch.4lima.de/widerstaendige-pionierin/#comments Wed, 02 Mar 2016 10:59:34 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7085 Die linke Visionärin und Wissenschaftlerin KÄTHE LEICHTER. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Die 1942 vom NS-Regime ermordete KÄTHE LEICHTER war Vordenkerin in vielerlei Hinsicht. Helene Maimann erzählt in ihrem Dokumentarfilm vom Leben der linken Visionärin und Wissenschaftlerin. Von BRIGITTE THEIßL

 

„Wer diese Arbeit ohne Kenntnis ihres Ursprungs liest, würde gewiss auf einen erfahrenen in handelspolitischen Geschäften ergrauten Staatsmann als Verfasser raten; es ist in der Tat erstaunlich, dass ein junges Mädchen nicht nur dieses riesige Material zusammenzubringen (…), sondern namentlich mit solcher Sicherheit die wirtschaftspolitischen Zustände (…) zu kennzeichnen verstanden hat.“ Das „junge Mädchen“, von dem in diesem Gutachten die Rede ist, ist die 22-jährige Käthe Leichter, die 1918 an der Universität Heidelberg beim berühmten Soziologen Max Weber promoviert. Um ihre Doktorprüfung ablegen zu können, reiste die gebürtige Wienerin mit einer Sondergenehmigung nach Deutschland – aufgrund ihres Engagements in den studentischen Antikriegsprotesten war ihr die Einreise für die Dauer des Ersten Weltkriegs verboten worden. Käthe Leichter, 1895 als Marianne Katharina Pick in eine großbürgerliche, jüdische Familie geboren, beschäftigt sich früh mit politischen Fragen, als eine der ersten Frauen in Österreich studiert sie Staatswissenschaften, politische Ökonomie, Geschichte und Statistik. Eine wissenschaftliche Karriere, die sie zunächst anstrebt, bleibt ihr verwehrt, stattdessen wird ihr 1925 eine Stelle in der Arbeiterkammer vermittelt, wo sie das Frauenreferat aufbaut. Schnell gewinnt sie dort die Zuneigung und den Respekt ihrer Kolleginnen, mit deren Unterstützung sie auch als erste Frau zur Betriebsrätin gewählt wird.

Wegweisende Studien. Die Forschungsarbeit, die Leichter leistete, hat die Historikerin und Filmemacherin Helene Maimann zum Fokus ihres Dokumentarfilms gemacht, der im ORF am Internationalen Frauentag gezeigt wird. „Käthe Leichter war die ‚Mutter der Frauenforschung‘, die weltweit Erste, die das Leben von (arbeitenden) Frauen mit den damals modernsten sozialwissenschaftlichen Methoden in großen Samples untersucht hat. Sie hat nicht den Blick auf die Frauen als ‚Studienobjekt‘ von oben gerichtet, sondern sowohl qualitative wie quantitative Studien unter Einbeziehung der Frauen selbst gemacht“, sagt Maimann. Die erste große Untersuchung des Frauenreferats der Arbeiterkammer Wien, die unter der Leitung von Käthe Leichter entsteht, erscheint 1927 unter dem Titel „Frauenarbeit und Arbeiterinnenschutz in Österreich“. Es folgen weitere systematische Erhebungen, die sich auf die Arbeitsbedingungen von Frauen konzentrieren: „Wie leben die Wiener Heimarbeiter?“ (1928) und „So leben wir. 1.320 Industriearbeiterinnen berichten über ihr Leben“ (1932). Das „Handbuch der Frauenarbeit in Österreich“ (1930), für das Leichter zahlreiche Autorinnen gewinnen kann und das mit innovativen Bildstatistiken versehen ist, zählt zu den Standardwerken der Frauenforschung. Ihre Forschungsergebnisse waren nicht zuletzt wegweisend für viele gesellschaftspolitische Reformen der Ersten Republik.

 

© privat/Franz Leichter
© privat/Franz Leichter

Solidarische Kämpfe. Ihre wissenschaftliche Arbeit verknüpft Leichter stets mit der politischen Praxis. Bereits während ihrer Studienzeit engagiert sie sich als Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) in linken Gruppen, später gehört sie dem Frauenzentralkomitee der Partei an. Leichter arbeitet eng mit der Frauenabteilung der Gewerkschaften zusammen, hält Vorträge und Schulungen und ermutigt andere Frauen – insbesondere junge Arbeiterinnen – dazu, Reden zu halten oder Texte zu verfassen. Frauenpolitische Anliegen fi nden zu dieser Zeit auch innerhalb der Gewerkschaftsbewegung noch wenig Beachtung, doch Käthe Leichter gelingt es 1927, dem Thema in der Gewerkschaftszeitung „Arbeit und Wirtschaft“ mit einer Beilage mit dem Titel „Frauenarbeit“ Öff entlichkeit zu verschaffen. Rudolfine Muhr, Betriebsrätin in einer Metallfabrik, begegnet Leichter 1929 bei einer Betriebsrätekonferenz zunächst mit Skepsis: „Was weiß die Frau Doktor um die Sorgen einer Metallarbeiterin? Was von unserem Kampf im Betrieb, der von Tag zu Tag härter wird? Und dann kam die große Überraschung. Ja, Käthe Leichter wusste um unser Leben, und sie schilderte, was wir täglich in der Fabrik erlebten.“

Glühende Antifaschistin. Wie in zahlreichen ihrer politischen Texte und Manuskripte nachzulesen ist, warnt Käthe Leichter immer wieder vor dem aufkeimenden Faschismus. Auf der Sozialdemokratischen Frauenreichskonferenz im November 1931 in Graz formuliert sie ihre antifaschistische Haltung in scharfen Worten: „Der faschistischen Massenbeeinfl ussung und ihren gefährlichen politischen Schlagworten sollen wir unsere Hauptagitation auf gemütlichen Frauenveranstaltungen mit Nähkursen und Haushaltsvorschlägen entgegensetzen? Nochmals: Auch das möge getan werden, aber auch: in Massenveranstaltungen, Flugschrift en, Betriebs- und Arbeitslosenpropaganda dem verlogenen Dritten Reich gegenüber unser sozialistisches Ziel entwickeln.“ Die faschistische Bedrohung wird schließlich 1934 zur bestimmenden Kraft, als die austrofaschistische Regierung Dollfuß die Sozialdemokratie zerschlägt, Käthe Leichter flieht mit ihrem Mann Otto und ihren beiden Söhnen vorübergehend in die Schweiz. Schon im September kehren sie zurück nach Wien, das Ehepaar ist fortan im Netzwerk der Revolutionären Sozialisten im Untergrund aktiv.

Nationalsozialistischer Terror. Wie Briefe und Berichte von ZeitzeugInnen belegen, verliert Käthe Leichter auch nach der Annexion Österreichs durch Hitler-Deutschland 1938 nicht die Hoffnung auf ein anderes – sozialistisches – Europa. Otto Leichter gelingt die Flucht in die Schweiz, doch Käthe bleibt zurück. Sie wird von einem Genossen und Spitzel verraten und am 30. Mai 1938 von der Gestapo verhaftet. Im Gefängnis des Wiener Landesgerichts verfasst sie ihre Lebenserinnerungen, ihrem Sohn Heinz, der rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden konnte, schreibt sie zum 15. Geburtstag: „Was soll ich Dir heute noch sagen, mein Bub? Dass in sehr dunklen Monaten, die zum Glück schon hinter mir liegen, die Erinnerung an unseren Abschied, an einen Buben, der so tapfer seine Tränen hinuntergeschluckt hat, mir viel geholfen und in mir die Verpfl ichtung gefestigt haben, mich so zu verhalten, dass Dein Vertrauen in mich nie enttäuscht wird! Dass ich voll Freude daran denke, dass mich, wenn ich herauskomme, ein zweiter Kamerad, ein guter Freund, mit dem ich schon alles besprechen kann, erwartet?“ Doch trotz zahlreicher ausländischer Interventionsversuche wird die Jüdin und Sozialistin 1940 ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Ihre Widerständigkeit, ihren Mut und ihren unerschütterlichen Glauben an eine politische Wende verliert Leichter bis zuletzt nicht: Im Lager trifft sie auf ehemalige Genossinnen wie Rosa Jochmann, es formiert sich eine Zelle, die sich unter Lebensgefahr politisch austauscht. Käthe Leichter schreibt kritische Gedichte und Theaterstücke, die heimlich aufgeführt werden. Im Gegensatz zu Rosa Jochmann entkommt sie der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie jedoch nicht: 1942 wird sie in der Psychiatrischen Anstalt Bernburg/Saale ermordet.

 

„Käthe Leichter. Eine Frau wie diese“: 8. März, 22.35 Uhr im ORF 2

 

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heimspiel: Scherz! https://ansch.4lima.de/heimspiel-scherz/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-scherz/#respond Wed, 02 Mar 2016 10:47:44 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7093 HeimspielDer Unterschied von bösartiger und spaßiger Ironie. Von ELSA HOHLWEIN]]> Heimspiel

leben mit kindern

 

Weit verbreitet ist die Meinung, Kinder verstünden erst in einem fortgeschrittenen Alter Ironie. Es sei daher nicht ratsam, kindliche Handlungen, die einem eher weniger gut gefallen (z. B. CDs am Boden zerkratzen) mit „Na, das hast du echt super gemacht!“ zu kommentieren. Resultat wäre: Kein Kind kennt sich aus, noch mehr CDs gehen kaputt. Was aber ist mit den vielen Momenten, in denen erwachsene Menschen mit Kindern diverse Absurditäten durchspielen und diese gedanklichen Verschiebungen sehr wohl als eine Form von Ironie verstanden werden? Ich stelle die nicht-wissenschaftliche These auf, dass bereits Kindergartenkinder bösartige und spaßige Ironie auseinanderhalten können. Nicht anders kann ich mir erklären, warum unsere jüngere Tochter seit einigen Monaten unglaubliche Freude dabei empfindet, Dinge in ihr Gegenteil zu verkehren („Du hast kein Essen“ oder „Ich hab die XX nicht gehauen“), um nach einer kurzen Pause die Sache mit einem grinsenden „Scherz!“ zu beenden. Selbstverständlich könnte ich daraus schließen, dass nur unsere Tochter so genial ist, Ironie zu kapieren, oder ich zu doof, um zu begreifen, was Ironie eigentlich ist. De facto glaube ich, dass fast alle Kinder zu Recht ironische Bösartigkeiten von Erwachsenen einfach überhören, jedoch selber Spaß am ironischen Worteverdrehen, Lügen und Fantasieren haben.
Letzte Woche waren wir jedenfalls völlig alleine mit Dachsarg auf der Autobahn auf dem Weg zum Skifahren. Scherz. Alle waren da. Und wir haben Spießerurlaub gemacht: Frühstücken in Skihose, rein in die Skischuhe, Handschuhe vergessen und wieder raufrennen in Skischuhen, fix und fertig sein, bevor es losgeht, um dann die Kinder um 9:45 (!) in der Skischule abzugeben. Supergemütlicher Urlaubsmorgen. Dann ganze zwei Stunden selber Ski fahren, um danach noch mit den Kindern schwimmen zu gehen. Es war lustig und so erholsam, dass ich wie immer in den letzten Jahren im Anschluss krank bin – nächstes Jahr will ich an Strand!

 

Elsa Hohlwein lebt mit ihrer Freundin und ihren zwei Kindern. Sie ist sehr stolz, dass ihre Jüngere beim Skirennen erste wurde, weil sie – ohne die Tore zu nehmen – Schuss runtergefahren ist! Regeln sind einfach überbewertet.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

 

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an.künden: Speak Up! https://ansch.4lima.de/an-kuenden-speak-up/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-speak-up/#respond Wed, 02 Mar 2016 10:46:49 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7071 © Sturm auf den TurmPoetry-Slam-Action mit MIEZE MEDUSA und YASMO im KosmosTheater.]]> © Sturm auf den Turm

Die beiden Autorinnen, Slampoetinnen und Rapperinnen Mieze Medusa und Yasmo sind bekannt für ausgefeilte Wort- und Sprachspielereien. 2011 haben sie das Poetry Slam Team „MYLF“ (Mothers You’d Like to Flow with) gegründet. Gemeinsam bieten sie einen kostenlosen Poetry-Slam-Workshop für alle an, die sich immer schon einmal an der Bühnenpoesie versuchen wollten. Gleich im Anschluss daran moderieren die beiden einen feministischen Poetry Slam.

 

© Sturm auf den Turm
© Sturm auf den Turm

 

15.3., 17:00: Kostenloser Workshop. Anmeldung: textstrom@gmail.com
15.3., 20:00: Flawless Feminist Poetry Slam, KosmosTheater, 1070 Wien, Siebensterng. 42, www.kosmostheater.at

 

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an.lesen: Immer unterwegs https://ansch.4lima.de/an-lesen-immer-unterwegs/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-immer-unterwegs/#respond Wed, 02 Mar 2016 10:39:06 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7087 GLORIA STEINEMS bewegte Memoiren. Von ARTEMIS LINHART]]>

Wie politisch das Private ist, lässt sich an den Memoiren der US-amerikanischen feministischen Ikone GLORIA STEINEM ausgezeichnet nachvollziehen. Von ARTEMIS LINHART

 

Anfang des Jahres gründete die Schauspielerin Emma Watson einen feministischen Online-Lesekreis namens „Our Shared Shelf “, bei dem monatlich ein Buch gemeinsam diskutiert werden soll. Als erstes Werk wählte sie Gloria Steinems kürzlich (bislang nur auf Englisch) erschienene Memoiren „My Life on the Road“ aus und brachte damit im politisch brisanten US-Wahljahr medienwirksam die Stimme einer Feministin der zweiten Welle zu Gehör.
Das Erscheinen fällt praktischerweise mit den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen zusammen. Beim Lesen stellt sich unweigerlich die Frage, ob Steinem damit ihren politischen Einfluss zugunsten Hillary Clintons auszuspielen versucht. Hat sie sich 1996 noch für Bernie Sanders’ Wiederwahl als Senator eingesetzt und ihn gar als „honorary woman“ bezeichnet, positioniert sie sich nun auf Clintons Seite.

Streifzüge. Die heute 81-Jährige blickt in ihrer Autobiografie auf ein Leben zurück, das sowohl beruflich als auch emotional zu großen Teilen davon geprägt ist, unterwegs zu sein. Die Straße als Ort der Freiheit, der Aktivität und der Umtriebigkeit (im krassen Gegensatz zu Heim und Herd und all jenem, das früheren Generationen sonst noch heilig war) wird dabei als männliche Domäne identifiziert und mithin zurückgefordert. Steinem möchte ihre persönliche Reise allerdings nicht als road trip im Kerouac’schen Sinn verstanden wissen. Statt einer temporären Rebellion, einer Entdeckungsreise des Selbst ist das Unterwegssein für sie vielmehr eine zentrale Charaktereigenschaft. Steinem bezieht sich sehr stark auf ihren Vater, dessen Rastlosigkeit ihr Familienleben ohne fixes Zuhause geprägt und ihre Lust an einem nomadischen Lebensstil entfacht hat.

 

Gloria Steinem 1972 © United States Library of Congress/Wikimedia, Foto: Warren K. Leffler
Gloria Steinem 1972 © United States Library of Congress/Wikimedia, Foto: Warren K. Leffler

 

Umwege. Daher handelt das Buch auch kaum von der Gründung des „Ms. Magazine“ 1971 – einer eher ortsgebundenen Unternehmung – und mehr von ihren politischen Projekten. Ganz Nordamerika bereisend, fungierte Steinem als Organisatorin, war Anlaufstelle und treibende Kraft für feministische Anliegen und Entwicklungen. Dem Lesekreis gar nicht unähnlich ist Steinems bevorzugte Arbeitsweise: „Talking Circles“ sind Zusammenkünfte Gleichgesinnter mit politischer Agenda, deren Leitung sie zwar übernimmt, doch deren eigentliche Stärke darin liegen soll, die Zügel dem Publikum selbst zu überlassen.
Strukturiert ist das Buch eher chaotisch. Unzählige Ereignisse, Veranstaltungen und Prozesse finden Erwähnung, deren zeitliche oder kausale Einordnung wird durch Abschweifungen oftmals erschwert. Ein Abdriften in Details und das Anschneiden zahlloser Anekdoten machen „My Life on the Road“ so teilweise zu einer historischen Irrfahrt.

Einsichten. Steinem lässt die private und politische Sphäre stets verschmelzen, ihr Zugang bleibt immer subjektiv. Anstatt zu belehren, übermittelt sie Fakten meist mit einer Bemerkung dazu, wie sie selbst mit jenem Thema vertraut wurde oder welche Reaktion dabei in ihr hervorgerufen wurde. Diese gewisse Demut ist besonders dann von Vorteil, wenn sie sich auf dem komplexen Terrain der Intersektionalität bewegt und dabei Rassismus, Klassismus, Ableismus und Religion thematisiert.
Das Abfahren all dieser Strecken ist es auch, was das Buch zu einer so vielseitigen und wertvollen Reise macht. Nicht zuletzt gesteht Steinem dabei auch immer wieder ihre Schwächen ein. Etwa wenn sie von ihren Lernprozessen und – so erstaunlich es bei einer Karriere, die vornehmlich auf öffentlichem Reden basiert, auch erscheinen mag – ihrem heillosen Lampenfieber erzählt.

Einblicke. Der Kreis schließt sich im letzten Teil des Buches über indigene Gesellschaftsstrukturen, in dem gezeigt wird, dass das präkolumbische Amerika matrilinear (also mit weiblicher Erbfolge) angelegt war. Im Kapitel mit dem Titel „What Once Was Can Be Again“ blickt Steinem hoffnungsvoll in eine Zukunft, in der sie es für möglich hält, aus dem rigiden Gerüst des Patriarchats auszubrechen und zu Werten zurückzukehren, die eine Gleichstellung der Geschlechter als selbstverständliche Weltordnung anerkennen. Was weitgehend fehlt, ist das Hinterfragen binärer Geschlechterkonstruktionen. Trans-Identitäten etwa kommen in dieser trans-amerikanischen Entdeckungsreise nicht vor. Nichtsdestotrotz ist „My Life On The Road“ eine lohnende Lektüre, die Einblicke in das Leben einer feministischen Ikone und zahlreicher Wegbegleiter_innen gibt.

 

Gloria Steinem: My Life on the Road
Oneworld Publications
2015, ca. 22 Euro

 

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bonustrack: Hundemusik https://ansch.4lima.de/bonustrack-hundemusik/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-hundemusik/#comments Wed, 02 Mar 2016 10:29:35 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7095 Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.comEin Leben ohne Hunde und Weltfrieden. Von ANNA KOHLWEIS]]> Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

Ich wohne temporär in meinem alten Kinderzimmer in Klagenfurt. Das „temporär“ in diesem Satz ist wichtig, das darf ich nicht vergessen. Ich geh’ bald wieder. Ehrenwort. Ist ja auch schlecht fürs Image, einerseits dauernd von überall wegwollen und dann zwischen der Bullerbü-Gesamtausgabe und Skikursfotoalben sitzen, Vaters Rotwein schlürfen und blöd schaun. Hier hängt ein Foto vom fünfjährigen Ich, die Kinderarme um meinen kleinen Bruder gelegt, und ich schwöre, ich spüre die Kulleraugen überall im Raum im Rücken.
– „Du, Anna …“, sagt die kleine Anna.
– „Was?“
– „Du, wo ist der Hund?“
– „Welcher Hund?“
– „Wollten wir nicht mit zwanzig spätestens einen Husky haben? Oder einen Spaniel. Oderoder … einen Terrier vielleicht.“
– „Du, wir haben keinen Hund. Wir haben Allergien.“
Seit einer Woche nehme ich im Zimmer meines Bruders ein neues Album auf. Mittlerweile schlägt mir niemand mehr vor, ein Studio zu mieten. Vielleicht hat es sich rumgesprochen, dass ich bei meiner Arbeitsweise nicht weiß, was ich dort tun sollte. Manchmal muss ich hier zwischen Bett und Bücherregal das Mikrofon abdrehen, weil sich neben dem Knarren des Bodens noch ein „Anna! Geschirrspüler ausräumen!“ auf die Aufnahme schwindelt. FreundInnen sagen, ich sollte das einbauen. Das ist mir dann aber bei aller Liebe zum Homerecording doch zu viel. Wenn ich schon physisch nicht wieder abhauen kann, dann zumindest musikalisch. War doch die Musik immer in erster Linie dazu da, nirgends hinzugehören. Immer balancierend zwischen einem „Yeah, wir!“ und einem „Ich-will-nichtsmit-euch-zu-tun-haben“, zwischen einem bewussten Befassen mit der Unmöglichkeit der Welt und unterbewusstem Eskapismus. Gestern habe ich mir spontan einen gepackten Koffer tätowieren lassen, weil ich meine Koffer schon zu lang nicht mehr gepackt habe. Ich hab kurz darüber nachgedacht, wie das alles damit zusammenhängt, dass ich mit der Welt momentan einfach nicht umgehen kann. Ich weiß es nicht. Aber wenn mir das Leben schon keine Hunde und keinen Weltfrieden gibt, ist das Sachen-Machen zumindest noch da. Und ich mach einfach mal.

 

Anna Kohlweis ist Squalloscope und ist müde, aber hoch motiviert.

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
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an.sehen: Sommer mit Russen https://ansch.4lima.de/an-sehen-sommer-mit-russen/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-sommer-mit-russen/#respond Wed, 02 Mar 2016 10:19:38 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7089 © Filmladen Filmverleih/kgpNÖSTLINGERS „Maikäfer flieg“ auf der großen Leinwand. Von FIONA SARA SCHMIDT]]> © Filmladen Filmverleih/kgp

Zu Recht wird „Maikäfer flieg“ nach CHRISTINE NÖSTLINGERS autobiografischem Roman die Diagonale 2016 eröffnen. Ein brutaler, aber auch ein fröhlicher und feministischer Film, meint FIONA SARA SCHMIDT.

 

Als der Krieg schon fast vorbei ist, flüchtet die neunjährige Christine mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Neuwaldegg. Es ist April 1945, die rote Armee ist nicht mehr weit von Wien entfernt. Die Großmutter weigert sich, ihre zerbombte Wohnung zu verlassen, weil sie nicht in einer „Nazivilla“ am Stadtrand unterkommen möchte. Diese Villa wird zum Refugium der Familie, die voller Angst auf die Ankunft der Russen wartet, denn der von der Wehrmacht desertierte Vater ist inzwischen auch dort abgetaucht. Die Hausherrin kehrt mit ihrem Sohn ebenfalls zurück, das Grundstück wird bald wirklich von einer Kompanie eingenommen.

Kind im Krieg. Der Romanstoff von 1973 wird auch heute junge wie alte Kinogänger_innen in seinen Bann ziehen und wurde auch deswegen als Eröffnungsfilm der Diagonale ausgewählt, weil für so viele Kinder Krieg nach wie vor schreckliche Normalität ist. „Ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern, dass einmal kein Krieg war“, sagt die kleine Christel zu Beginn aus dem Off. Mirjam Ungers gleichsam liebevoll gestaltetem wie auch an manchen Stellen schonungslosem Film gelingt der Spagat, das Leben im Frühjahr und Sommer 1945 mit all seinen inneren Widersprüchen einzufangen: zwischen Zukunftsangst und dem Arrangieren mit den Befreiern, neuen gesellschaftlichen Rollen, Gewalt und fröhlichen Momenten trotz Hunger und Unsicherheit. Die Regisseurin, die ihren jüdischen Wurzeln im Dokumentarfilm „Viennas Lost Daughters“ (2007) nachgegangen ist, hat nach „Ternitz, Tennessee“ nun 15 Jahre später wieder einen Spielfilm gedreht.

 

Christine (Zita Gaier) mit ihrer großen Schwester (Paula Brunner) © Filmladen Filmverleih/kgp
Christine (Zita Gaier) mit ihrer großen Schwester (Paula Brunner) © Filmladen Filmverleih/kgp

 

Neuer Alltag. Der prägendste Satz aus den Gesprächen mit Christine Nöstlinger war in der Vorbereitung für Unger: „Die Wochen aus ‚Maikäfer flieg’, die Wochen im Sommer 1945, als alles in Schutt und Asche lag, waren die aufregendsten und spannendsten und vielleicht sogar schönsten Wochen meiner Kindheit.“ Diese Ambivalenz ist für Unger ein wesentliches Element ihrer Verfilmung, deswegen ist dieser Sommer auch nicht grau in grau, sondern bunt, und alle Figuren wirken trotz aller Entbehrungen quicklebendig. Der Koch Cohn (Konstantin Khabensky), mit dem Christine sich zum anfänglichen Entsetzen ihrer Eltern anfreundet, spricht deutsch und ist als Jude Außenseiter der trinkfreudigen Kompanie, er wird zur Verbindung zwischen Christine und „den Russen“. Zita Gaier spielt bezaubernd das neugierige und sturköpfige Kind, an dem die Mutter (Ursula Strauss) regelmäßig verzweifelt. Christines Vater (Gerald Votava) muss seinen Platz in der Familie erst wieder finden, die Frauen sind selbstbewusst und kümmern sich – nicht immer mit den sanftesten Erziehungsmethoden – um die Kinder und den Haushalt. Konsequent ist auch der Wienerische Dialekt bei der Eltern- und Großelterngeneration. Die Kompanie, zu der auch eine Frau gehört, wurde zum großen Teil mit russischen Schauspieler_innen besetzt, was die oftmals schwierige Kommunikation in der Villa authentisch erscheinen lässt. Die Musik von Gustav, die bereits 2012 in Ungers Dokumentation „Oh yeah, she performs“ zu sehen war, und manche optische Spielerei sorgen für den verwunschenen Glanz der Kindheit, den der Film insgesamt vermittelt.

Starkes Statement. Christine Nöstlinger, die heuer ihren achtzigsten Geburtstag feiert, ist mit ihrer politischen Haltung für die Crew auch ein Vorbild. Es sei kein Zufall, dass mit Produzentin Gabriele Kranzelbinder, Mitautorin Sandra Bohle, Kamerafrau Eva Testor, Katharina Wöppermann (Szenenbild), Niki Mossböck (Schnitt) und eben Eva Jantschitsch für die Musik alle zentralen Aufgaben mit Frauen besetzt sind, schreibt Mirjam Unger über die Produktion. „Wir alle durften uns mit einem Budget, das die (für Frauen bislang) gläserne Decke durchbrochen hat, an diese historische Verfilmung wagen. Es ist uns allen bewusst, dass wir hiermit ein klares frauenpolitisches Statement setzen.“ Ein sehenswertes noch dazu.

 

Maikäfer flieg
Regie: Mirjam Unger
A 2016, 109 Min.
ab 11.3. in den österreichischen Kinos

 

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an.künden: Aufgeladene Keimzelle https://ansch.4lima.de/an-kuenden-aufgeladene-keimzelle/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-aufgeladene-keimzelle/#respond Wed, 02 Mar 2016 10:08:01 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7069 © DownDoxPerformativität der Ehe und künstlerische Interventionen bei der Reihe queerograd Satellit.]]> © DownDox

Die Institution Ehe produziert Ein- und Ausschlüsse und ist Mittel zur Organisation von Eigentum. Als erste Keimzelle verschiedener Staatssysteme wird die Eheschließung von vielen abgelehnt, anderen verhilft sie zu Staatsbürgerschaft oder gesellschaftlicher Anerkennung. Die Performativität der Ehe und künstlerische Interventionen stehen deswegen im Zentrum der Veranstaltung der Reihe queerograd Satellit, bei der bisherige Aktionen zum Thema diskutiert werden. Dazu gibt es Musik von den DownDox, Brautkleider und veganen Hochzeitskuchen.

18.3., 19:00: queerograd Satellit „tu felix austria nube“,
Kultur in Graz, 8010 Graz, Lagerg. 98a, www.kig.mur.at

 

© DownDox
© DownDox

 

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Pin-Ups: Off the Rokket https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-6/ https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-6/#comments Wed, 02 Mar 2016 10:03:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7101 Yori Gagarim...]]> Yori Gagarim

Von YORI GAGARIM.

 

Illustration: Yori Gagarim
Illustration: Yori Gagarim

 

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positionswechsel: Ich kenn mich aus https://ansch.4lima.de/positionswechsel-ich-kenn-mich-aus/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-ich-kenn-mich-aus/#respond Wed, 02 Mar 2016 09:54:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7097 positionswechsel_anschlaege_feminismus_kolumneIm Bett ist Sex ja doch am bequemsten. Von LILY KASTRO]]> positionswechsel_anschlaege_feminismus_kolumne

eine lady genießt und schreibt

 

Die Verwunderung meines sozialen Umfeldes darüber, dass ich neuerdings Sexkolumnistin der an.schläge bin, ist groß. Denn alle glauben, ich könne weder Vagina noch Klitoris laut aussprechen, ohne rot zu werden.
Das kommt wohl auch daher, dass niemand weiß, dass ich während meines Nebenjobs in einer Videothek diverse Beratungsgespräche geführt habe. Aus Umsatzgründen bestanden 85 Prozent des DVD-Sortiments aus Pornos. Ich kenn mich also aus. Mich wundert nichts mehr. Vielleicht ist auch das der Grund für mein prüdes Image. Übersättigung quasi. Ich bin eine Goldstar-Lesbe, die am liebsten Sex im Bett hat. Klingt langweilig, ist es aber nicht. Mir fallen nämlich fast so viele Fragen ein wie Plastikteile, die im Meer treiben: Fühlen sich Orgasmen für alle gleich an? Sind Liebesschaukeln speziell für Lesben eine Marktlücke? Könnten sie mein Karrieredurchbruch sein? Wer sagt, ich muss mich beim Sex ausziehen? Wie haben Heteros Sex? Und so weiter und so fort.
Doch zurück zu meinem Goldstar-Dasein. Habe ich meine Teenagerjahre noch damit verbracht, mich zu fragen, ob ich nicht etwas verpasse, so kann ich heute guten Gewissens sagen: Sicherlich nicht! Zu dieser Gewissheit verhalfen mir zweifelsohne auch zahlreiche Anekdoten verschiedener Partner_innen über ihre vergangenen Hetero-Sexgeschichten. Die klangen nämlich eher nach „Such-die-Klitoris“-Spieleabenden. Die Tatsache, dass mir diese Berichte meist nackt und bei der symbolischen „Zigarette danach“ erzählt wurden – entsprechend also vielleicht ein gewisses sugar coating zur Schonung meines Egos stattfand –, habe ich bislang immer ignoriert und werde dies auch weiterhin tun. Dennoch: Wenn ich mir überlege, was ich oder meine Partner_innen verpasst haben könnten, fällt mir nichts ein. Und da bestimmt viele gerade an penetrativen Sex denken – mir stehen alle größenspezifischen Möglichkeiten offen. Wenige Finger, viele Finger, die ganze Hand. Und im Zweifelsfall ist es immer noch so, dass ich noch nie von einem Penis gehört habe, der größer ist als mein Unterarm.

 

Trotz ihres prüden Images hatte Lily Kastro schon an vielen Orten Sex. Deshalb weiß sie auch, dass es im Bett am bequemsten ist.

 

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

 

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